Actionshooting mit Skatboarder:
Torso in Bewegung

Eine sehr gelungene Momentaufnahme mit einigen Schwächen der Dramaturgie und des Finishs. Ein zweigeteiltes Motiv, das in den Augen des Betrachters wieder zusammenfindet.

Canon EOS 7D mit Zoomobjektiv Canon EF 70-200mm f/4L IS USM © Jonathan Kopf 186mmKB/f4/ISO100/1/200s

Begleitet vom Klack-Klack-Klack unzähliger Skater filmten zwei junge Spanier vor dem Museu d’Art Contemporani de Barcelona. Spannender als die Tricks fand ich die Perspektive, die den Skater sprichwörtlich zweiteilt. Viele Freiheitsgrade hatte ich allerdings nicht – von rechts kommt einen Augenblick später der Filmer, während über den Knien des Protagonisten die Füße der Passanten zu sehen gewesen wären. Stören die schwarzen Punkte am oberen Bildrand? Kopierstempel vermeide ich wenn möglich, daher habe ich bislang nichts verändert…

Eine Offenblende ist in der Streetfotografie generell zu empfehlen, um die Belichtungszeit möglichst kurz und die Schärfentiefe im Sinne einer Konzentration auf das Hauptmotiv gering zu halten.

Ich meine aber, daß es Jonathan hier mit der maximalen Offenblende von f/4,0 etwas übertrieben hat – auch wenn das hier verwendete Telezoom ein ausgezeichnetes Objektiv ist, so erreicht es seine maximale Abbildungsleistung konstruktionsbedingt erst bei einem Abblenden um ein bis zwei Blendenstufen (siehe hierzu auch den Test bei Traumflieger).

Eine Blende f/5.6, ggf. kombiniert mit Auto-ISO (das Bildrauschen bei ISO 200 oder 400 ist bei der 7D gewiß noch nicht kritisch) zur Vermeidung von Bewegungsartefakten, wäre hier also zu empfehlen gewesen.

Komposition: Grundelemente und Blickführung

Jonathan sprach von einer Zweiteilung der dargestellten Person, und tatsächlich sehen wir am oberen Bildrand den Torso der Beine mit den Skateboards und in der Spiegelung zum unteren Bildrand hin den Torso des Oberkörpers (rote Linien ebd.).

Der Oberkörper wird eingerahmt durch eine Pfütze (orange Linien ebd.), während sich die Beine in unmittelbarer Nähe eines Betonquaders befinden (gelbe Linien ebd.).

Von Seiten der Blickführung ergibt sich eine Pendelbewegung zwischen dem oberen und unteren Bildpol (violetter Pfeil ebd.).

Tonwerte (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild):

Das Histogramm zeigt einen Mittelwert von knapp 130 und eine Tonwerthäufung im Bereich der hellen Mitten (den Bodenplatten entsprechend). Im Bereich der Schatten liegen einige, allerdings nicht weiter störende Tonwertabbrüche vor. Ausbrennende Lichter finden sich nicht.

Tonwerte: Histogramm und Zonenverteilung

Sehr schön hebt sich am unteren Bildpol der Oberkörpertorso in den Zonen I bis II von der Pfütze mit Himmelsspiegelung in den Zonen VIII bis IX ab. Deutlich weniger getrennt bzw. kontrastierend zeigt sich am oberen Bildpol der Beintorso in den Zonen 0 bis II von Betonquader in den Zonen I bis II. Die Bodenplatten fallen wie schon erwähnt in die Zonen IV bis VI.

Farben:

Ein blauer Grundton ist hier vorherrschend, er verleiht dem Bild einen oligochromen (farbarmen bzw. fast einfarbigen) Charakter.

Problembereiche

Problembereiche Skater

Deutlich ins Auge springend und damit den Bldeindruck unnötig schmälernd finden sich am oberen Bildrand zwei ausgeprägte Sensorflecke (gelbe Kreise ebd.) – das sind schon kein Staubkörner mehr, sondern richtiggehende Fusel, die vermutlich von Aufnahme zu Aufnahme über den Sensor wandern.

Nicht optimal gelöst im Sinne der klar erkennbaren ‚Unterscheidung von Figur und Hintergrund‘ (mehr dazu bei Interesse in meinem Tutorial zur Gestaltpsychologie) erscheint auch die tonwertmäßige Verschmelzung von Beintorso und Betonquader (gelber Blitz ebd.).

***

Zusammenfassung:
Es gibt gewisse Erfahrungswerte dahingehend, daß Bilder weder zu leicht durchschaubar noch zu verwirrend sein sollten, um in der Gunst des normalen Betrachters bestehen zu können. All dies trifft für Jonathans Arbeit in vorbildlicher Weise zu.Zunächst einmal darf ich Jonathan für die pfiffige Bildidee und seine hellwache Reaktion bei der Aufnahme gratulieren. Er hat damit ein Bild geschaffen, welches mehr als einen Blick verdient und so gewiß manchen Betrachter fesseln kann.

Hinsichtlich der kritischen Anmerkungen komme ich nochmals auf die Sensorflecke bzw. -fuseln zurück. Jonathan pflegt hier mit der tunlichen Vermeidung des Kopierstempels einen Purismus, der nur schwerlich nachvollziehbar ist. Selbst im professionellen Bildjournalismus, der Wert auf Authentizität der Aufnahmen legt und insofern nicht in den Verdacht der Manipulation geraten darf, gelten kleine Retuschen dieser Art als zulässig – sie verfälschen den eigentlichen Inhalt des Bildes nicht. Solche Bereinigungen zu unterlassen, kann beim Betrachter rasch den Eindruck von Nachlässigkeit erwecken – und das hätte dieses Bild, welches Jonathan so sorgfältig komponiert und für welches er so geduldig den ‚entscheidenden Augenblick‘ abwartete, gewiß nicht verdient …

Überarbeitung: Schwarzweißkonvertierung

Neben der zulässigen Beseitigung von Sensorflecken wäre freilich auch eine gelegentliche Sensorreinigung zu empfehlen – es gibt hierzu eine Vielzahl guter Anleitungen im Internet; empfehlenswert sind hierbei Wattestäbchen, ein nicht zu flüchtiger Alkohol … und natürlich ein sanftes Vorgehen.

Mein zweiter Kritikpunkt betrifft die Dramaturgie. In der vorliegenden Form ist mir das Bild ‚zu brav, zu naturalistisch‘. Die Flüchtigkeit und Dynamik der Situation wird nach meinem Dafürhalten gestalterisch zu wenig umgesetzt. Hinzu kommt die bereits erwähnte, geringe Unterscheidung von Beintorso und Betonquader, die der Person ‚zu viel Hintergrundcharakter verleiht‘.

Meine Überarbeitung (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild) zeigt einen Lösungsansatz. Es handelt sich um eine Schwarzweißkonvertierung mit holgaartiger Ausarbeitung (Zurückfahren der Feinstruktur, Anwendung von grobem Korn und Anlage einer starken Vignette) und einer Anhebung des Blaukanals. Nun hebt sich der Beintorso deutlich vom Untergrund ab …

In der Rubrik ‚Bildkritik‘ analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
Eigene Bilder zur Kritik einreichen.


4 Antworten
  1. Lorenz says:

    Pfiffige Bildidee. Dem schliesse ich mich an. Ich finde das Bild wirklich sehr gelungen.
    Ich hätte die (vermuteten) Tauben am Bildrand auch entfernt. Die Front der Steinbank (dunkles Rechteck) hätte ich nur leicht aufgehellt, um ihr im Bild etwas Gewicht zu nehmen.
    Die Vignette hätte ich weggelassen. Sie verdunkelt den oberen Bildrand derart, dass der Kontrast zwischen Beinen und hellem Hintergrund stark vermindert wird und somit gerade dieser wichtige Blickpunkt etwas untergeht.
    Eher in Betracht ziehen würde ich eine Anreicherung der grossen freien Fläche in der Mitte. Wenn sie allzu leer ist, sind oberer und unterer Teil des Bildes ziemlich voneinander isoliert. Einziger (verbindender) Inhalt im mittleren Drittel sind bisher ’nur‘ die Fugen der Steinplatten. In Thomas‘ Version noch mehr als in Jonathans. Vielleicht liesse sich etwas gewinnen, wenn in diesem Bereich der Helligkeits- oder Farbkontrast oder die Oberflächenstruktur der Steinplatten etwas betont würden.
    Neben einer SW-Konvertierung würde ich auch eine Version probieren, in der die warmen Farbtöne verstärkt sind. Zwischen den dominierenden Blautönen ist doch auch zartes, warmes Sonnenlicht zu erahnen, das neben den bläulichen Bereichen einen schönen Farbkontrast abgeben würde, z.B. auch hinter den blauen Schuhen…
    Alles nur Ideen. Habe ich erwähnt, dass ich das Bild, schon so wie es ist, toll finde?

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  2. Chilled Cat
    Chilled Cat says:

    Ich sehe auch Tauben auf dem Sensor.

    Obwohl ich die Bildidee klasse finde, stört mich an dem Bild, dass die Füße des Skaters und sein Spiegelbild so weit auseinander liegen. Das wirkt auf mich auf den ersten Blick zusammenhanglos, fast wie zwei Bilder, die zufällig im selben Rahmen gelandet sind.
    Der Holga-Effekt ist jetzt nicht so meins, ich finde das Original besser.

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  3. Ambitious says:

    Das sieht mir aber sehr nach Vögeln aus, die hier als Sensorflecke oder Fusseln interpretiert werden.
    Wie dem auch sei, wegretuschiert hätte ich sie mit Sicherheit auch.
    Was die überarbeitete Version angeht: ich finde sie ansprechend, aber nicht besser als das Original; für mich haben beide Ansätze etwas.

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