Drauflosfotografieren reicht nicht (2/2):
10 Gründe, warum Deine Fotos
wie Anfängerschnappschüsse wirken

(Fortsetzung von Teil 1)

Auch Komposition und Nachbearbeitung sind wichtig, um nichtssagende Schnappschüsse zu vermeiden.

Nichtssagendes Naturfoto

6. Dir sind Regeln der Komposition nicht bewußt, bevor Du sie brichst

Viele Anfängerbilder haben Kompositionsmängel. Die Regel des Goldenen Schnitts, vereinfacht Drittelregel, hält sich in der Malerei und jetzt in der Fotografie schon seit Jahrhunderten. Der Grund: so komponierte Bilder werden vom menschlichen Auge als angenehm empfunden.

Diese Grundlage sollte man einzusetzen wissen, bevor man mit ihr bricht. Wenn man einen Gegenstand mittig darstellt, wirkt er statisch. Tut man das bei einer dynamischen Sportszene, wirkt es fehl am Platz. Will man dadurch die Ruhe in einer Landschaft noch unterstreichen, ist es richtig. Im allgemeinen eben.

Auch wenn das Foto zufälligerweise mit Regelbruch so stimmen sollte, kann man sich als Fotografin in dieser Hinsicht nur weiterentwickeln, wenn man Kompositionsentscheidungen bewußt trifft; andernfalls ist jede Aufnahme kompositionsmäßig ein Schuß ins Blaue. Manchmal kann es klappen, meistens nicht.

7. Du gehst nicht nah genug ran

Ein typischer Anfängerfehler ist auch damit verbunden, die Komposition nicht genug zu verdichten. Will sagen, der Hauptbildgegenstand geht im Foto unter, weil der Fotograf nicht nah genug an ihm dran war.

Hinterher bleibt dann nur noch ein Bildbeschnitt, was aber auch einen Verlust der Bildgröße bedeutet, je nachdem, wieviel gekappt wird.

Näher ran

Näher ran

8. Du erkundest andere Möglichkeiten der Komposition nicht

Einfach nur auf Augenhöhe des Fotografen gemachte Bilder werden häufig dem Bildgegenstand nicht gerecht, und man hat bestimmte Motive schon so oft genau auf die Art aufgenommen gesehen, daß sie nicht mal mehr ein Gähnen hervorrufen.

Aufnahmen mit Wow-Effekt kommen dann heraus, wenn man eine Person, ein Monument oder Landschaft auf eine Art einfängt, die sonst so nicht gezeigt wird. Geh auf die Knie, näher ran, leg Dich auf den Rücken, schau nach oben.

Zur Veranschaulichung: Kompositionsmöglichkeiten/Blickwinkel

Zur Veranschaulichung: Kompositionsmöglichkeiten/Blickwinkel

9. Du fotografierst zuviel oder zu wenig

Eine Krankheit, die die Digitalfotografie wenn nicht hervorgerufen, so doch begünstigt hat, ist das gedankenlose Drauflosfotografieren in der Hoffnung, ein Foto unter den Hunderten wird schon gelingen. Nicht nur, daß es zur Flut schlechter Bilder im Netz beiträgt; man lernt dadurch nichts.

Die andere Seite der Medaille ist merkwürdigerweise, daß viele Anfänger ZU WENIG Fotos machen, was aber irgendwo auch mit dem „Draufhalten“ der Kamera auf eine Szene zu tun hat. In beiden Fällen macht sich der Fotograf keine Gedanken, bevor er auf den Auslöser drückt.

10. Du bearbeitest Deine Bilder falsch oder überhaupt nicht nach

Bearbeitungsfehler lassen sich in diese beiden Kategorien unterteilen: es wurde verschlimmbessert oder garnicht nachbearbeitet. Wenn auch Nachbearbeitung grundsätzlich die Entscheidung der Fotografin ist, gibt es bestimmte Faustregeln, derer man sich zumindest bewußt sein sollte. Die wichtigste: selten kommen Fotos perfekt aus der Kamera. Sie sind etwa zu blaß, der Kontrastumfang zu gering, oder der Horizont ist ungewollt schief.

In diesen Fällen mit dem Foto nichts zu machen, heißt, das Bild unvollendet zu lassen. Es wird oft damit begründet, man beließe seine Fotos gerne so unbearbeitet wie möglich, sagt mir aber gewöhnlich nur, daß der- oder diejenige mit Nachbearbeitung nichts anzufangen weiß.

Vorher/nachher

Vorher/nachher

Ich persönlich bevorzuge eine minimale Herangehensweise: Farbsättigung anheben, Kontrast verbessern, Schwarzweißumwandlung etc. Mit HDR und Color Key habe ich auch am Anfang gespielt und dann beschlossen, das ist nicht meins. Es gibt aber immer wieder Fälle, wo das Foto so überzogen bearbeitet wurde, daß man es sich kaum anschauen kann.

Meines Erachtens retten digitale Effekte ein schlechtes Bild nicht, und ein gutes machen sie nicht besser. Auch in HDR ist eine langweilige Landschaft eine langweilige Landschaft.


Habt Ihr dieser Liste etwas hinzuzufügen? Weitere Anregungen?

5 Antworten
  1. Michael Och says:

    Halli Hallo Sofie,

    Ich würde deinen 10 Punkten gerne noch etwas hinzufügen:

    1. Du nimmst dir zum Wahrnehmen zuwenig Zeit…

    Einen Blick für das besondere Motiv, die Stimmung, das Geschehen zu entwickeln braucht etwas Zeit. Zeit die sich viele nicht nehmen – Wenn möglich den Ort mehrfach besuchen, Lichtstimmungen wahrnehmen usw.. Ankommen, Umsehen, Aufnahmepositionen checken, den Ort erst mal mit ALLEN Sinnen wahrnehmen. Das mache ich seit Jahren BEVOR ich die Kamera in die Hand nehme und ein einziges Foto mache Ob sie deswegen gut sind? – weiß ich nicht – aber auf alle Fälle bewußter.

    Daraus folgt eigendlich sofort der nächste Punkt:

    2. Du nimmst Dir zum Fotografieren zuwenig Zeit

    Das Sehen und das Ausprobieren von verschieden Perspektiven und Positionen braucht Zeit – Damit eben nicht die übliche Fußgängerperspektive herauskommt. Diese Zeit hat man nicht, wenn am Sonntagsspaziergang die Famile mitkommt. Da kann ich nicht erwarten, das SUPERtolle Bilder herauskommen.

    3. Du erträgst keine Kritik oder Verbesserungsvorschläge.

    „UND WIE IST MEIN BILD???? – Wieso, NUR ganz nett….!? Wie meinst du das…??“
    Das erlese ich häufig bei Bildbesprechungen in diversen Foren. Und leider erlebe ich es auch immer wieder in meinem kleinen Forum vom 20 Leuten, die sich regelmäßig treffen, um über Ihre eigenen Bilder zu diskutieren.
    Die Fähigkeit das eigene Bild von der eigenen Person zu trennen, ist nicht überall gleichermassen vertreten. Kritik trifft oft mitten in Herz.
    Leider ist auf der anderen Seite, die Fähigkeit Kritik angemessen und ermunternd zu formulieren, auch bei vielen unterentwickelt bis gar nicht vorhanden. Die Fähigkeit positive Kritik zu äußern ist unterentwickelt.

    4. Die eigene Einschätzung der fotografischen Leistung ist falsch.
    Sie kommen mit 300 tollen Aufnahmen aus dem Urlaub zurück und alle sind gut – Ich frage Leute immer folgendes (Etwas überspitzt – aber es trifft den Kern):
    Welches Foto von den 300 wäre Dir 200 € Euro wert und würdest es gerahmt im Din A2 Format an die Wand hängen?

    5. Es braucht seine Zeit den Blick zu schulen, leider ist der Besitz einen teuren Kamera auch kein Garant für gute Fotos.

    Vielleicht ist das zu profan aber das erlebe ich in meiner täglichen Arbeit mit Gruppen. Zu hohe Erwartungshaltungen, wenig Frusttoleranz, wenig Zeit, sauteure Kameras im Automatik Modus, keine Lust/Zeit am/mit/um das Foto zu arbeiten, die Technik überfordert, Anleitungen überfordern, Vielen geht es nicht schnell genug – aber der Erfolg muß schnell da sein…

    Liebe Grüße

    Mischa Och

    Antworten
  2. Chilled Cat
    Chilled Cat says:

    Bei der Nachbearbeitung stimme ich voll zu.

    Die einzigen Bilder, die nicht bearbeitet werden, sind Diapositive. Bei Polaroids bin ich mir nicht so sicher, ob das Schütteln und Warmfönen zu Nachbearbeitung zählt.
    Alle anderen Bilder werden entweder mit oder ohne Absicht bearbeitet.

    Speziell bei der digitalen Fotografie ist das Bild immer bearbeitet. Entweder vom Fotografen selbst, oder wenn der sich nicht zuständig fühlt, dann macht das eben ein Automatikprogramm in der Kamera.

    Wie bei den sonstigen Automatiken bringt die Maschine auch bei der Nacharbeit meist ein brauchbares Ergebnis zustande, was der Fotograf zum Zeitpunkt der Aufnahme gesehen hat, das kann die Automat aber nicht wissen.

    Antworten
  3. Sven Rausch says:

    Ich denke nicht das es ein zuviel Fotografieren gibt.
    Eher ein zu wenig Nachdenken und ergründen des „Warum“.
    Hinzu kommt das danach gerne extrem lange Bilderstrecken gezeigt werden.
    Das schlimmst was ich erlebte waren 9600 Bilder von einer USA Tour.
    Hier fehlt dann einfach noch das Gefühl für eine selektive Auswahl.

    Antworten
  4. Christian Fehse says:

    Ich habe jahrelang den Punkt „7. Du gehst nicht nah genug ran“ gerade in Verbindung mit Weitwinkel nicht verstanden. Das ist aber ein ganz essentieller Punkt.
    Wobei ich mich heute auch immer wieder erwische ist, daß ich zu wenige Bilder mache (gerade auch mit Film). Gerade wenn es schnell gehen muß ist es eigentlich gar kein Problem zwei, drei Frames aufzunehmen, als nur einen. Das erspart hinterher Frust.*gg*

    Ich finde es sehr schön, daß Sofie die Wichtigkeit der Nachbearbeitung immer wieder unterstreicht. Ich kriege in meiner „analogen Welt“ ziemlich regelmäßig einen drüber, weil ich meine Bilder sehr ausgiebig bearbeite (sprich Abzüge von den Negativen mache). Mir ist es auch zu Anfang so eingetrichtert worden: mache weiche Negative – aus denen kannst Du hinterher alles machen. Aus harten Negativen gibts nur harte Bilder. Irgendwann habe ich das auch verstanden. Digital kann man heute sehr viel in der Kamera einstellen, das quasi „perfekte Dias“ auf den Speicherkarte landen. Finde ich irgendwie zu mühsam, aber manche Leute können das wirklich gut.
    Außerdem kann ich der Aussage nur zustimmen, das spezielle Effekte (auch Filmeffekte – Tungsten Film bei Tageslicht, Cross-Entwicklung, Redscale) sehr mit Vorsicht zu genießen sind.

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