Vertikal-Perspektive:
Der Fotograf in der Fotografie

Probleme der Bildanlage bei extremer Weitwinkelfotografie: Die händische Aufnahme führt zu stürzenden Linien, Perspektiven werden nur zu schnell verzerrt. Hier allerdings ist das gut vermieden worden.

locked-in-syndrome © Kay Kietzmann

Leser Kay Kietzmann aus Berlin hat uns das obige Bild unter dem Titel „Locked-in Syndrome” in der Kategorie ‚Architektur‘ zur Besprechung eingereicht.

Ein Bild, das bei einem Streifzug durch Berlin und Umgebung entstand. Abgebildet ist ein Detail des (noch immer) im Bau befindlichen Flughafens Berlin Brandenburg. Eigentlich handelt es sich sogar eher um einen Schnappschuss. Denn als ich gerade ein anderes Motiv ablichten wollte, sah ich im Augenwinkel, wie mein Kumpane sich gerade am Oberlicht zu schaffen machte. Ich nutzte die mir gegebenen vielleicht 10 Sekunden, um diese ausweglos scheinende Szene einzufangen. Wie beim vorher hochgeladenen Bild ist mir auch hier während der Bearbeitung aufgefallen, dass ich noch einen Schritt weiter nach rechts hätte gehen sollen. Hierzu habe ich nun eine ganz praktische Frage: Wie finde ich den idealen Standpunkt? Durch den Sucher ist mir diese Verschiebung nicht aufgefallen. Bei vielen anderen an diesem Tag entstandenen Bildern zeigte sich das Problem übrigens noch viel gravierender. Bilder, die ich gerne gezeigt hätte, mussten so leider im Papierkorb landen.

Zur Aufnahme wurde eine Canon EOS 350D mit Weitwinkelzoom verwendet. Die Brennweite betrug 10 mm (entsprechend 16 mm Kleinbildäquivalent bei einem Formatfaktor von 1.6), die Belichtungsdaten waren 1/15 Sekunde bei Blende f/8,0 und ISO 100.

Ein Hochformat mit symmetrischer Bildanlage empfängt den Betrachter.

Komposition: Grundelemente

Komposition: Grundelemente

Komposition: Bildaufteilung

Komposition: Bildaufteilung

Blickfang im Vordergrund ist ein junger Mann (‚der Kumpane‘), selbst fotografierend, dabei den Kopf weit in den Nacken geworfen und die Kamera fast senkrecht nach oben richtend (rote Linien). Wichtiger Gegenpol ist ein oberhalb der Person platzierter Lichtschacht (orange Linien).

Einige Betonstreben und -facetten im Hintergrund gliedern den Raum (gelbe Linien). Der Boden ist mit länglichen Steinplatten belegt, deren nach hinten verlaufende Fluchtlinien einen Eindruck des Raum vermitteln (grüne Linien, exemplarisch ausgeführt).

Die Blickführung ergibt sich zwanglos von unten nach oben, über die Bodenplatten und den jungen Mann zum Lichtschacht (türkisfarbene Linien).

Histogramm

Histogramm

Ausrichtung

Ausrichtung

Was Kay mit dem ’nötigen Schritt nach rechts‘ anmerkte, soll die Abbildung ‚Ausrichtung‘ aufzeigen – der Hintergrund verschiebt sich im fertigen Bild quasi, der Seitbewegung der Kamera folgend. Betrachten wir dazu auch die Abbildung ‚Bildanlage‘ – die mittlere Fuge der Bodenplatten ist exakt dort, wo sie hingehört, desgleichen der junge Mann und die hinteren Ecken des Lichtschachts; die vorderen Ecken des Lichtschachts und die Betonstreben des Hintergrundes wirken jedoch minimal aus der Mitte nach links verschoben (türkisfarbene Linien ebd., den Goldenen Schnitt aufzeigend).

Tonwerte

Das Histogram zeigt sich etwas rechtsverschoben bei einem Mittelwert von knapp 155 und einem deutlichen Peak am rechten Rand.

Die Hauptperson liegt in der Zone I. Der Vordergrund ist in den Zonen VI bis IX ausgeführt, der Hintergrund hebt sich davon in den Zonen II bis V ab. Markant ist die Öffnung des Lichtschachts in der Zone X, somit ohne jede Detailstruktur und Tonwertmodulation.

Stark gebrochene Grünblautöne bestimmen das Bild.

Der Bildtitel ließ mich zunächst ein wenig grübeln – die Genickstarre des fotografierten Fotografen mündet ja Gott sei Dank nicht im (neurologischen) Locked-in-Syndrom, jener wirklich scheußlichen Krankheit, die mit vollständiger Lähmung aller Muskeln (außer der vertikalen Blickbewegungen) bei erhaltenem Bewußtsein einher geht.

Kay wollte mit dem Titel womöglich auf das ‚Eingeschlossensein im Betonkasten‘ anspielen, doch kann ich angesichts der breiten Lichtöffnung nach oben auch dieser Idee nur mühsam folgen.

Spannend ist die Frage der Bildanlage und des ’nötigen Schrittes nach rechts‘, um die leichte Hintergrundverschiebung nach links auszugleichen. Doch sind, wie oben bereits erwähnt, Vordergrund und Person ja exakt ausgerichtet. Ich kann es also von dieser Warte aus beim besten Willen nicht beantworten …

Staunen und Respekt empfand ich schon angesichts der offensichtlich freihändig erfolgten Aufnahme (‚vielleicht 10 Sekunden, um diese ausweglos scheinende Szene einzufangen‘). Wer jemals mit extremem Weitwinkel gearbeitet hat, weiß nur zu gut, wie schnell sich durch einen minimale Verkippung der Kamera stürzende Linien einstellen.

Ich selbst kann mir eine Architekturfotografie ohne Stativ eigentlich gar nicht vorstellen, und selbst unter solchen Umständen schleichen sich, wie die spätere Monitordarstellung offenbart, bisweilen noch Verzerrungen ein.

Abgesehen davon ist Kays Arbeit kompositorisch und atmosphärisch recht ansprechend. Der ‚Bildwitz‘ besteht ja hier im ‚fotografierten Fotografen‘. Dieser steht ja in gewisser Weise stellvertretend für uns Aufnehmende selbst.


Einfache Monitore mit sogenanntem TN-Panel sind werkseitig selten auf eine korrekte Farb- und Helligkeitswiedergabe eingestellt. Insbesondere die tiefen Schatten (Zonen 0 bis II) wirken oft wie verklumpt. Die Bilder sind so nur eingeschränkt beurteilbar, da der Monitor nicht das wiedergibt, was der Fotograf beabsichtigte.

Für eine orientierende Monitorprüfung eignet sich der nachstehende Graustufenkeil. Sind alle 26 Abstufungen unterscheidbar, ist zumindest hinsichtlich der Tonwerte alles in Ordnung.

Wenn nicht, ist eine Kalibrierung des Monitors zu empfehlen – softwareseitig bzw. unter Augenkontrolle mit kostenlosen Tools wie etwa dem Monitor Calibration Wizard (das bekannte Adobe Gamma ist mittlerweile nicht mehr verfügbar), hardwareseitig bzw. unter Sensorkontrolle mit Geräten etwa von Datacolor oder X-Rite. (Affiliate-Link)

Orientierende Monitorprüfung

graustufenkeil

In der Rubrik ‚Bildkritik‘ analysieren Fotografen im Auftrag von fokussiert.com Fotos aus der Leserschaft.
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6 Antworten
  1. Chilled Cat
    Chilled Cat says:

    Du könntest ja über Architekturaufnahmen ohne Stativ diskutieren. Ich finde, das geht durchaus wenn die Kamera einen elektronischen Sucher hat und man eine Wasserwaage und ein Raster einblenden kann.
    Mit Stativ ist es natürlich einfacher.

    Antworten
    • Tilman says:

      Nein, natürlich sind die Artikel von Thomas nicht schlecht, im Gegenteil. Aber dann kann ich ja auch ein Buch lesen, anstatt hier zu diskutieren. Es ist halt der falsche Rahmen.

  2. Tilman says:

    Die Beiträge von Thomas sind wohl bezahlt, ok… Aber das ist auch alles. Finde ich ziemlich bescheuert, die noch hier rein zustellen. Zumal Thomas sich nicht mehr an der Diskussion beteiligt.
    Fällt Euch nicht mehr ein?

    Antworten
    • Peter Sennhauser says:

      Kann ich in keiner Weise nachvollziehen: Weil Thomas nicht weiter für fokussiert.com schreibt, sollen wir die ganze Arbeit, die hier von ihm noch vorliegt, löschen? Bisschen unfair den 50 FotografInnen gegenüber, deren Arbeiten er besprochen hat. Mal abgesehen davon, dass Thomas durchaus hier mitreden kann, wenn er will – seine Anmerkungen diskutieren kann man auch ohne seine direkte Teilnahme.

      Ich verstehe die Kritik in keiner Weise.

    • Christian Fehse says:

      Ich verstehe die Kritik – und das Vorgehen von fokussiert.com – durchaus, hätte sie allerdings nicht so scharf formuliert.
      Sicher könnte der Thomas hier diskutieren, aber das wird er sehr wahrscheinlich nicht tun. Er wird vermutlich seine Aufmerksamkeit den neuen Engagements widmen, was auch wiederum verständlich ist. Deswegen bleiben Besprechungen von ehemaligen Autoren halt etwas statisch. Nicht der optimale Zustand, aber besser als nichts. *gg*

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