Naturfotografie mit Unschärfe:
Steh zu Deinem Plan

Wenn hinter einem Bild eine Idee steht, muss die möglichst konsequent umgesetzt werden. Das gilt vor allem beim Einsatz von so starken Werkzeugen wie der Schärfentiefe.

Wasserfall, © Hanspeter Lang

Wasserfall, © Hanspeter Lang

Dieser kleine Wasserfall wurde sicher schon 1000fach fotografiert, und ich versuchte, eine neue Variante zu finden. Ich habe auf den Vordergrund scharf gestellt und bei Blende 2,8 den Wasserfall unscharf gelassen. Vom Stativ Belichtungszeit 10sec. Kamera Olympus OM-D EM5 MII, Objektiv Olympus 12-40 Pro. Hanspeter Lang

In dieser hochformatigen Farbfotografie ist zentral ein kleiner Wasserfall im Wald zu sehen, umgeben von viel grünem Unterholz. Im Vordergrund links holen die sternförmige Blüte und die nassen Blätter einer Bärlauchpflanze den Betrachter ab. Den rechten Vordergrund macht eine zweite kleine Bodenpflanze aus. Das fallende Wasser ist mit einer Langzeitbelichtung und der resultierenden Bewegungsunschärfe weichgezeichnet. Erst bei genauem Hinsehen erkennt man in der höheren Auflösung, dass auch die Felsen des Wasserfalls und der restliche Hintergrund in leichter Unschärfe verschwimmen.

Unscharf, ganz bewusst

Schärfentiefe: In meinen Augen das Gestaltungsmittel, das selbst mittelmässige Fotografien am sichersten «professionell» wirken lässt (weswegen wir hier ein fünfteiliges Tutorial Schärfentiefe publiziert haben). Aus dem einfachen Grund, dass sie sich nur mit sehr gutem Equipment so begrenzen lässt, dass man starke Effekte erhält. Neben der Blende und der Brennweite ist die Sensorgrösse das massgeblichste Kriterium, wie sehr sich die Unschärfe einsetzen lässt – und bei den winzigen Sensoren in Handy- und aktuellen Kompaktkameras ist sie fast nicht nutzbar.

Bridalveil Dogwood, Yosemite {Gary Hart;http://garyhartblog.com/}

Bridalveil Dogwood, Yosemite © Gary Hart

Blatt auf Felsen vor Wasserfall {Gary Hart;http://garyhartblog.com/gallery/dogwood/}

Blatt auf Felsen vor Wasserfall, © Gary Hart

Du hast versucht, ein gängiges Motiv mit dem Stilmittel der Schärfentiefe so zu variieren, dass ein neues Bild entsteht. Das kann, namentlich bei sehr bekannten und «ausgelaugten» Motiven, neckische und aufsehenerregende Resultate ergeben. Das eigentliche Hauptmotiv, sagen wir, den Eiffelturm, die Golden-Gate-Brücke oder die Freiheitsstatue zum Statisten zu degradieren und etwas anderes in den Vordergrund und die Schärfe zu rücken, ist eine starke Aussage. Sie wendet sich nämlich vom Hintergrund ab und betont umso mehr das Motiv, das im Vordergrund liegt.

Das Motiv auswechseln!

In der Landschaftsfotografie allerdings, habe ich gelernt, will dieser starke Eingriff sehr genau kalkuliert und bewusst eingesetzt werden. Denn Landschaften funktionieren für die Betrachterin durch ihre Räumlichkeit, die ergründet werden will und eben grade keine Grenzen setzt, was es zu betrachten gilt im Bild. Das Gewicht einer Landschaftsaufnahme liegt in der Komposition eines Raums oder eines Bezugs von Teilmotiven, die das Hauptmotiv ergänzen. In dieser Aufnahme hat mein Landschafts-Fotografie-Tutor Gary Hart in Yosemite das selbe gemacht wie Du: Den berühmten Bridalveil-Wasserfall benutzt er als ergänzenden Hintergrund für diese Dogwood-Blüte im Regen.  Der Unterschied ist der: Sein Motiv ist die Blüte, nicht der Wasserfall.

Konsequent umsetzen

Das soll keineswegs heissen, dass Deine Idee nicht gut ist. Nur müsstest Du Dich konsequent für den eingeschlagenen Weg entscheiden. Und das hiesse nicht nur, den Bärlauch richtig gut zu inszenieren und den Wasserfall im Hintergrund mit einem Standortwechsel aus der Drittelslinie zum Beispiel etwas nach rechts zu verschieben. Es hiesse vor allem auch, die Unschärfe-Idee so stark umzusetzen, wie Gary das in seinen Bildern tut. Dazu muss die Blende weiter offen, der Abstand zum Vordergrundmotiv verkürzt und/oder die Brennweite verlängert werden. Diesbezüglich besteht auch eine Diskrepanz zwischen Beschreibung und den Exifdaten im Bild: Anders als in Deiner Beschreibung besagen die, dass die Aufnahme mit einer Canon bei Blende 9 aufgenommen worden ist – was mir angesichts der eher geringen Unschärfe des Hintergrunds durchaus plausibel erscheint.

Und noch ein Tipp: Nicht nur sollte man einem zentralen Bildteil wie dem Bärlauch keine Blätter abschneiden. Man kann sie vor allem auch entspiegeln und damit attraktiver machen: Der Polarisierungsfilter dient nicht nur dazu, blauen Himmel blauer und Wasseroberflächen transparent zu machen. Im regennassen Wald oder sogar in der Stadt hilft er, punktuelle Überbelichtungen zu verhindern. Und wenn Du im Wald eine Langzeitbelichtung mit Offenblende machen willst, kommt Dir der Abdunkelungseffekt des Polfilters gerade recht.

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