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Gefühlvolles Frauenporträt:
Raum zum Atmen lassen

Der vom Fotografen gewählte Ausschnitt bestimmt die Bildaussage maßgeblich mit. Manchmal ist es vorteilhaft, ein Foto weiter zu beschneiden. Manchmal hätte die Aufnahme so bleiben sollen. Das ist hier der Fall.

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Unsere Leserin Ileana Gega hat uns ein Porträt ihrer Mutter eingereicht. Sie schreibt,

„Habe das Bild von meiner Mutter einen Monat nach dem Tode von meinem Vater gemacht.“

Zu sehen ist das Gesicht einer Frau mit müden, traurigen Augen. Das Leben hat seine Spuren auf ihrem Gesicht hinterlassen, wie auch auf der Hand, auf die sie ihren Kopf gestützt hat. Gehalten ist das ganze in dunklem Sepia, was das Melancholische der Aufnahme noch unterstreicht. Eingefaßt wurde das Bild nachträglich noch mit einem schwarzen Rahmen.

Zunächst einmal zu dem, was mir an Deiner Aufnahme gefällt: ich habe eine Schwäche für Schwarzweißbilder, und zwar genau aus dem Grund, der hier auch deutlich wird – man konzentriert sich eher auf die kleinen Details, wie die Falten in ihrem Gesicht, oder ihre Hände und Fingernägel, die ganz klar die einer hart arbeitenden Frau sind. Die Sepiaumwandlung finde ich in dieser Hinsicht auch gelungen, sie paßt zu Deinem Modell und dem allgemeinen Charakter des Fotos. Auch wenn ich nicht wüßte, daß sie gerade jemanden verloren hat, der ihr sehr nahe stand, wäre es in ihrem Gesicht zu lesen.

EXIF-Daten konnte ich nicht einlesen, aber ich nehme einmal an, daß Du das Foto stark beschnitten hast, und diese Feststellung führt mich auch zu meinem Hauptkritikpunkt. Du hast durch den ohnehin schon sehr eng gewählten Bildausschnitt bereits kaum Raum zum Atmen gelassen, visuell gesehen, und dann hast Du es noch zusätzlich beschnitten, wohl, damit man als Betrachter gezwungen ist, sich noch mehr auf das Gesicht und die Hand zu konzentrieren.

Letztere dominiert die Aufnahme so sehr, daß es den Betrachter überwältigt. Sie nimmt mehr als die Hälfte der Komposition ein, und man fragt sich unwillkürlich, ob es die Hand war, der Dein Fokus galt, oder das Gesicht Deiner Mutter. Für ein gutes Porträt muß die Person nicht immer in die Kamera schauen, aber wenn sie es wie hier tut, schaut man unwillkürlich eben in ihre Augen – und dann ist da diese Hand.

Man kann natürlich argumentieren, daß dieses Hin und Her zwischen Augen und Hand ja visuelle Spannung aufbaut, das Foto interessanter macht. Dagegen spricht für mich das Statische der Pose; es ist meines Erachtens schlicht nicht optimal komponiert.

Wenn der Hand Dein Hauptaugenmerk galt (die Datei hast Du „mother’s hand“ genannt), hätte sie noch mehr in den Vordergrund gestellt werden müssen, etwa, indem Du mit geringerer Schärfentiefe arbeitest und das Gesicht dadurch verschwimmen läßt. Soll das Gesicht der Fokalpunkt sein (Überschrift des Bildes war ursprünglich „Mother“), muß der Ausschnitt anders gewählt werden.

Die Sache mit dem sehr engen Bildausschnitt muß Dir auch irgendwo aufgefallen sein, denn Du hast nachträglich noch diesen dicken, schwarzen Rahmen um das Foto gelegt. Oder vielleicht hat er Dir auch einfach nur gefallen. Im Sinne voller Offenheit, ich bin kein Freund digitaler Rahmen wie dieser. Sie tragen meines Erachtens zum Foto nichts bei, sind bestenfalls Spielerei, und in diesem Fall lenkt es nicht davon ab, daß das Bild keinen Raum zum Atmen hat und die Hand visuell das Gesicht überwältigt.

Mich würde interessieren, wie die Aufnahme ursprünglich aussah, und ob es noch andere Einstellungen gibt, die vielleicht vorher oder nachher gemacht wurden. Deine Mutter hat ein ausdrucksstarkes Gesicht, und sehr interessante Hände, aber hier gewinnt weder das eine, noch das andere.

2 Antworten
  1. Carsten Schröder says:

    Das Bild ist durch den Beschnitt etwas in die Länge gezogen und der Armansatz der Hand lenkt vom eigentlichen Motiv ab.
    Ich habe es unten noch etwas mehr beschnitten und dann passt es motivlich gesehen meiner Meinung nach sehr gut. Der Blick geht wieder auf die Augen und die Finger der Hand unterstützen die Bildwirkung.
    Leider kann ich mein beschnittenes Bild hier nicht einfügen.

    Antworten
    • Christian Fehse says:

      Einfach irgendwo verlinkbar ins Netz stellen und den Link hier in den Kommentar einfügen. So mache ich das immer mit meinen Versuchen…

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