„Rad rasant“:
Bewegung ins Bild gebracht

Zugegeben: Manchmal beneide ich ja die Filmer um die Möglichkeit, Bewegungen „einfach“ einfangen zu können. Aber auch die Fotografie bietet hierzu interessante Ansätze. Eine Herangehensweise wollen wir uns in der heutigen Bildbesprechung anschauen.

Canon A1, 2.8/24mm, auf Ektrachrome 100, Diaper Klebeband am Schienenbein befestigt, AV Modus, Blende 8 - (c) Dirk Althoefer

Unser Leser Dirk Altehoefer aus Wittenbach im Kanton St. Gallen hat uns das obige Bild unter dem Titel „Rad rasant” in der Kategorie ‚Landschaftsfotografie‘ zur Besprechung eingereicht. Er schreibt dazu: „Canon A1, 2.8/24mm, auf Ektrachrome 100, Diaper Klebeband am Schienenbein befestigt, AV Modus, Blende 8, Versuch Bewegung und dennoch Durchzeichnung des Waldweges zu erkennen.”

Ich hoffe, Dirk und seine Canon haben diesen Ausflug unbeschadet überstanden. Rasant sieht diese Abfahrt tatsächlich aus. Mit etwas Klebeband hat Dirk die alte A1 in eine Vollformat-Actioncam verwandelt. Vermutlich war noch ein langer Drahtauslöser im Spiel. Schauen wir uns nun aber das Ergebnis dieses interessanten Experiments an.

Die Wiedergabe von Bewegungen stellt ein grundsätzliches Problem der Fotografie dar. Neben der Nutzung von Bilderserien bieten sich gezielt eingesetzte Bewegungsunschärfe, die Wahl der Linienführung oder aber das Einfrieren eines kurzen Moments des Bewegungsablaufs an. Letztere Variante ist nur dann zielführend, wenn das Motiv einen klaren Hinweis auf die Bewegung enthält. Dies kann zum Beispiel die Körperhaltung eines Sportlers sein. Ein anderes Beispiel wurde hier bereits vor längerer Zeit von Sofie Dittmann vorgestellt. So viel zur Theorie.

Dirk hat sich entschieden, die Bildaussage mit Hilfe der Bewegungsunschärfe umzusetzen. Die recht minimalistische Komposition wird bestimmt durch die Abbildung des Vorderrads in der linken Bildhälfte sowie die Wiedergabe des befahrenen Waldwegs und der Bäume, die diesen begrenzen. Durch die gewählte Fluchtpunktperspektive wird der Fahrtverlauf deutlich:

Vergleichsfoto (Bildelemente/Fluchtpunkt)

Diese Linienführung zieht den Betrachter förmlich in das Bild hinein. Die Unschärfe symbolisiert eindrucksvoll die rasante Abfahrt. Hierzu hat Dirk eine relativ lange Belichtungszeit gewählt, die durch eine verhältnismäßig geringe Filmempfindlichkeit von ISO 100 und Abblenden auf f8 möglich wurde. Der Spagat zwischen Unschärfe und verbleibender Zeichnung wurde gut gemeistert.

Die Art und Weise in der das Bild aufgenommen wurde, bedeutet natürlich einen gewissen Kontrollverlust bei der Bildgestaltung. Die Komposition konnte nur im Groben durch die Positionierung der Kamera am Schienbein und die vorgenommenen Belichtungseinstellungen bestimmt werden. Nicht optimal empfinde ich unter diesem Gesichtspunkt die Anordnung des Fluchtpunkts, der sich nahe dem Mittelpunkt befindet. Diese Positionierung im Zentrum bewirkt eine Statik, die der Bildaussage widerspricht. Gleiches gilt für die Baumstämme, die als deutliche, (fast) senkrechte Linien die linke Bildhälfte gliedern. Eine noch längere Belichtungszeit hätte diese Formen verwischen und die dynamische Wirkung verstärken können. Allerdings hätte dies eventuell die Zeichnung des Weges zu stark aufgelöst. Eine Verkippung der Kamera hätte hier eine interessante Alternative geboten. Das Vergleichsbild soll diesen Effekt illustrieren. Es stellt keinen Beschnittvorschlag dar.

Vergleichsbild (Verkippung)

Werfen wir abschließend noch einen kurzen Blick auf die Tonwerte und Farben. Der Film konnte offensichtlich die starken Helligkeitsunterschiede im Bild nicht einfangen. Vermutlich sind beim Scannen weitere Details verloren gegangen. Tonwertabbrüche sehen wir in den Tiefen (Teile des Fahrradrahmens) als auch in den Lichtern (Himmel rechts oben). Insbesondere die ausgebrannten Lichter sind bedauerlich, da sie das Grün des Laubes überblenden. Auffällig finde ich die blassen Farben, die für den verwendeten Diafilm nicht typisch sind. Vielleicht war dieser überlagert? Schade, eine höhere Sättigung hätte die Dynamik der Szene zusätzlich unterstrichen.

Vergleichsfoto (Tonwertabbrüche)

Zusammenfassung

Dirk hat durch den gezielten Einsatz der Bewegungsunschärfe und Ausnutzung der Fluchtpunktperspektive die Dynamik dieser Szene gekonnt eingefangen. Seine unkonventionelle Aufnahmetechnik hat zwar den kompositorischen Feinschliff verhindert, die Botschaft kommt aber trotzdem an.

2 Antworten

Trackbacks & Pingbacks

  1. […] der komplette Vorderkörper in der Schärfe liegen und die bewegten Flügel unscharf sind, was bei 1600/s zwar keine Bewegungsunschärfe sein kann, aber auf den Betrachter durchaus so […]

  2. […] ist es ja nicht in jedem Fall ein Unglück, etwas Bewegung in einer Fotografie zu haben – noch dazu in einer, welche die Unbeweglichkeit und Ruhe ausdrücken soll. es würde ein […]

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