Motive erkennen:
Perspektive finden (Teil 1)

(c) Carsten Schröder

Viele Menschen schauen bloß, manche „sehen“. Sehen in diesem Sinn kann man nicht wirklich lernen – entweder man hat ein fotografisches Auge, oder man hat es nicht – aber man kann jenes fotografisch schulen, und aus Szenen werden dann Motive. Wie man diese umsetzt, ist eine andere Sache.

„Motivsuchende sind oft orientierungslos, fühlen sich unkreativ, weil sie nicht wissen, was sie fotografieren sollen. Unser visuelles Interesse wird durch unterschiedliche Reize geweckt – nur dann nehmen wir unsere Umgebung intensiver wahr. Der normale Alltag reduziert das Wahrnehmungsinteresse, die tägliche Umgebung stumpft uns ab. Das sind unzählige verlorene Augenblicke und verpasster Motive! Versuche die Umwelt aus einem anderen Blickwinkel und mit anderen Augen wahrzunehmen! Sei neugierig und gehe auf visuelle Entdeckungsreise. Ausschlaggebend ist nicht nur, was du siehst, sondern WIE du es siehst.“
Allmud Adler

Ich möchte euch hier einige Bespiele von Bildern zeigen, bei denen es darum geht, wie ich an Motive herangehe, was ich sehe, wie ich reagiere, und was aus einem ursprünglichen Bild wurde.
Die Möglichkeiten der Bildbearbeitung sollten zum Teil schon bei der Aufnahme in Betracht gezogen werden.

1. Wortsegel bei Nacht

Wortsegel bei Nacht - (c) Carsten Schröder

Sternenaufnahmen bedürfen immer eines besonders geduldigen Fotografen. Das Motiv des Wortsegels (ein Wahrzeichen meiner Heimatgemeinde Tholey, im schönen Saarland) vor Sternenhimmel hatte ich mir schon länger ins Auge gefasst, doch ich brauchte eine sternenklare, möglichst mondlose Nacht und natürlich ein wenig Zeit zum Fotografieren an diesem Tag. So habe ich von der Idee bis zur Umsetzung doch 6 Monate gebraucht.

An einem Abend, ich kam gerade von einem Fotoclubtreffen und hatte meine Kamera, einen kleinen Akkustrahler und das Stativ dabei, ging es los. Ich wollte auch nicht bei tiefster Nacht fotografieren, sondern die „blaue Stunde“ noch nutzen, da der Himmel viel schöner leuchtet. Ich baute mir also die Kamera aufs Stativ und suchte mir (im fast Dunklem) den passenden Ausschnitt. Ich verwendete mein Weitwinkel (14mm auf Vollformat), um möglichst Räumlichkeit in das Bild zu bekommen. Die Schärfe musste ich an meinem Samyang-Objektiv von Hand einstellen, natürlich auf Unendlich (größer 3m).

Zunächst machte ich einfach mal ein Bild ohne Strahler und kam auf eine Belichtungszeit von 30 Sekunden bei Blende 5,6 und ISO 800. Zu lange darf die Belichtungszeit nicht sein, sonst sieht man nur die Sternenspuren und keine Punkte mehr. Nächste Einstellung: Gleiche Bedingungen der Kamera, nur dass ich mit meinem Akkustrahler das Wortsegel während der Belichtung abwedelte mit dem Erfolg, dass dieses total überstrahlt wurde. Also nochmals mit weniger Licht anstrahlen. Mit meiner Leuchte huschte ich nur kurz über das Wortsegel. Das wars. Die Beleuchtung des Schaumbergs bzw. von dem Dorf Tholey im Hintergrund brachten die nötige Räumlichkeit und Bildstimmung ins Bild.

2. Relaxed

Ich sah dieses „Haus“ am Strand von Barcelona und dachte, „Klasse, das ist Dein Motiv!“ – doch leider waren sehr viele Menschen in der unmittelbaren Umgebung. Da ich aber mit meiner Frau mehrere Tage dort verbrachte, kehrte ich ab und zu mal wieder zu „meinem“ Haus zurück. Leider war es aber nie wirklich leer dort, und am dritten Tag saß ein junger Mann mit dem Rücken an dem Gebäude. Es sah aus, als wenn er es stützen würde und relaxed sah er auch noch dabei aus. Das gefiel mir, aber es waren immer noch sehr viele Menschen am Strand.

Ich entschied mich schließlich dazu, dass ich es irgendwie schaffen muss, den Strand später in der Bildbearbeitung zu leeren und aufzuräumen. Das Motiv gefiel mir einfach zu gut! Gesagt getan. Es nahm zwar einige Zeit in Anspruch, aber es hat sich gelohnt. Hier das Foto vor und nach dem „Aufräumen“:

"Relaxed" (Ausgangsbild) - (c) Carsten Schröder

"Relaxed" (Endergebnis) - (c) Carsten Schröder

3. „Zwillinge“

Zwillinge - (c) Carsten Schröder

Ich war mit meiner Familie im Zoo und durchwanderte die Wege und Gehege. In einer mittleren Entfernung sah ich die beiden Zebras stehen, die ihre Köpfe zusammengesteckt hatten. Da ich zu dieser Zeit nur eine 35 mm Festbrennweite auf meiner Kamera hatte, war es unmöglich den „richtigen“ Bildausschnitt schon bei der Aufnahme zu finden. Ich wollte auf mein Telezoom wechseln, machte vorher aber noch ein paar Aufnahmen, wechselte das Objektiv und… die Situation war vorbei. Das eine Zebra drehte sich weg und trabte davon.

Hier das ursprüngliche Bild:

Zwillinge (Ausgangsbild) - (c) Carsten Schröder

Da diese Festbrennweite eine hervorragende Qualität, sprich Schärfe hat, und meine Kamera mit 15 Mpixeln auflöste, war es mir möglich, einen Bildausschnitt aus dem Foto herauszuholen und es anschließend in Schwarzweiß umzuwandeln. Selbst eine Vergrößerung auf 1×1 m tat der Qualität des Bildes keinen Abbruch.

4. Geistertreppe

Geistertreppe - (c) Carsten Schröder

An einem „lost place“, einer alten Papierfabrik, fotografierte ich unter sehr dunklen Umständen (Strom gab es ja keinen, nur meine Taschenlampe) diese freistehende geschwungene Treppe, die an sich schon ein gutes Motiv abgibt. Ich dachte, „Da muss eine Person oder sonst irgendwas in das Bild, was das Auge des Betrachters anzieht.“ Spontan war kein Fotofreund greifbar (keine Ahnung, in welchen Ecken die sich herumtrieben), also musste ich selber ran. Die Kamera war eh schon auf dem Stativ, jetzt brauchte ich nur noch meinen Funkselbstauslöser. Ich machte eine Aufnahme, während ich mich langsam die Treppe herunter bewegte. Dann schaute ich mir das Bild auf der Kamera an: Ich war nicht zu sehen.

Für die Belichtungszeit von 30 Sekunden habe ich mich wohl doch zu „schnell“ bewegt, um noch abgebildet zu werden. Also das ganze Spiel noch einmal. Diesmal bewegte ich mich noch langsamer (gefühlt überhaupt nicht), und jetzt passte es. Ich fertigte mehrere Aufnahmen, bei denen ich mich an verschiedenen Stellen der Treppe bewegte, an. Später am Computer suchte ich mir die für mich passenste Aufnahme heraus und kopierte mich von einer Aufnahme in die erste herein, so dass es aussieht, dass zwei Personen auf der Treppe sind. Die Grundidee war von Anfang an da, die „zweite“ Person-Idee kam erst später am Computer. Gut dass ich nicht nur ein Bild fotografiert hatte.

Hier geht es zum Teil 2.

Mehr über Carsten, seine Fotografie, Fotokurse und Workshops findet ihr hier.

10 Antworten
  1. fherb says:

    Die drei oberen Bilder gefallen mir sehr. Das genannte Samyang Objektiv ist wohl das, was ich als einziges „Effektobjektiv“ auch benutze. Bis auf die herausrechenbare Verzerrung hat es eine sehr hohe Güte. – Aber bei den Lost Places bin ich sehr zurückhaltend in der Wertung. In meiner Nähe gibt es eine ehemalige Tuchfabrik. Von der Wolle bis zum Tuch, kann man das als Besucher dort erleben. Gegen gutes Geld kann man dort Model/Nacktaufnahmen machen. Das kommt optisch gewiss gut. – Aber ist sowas nicht eher peinlich? – Ich bin mir mit den fotogenen theatralisch-kitschigen Kulissen sehr unsicher!

    Antworten
    • Carsten Schröder says:

      Das Samyang ist Genial, vor allem auch zu dem Preis. Es schafft direkt neue, andere Perspektiven im Bild. In Lightroom wird die Verzerrung schnell rausgerechnet.
      LostPlaces sind nicht immer einfach. Ob’s gerade Model/Nacktaufnahmen sein müssen, sei dahingestellt. Ich bevorzuge eher die architektonische evtl. auch dokumentarische Darstellung und versuche manchmal, wie oben auch, menschliche (eher schemenhafte) Objekte mit ins Bild einzubauen. Das passt aber nicht zu jedem Bild.

  2. Heiko says:

    Der Link zu Carstens Webseite ist kaputt, weil er als relativer Link zu diesem Artikel nicht funktionieren kann.

    Bitte korrigiert das doch.

    Gruß
    Heiko

    Antworten

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  1. […] habe mal einen Artikel zur herangehensweise Motive zu erkennen geschrieben. Dein Bild würde auch gut in diese Serie […]

  2. […] einen guten Fotografen besteht ein wesentlicher Teil der Kunst eben genau darin, einen Ausschnitt, eine Komposition zu finden, die eine aussagekräftige oder eben einfach nur eine interessante Ansicht bietet. Du wolltest keine […]

  3. […] rundherum gelungen. Und all diese anderen Bilder, zum Teil im Zoo aufgenommen. (Affiliate-Link) Unter anderem hier vorgestellt von unserem Autor Carsten Schröder. Tieraufnahme ist also nicht gleich […]

  4. […] Artikel knüpft an einen Beitrag von Carsten über die Motivfindung […]

  5. […] Leser wahrscheinlich des Guten etwas zuviel ist. Unser Autor Carsten Schröder hat in diesem Artikel über das Erkennen von Motiven  bereits eine ähnliche „Angleichung“ seiner künstlerischen Vision an die […]

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