Video-Bildbesprechung:
Die Ruinen von Ingapirca

Manchmal entstehen die besten Bilder, die man macht, „aus der Hüfte heraus“ und beim Verlassen eines Ortes. Mit ein paar wenigen Handgriffen kann man die Unzulänglichkeiten, die sich aufgrund der Aufnahmesituation einschleichen, korrigieren. Unsere zweite Video-Bildbesprechung.

Ole Potinius aus Olpe schreibt zu diesem Bild:

Ich bin schon lange Fan von euren Bildbesprechungen und habe nun ein Bild, zu dem ich gerne eure Meinung hätte.

Ich war vor einigen Tagen auf einer Inforeise in Ecuador und habe mir dabei die Inka-Stätte von Ingapirca (die wichtigste in Ecuador) angesehen. Bei Abreise herrschte eine ganz spannende Lichtstimmung. Es war den ganzen Tag fast nur grau gewesen, doch kurz vor Sonnenuntergang lockerte die graue Schicht auf und gleichzeitig zog ein Unwetter auf. Das Bild entstand schnell „aus der Hüfte“ und bereits in der Kamera fand ich die mystische Stimmung extrem passend zu einem Ort von solch historischer Bedeutung.

Kurze Erläuterung:
Die groben Mauern sind aus der Zeit der Kanari (zeitlich vor den Inka), darauf haben die Inka dann unter anderem den im rechten Bildbereich sichtbaren Sonnentempel (glatte Mauern) gebaut. Jahrhunderte war diese Stätte verschüttet, bis ein Bauer zufällig einen Teil des Sonnentempels freilegte. Anschließend fanden Archäologen die noch viel älteren Mauern der Kanari.

In Lightroom habe ich es noch beschnitten(oben/unten), Lichter/Weiß zurück genommen, Klarheit erhöht und Dynamik reduziert. Mit dem Resultat bin ich als Laie so zufrieden, das ich überlege es mir an die Wand zu hängen.

Ich würde mich über eine professionelle Meinung freuen und stelle auch gern das RAW-File zur Verfügung.

In Videokritik Nr. 2 bespreche ich heute diesen insgesamt sehr gelungenen Schnappschuß. Transkript folgt unten.

Canon 60 D - f/5.6 - 62 mm - ISO 800 - 1/2000 s - (c) Ole Potinius

Canon 60 D – f/5.6 – 62 mm – ISO 800 – 1/2000 s – (c) Ole Potinius

Einleitende Bemerkungen

Die heutige Video-Besprechung behandelt ein Bild unseres Lesers Ole Potinius. Es ist ein Landschaftsfoto, zu dem er schreibt, „Ich war vor einiger Zeit auf einer Inforeise in Ecuador und habe mir dabei die Inka-Stätte von Ingapirca (die wichtigste in Ecuador) angesehen. Bei Abreise herrschte eine spannende Lichtstimmung. Es war den ganzen Tag fast nur grau gewesen, doch kurz vor Sonnenuntergang lockerte die Wolkenschicht auf und gleichzeitig zog ein Unwetter auf.

Das Bild entstand schnell „aus der Hüfte“, und bereits in der Kamera fand ich die mystische Stimmung extrem passend zu einem Ort von solch historischer Bedeutung.“ Weiter erläutert er, „Die groben Mauern sind aus der Zeit der Kanari (zeitlich vor den Inka), darauf haben die Inka dann unter anderem den im rechten Bildbereich sichtbaren Sonnentempel (glatte Mauern) gebaut. Jahrhunderte war diese Stätte verschüttet, bis ein Bauer zufällig einen Teil des Sonnentempels freilegte. Anschließend fanden Archäologen die noch viel älteren Mauern der Kanari.“

Abschließend bemerkt er noch, er habe das Foto in Lightroom oben und unten beschnitten, die Lichter beziehungsweise das Weiß zurückgenommen, Klarheit erhöht und die Dynamik reduziert.

Er selbst findet das Foto so gut, daß er sich überlegt, es an seine Wand zu hängen, möchte aber trotzdem unsere Meinung hören.

EXIF-Daten

Erst einmal möchte ich etwas zu den technischen Daten sagen, bevor ich dann zur Komposition und so weiter übergehe. Laut EXIF hat Ole mit einer Canon 60D (Affiliate-Link) fotografiert, und zwar in Zeitautomatik. Das heißt, er hat die Blende von 5,6 vorgewählt, und die Kamera hat dann bei einem vorbestimmten ISO von 800 eine Verschlußzeit von 1/2000 Sekunden benutzt. Man merkt, daß das Bild, wie Ole schreibt, in der Hinsicht „aus der Hüfte heraus“ entstanden ist, denn ich hätte hier eher einen etwas kleineren ISO, eine nicht ganz so schnelle Verschlußzeit und eine etwas kleinere Blende erwartet. 5,6 ist im allgemeinen eine ziemlich große Blende für Landschaftsfotos, weil es meistens darauf ankommt, alles im Foto möglichst scharf abzubilden.

Die Brennweite war 62 mm, was bei der 60D, die einen Formatfaktor von 1,6 hat, dann eine Fokallänge von 99 mm bedeutet. Das heißt, Ole war von der Szene etwas weiter weg, und so fällt die relativ offene Blende hier nicht so sehr ins Gewicht.

Ole hatte es sowieso nicht so sehr auf Details, sondern auf Stimmung abgesehen, wie er schreibt, und das ist ihm hier meines Erachtens insgesamt gelungen. Aber schauen wir uns doch erst einmal die Komposition an.

Komposition

Durch die Lichtverhältnisse im Foto hat er mehrere Ebenen visuell übereinandergelagert, was eine schöne Tiefe ins Bild bringt. Inklusive des Himmels zähle ich hier mindestens 6 Ebenen.

Der Hauptbildgegenstand ist der Sonnentempel, also der hellgelb überlagerte Bereich. Man könnte ihn sogar noch etwas ausdehnen. Der Tempel ist zwar hier aus dem Goldenen Schnitt und der Drittelregel heraus verschoben, aber ich finde das OK. Wären hier alle Kompositionsregeln zwingend eingehalten worden, wäre das Foto für mich nicht halb so interessant. Dann hätte man links auch eine ganze Menge Bild kappen müssen bei diesem Format, und es wäre kein Panorama mehr.

Goldener Schnitt also hier in rosa, und Drittelregel in grün.

Hier noch einmal alles zusammen zur Veranschaulichung. Der Goldene Schnitt in Rosa, Drittelregel grün, Bildmitte helblau, natürlicher Horizont gelb, Hauptbildgegenstand hellgelb.

Zwischenbilanz

Soweit, so gut. Die Zwischenbilanz ist also bisher die, daß ich den Schnappschuß insgesamt recht gelungen finde. Es lohnt sich eben, beim Verlassen eines Ortes nochmal zurückzuschauen.

Änderungsvorschläge

Ich möchte abschließend trotzdem ein paar Punkte ansprechen, die ich persönlich verändern würde.

Vorab möchte ich aber anmerken, daß man nicht immer auf Sonnenschein und Goldene Stunde hoffen muß, um gute Landschaftsbilder zu machen, wenn auch die große Herausforderung bei Landschaftsaufnahmen generell das Warten auf den richtigen Augenblick, die richtigen Lichtverhältnisse bedeutet. Wir haben beispielsweise vor einigen Jahren eine Aufnahme unseres Lesers Dierk Topp besprochen, die er an einem diesigen Tag im Regen eingefangen hat. Ganz andere Stimmung, ganz anderes Motiv, aber trotzdem ein sehr gutes Foto.

Und dann zwei noch Vergleichsfotos aus Palenque in Mexiko, die ich im Dezember 2013 dort gemacht habe. Regenwald hat eben genau den Nachteil: es ist meistens naß und neblig; insofern hatte Ole tatsächlich Glück.

Ole hat mir das Originalbild geschickt, damit ich nachvollziehen konnte, wie es eigentlich ausgesehen hätte. Man sieht deutlich den fast komplett ausgebrannten Himmel links, was mit den Aufnahmedaten zusammenhängt – weit offene Blende, kurze Verschlußzeit, hoher ISO, und damit, daß Ole keinen Grauverlaufsfilter benutzt hat. Unten sieht man einen störenden Zaun.

Die weißen Stellen haben keinerlei Detail mehr aufzuweisen. Um das nachträglich zu beheben, müßte man Teile des Himmels darüberstempeln. Ich hätte es also auch beschnitten.

Leider ist auch nach dem Beschnitt oben links noch eine große fast ausgebrannte Stelle zu sehen, und die würde ich noch etwas nachbessern. Weiterhin ist mir die Farbstimmung im Foto auch nach seiner Bearbeitung immer noch etwas zu blaß.

Grauverlaufsfilter/Farbsättigung

In Color Efex Pro habe ich einen Grauverlaufsfilter darübergelegt. Das kann man in anderen Programmen dadurch simulieren, daß man eine dunklere Version der Aufnahme als Ebene über dem Original anlegt, und dann per Ebenenmaske und Verlaufsfilter beide miteinander gewissermaßen verheiratet.

Nur mit Grauverlaufsfilter sähe das Bild so aus, und mit mehr Farbsättigung dann so.

Das macht jedoch einen Teil von Oles ursprünglicher Nachbearbeitung rückgängig, und insofern ist es Geschmackssache.

Beschnitt

Zweitens würde ich einen zusätzlichen Beschnitt vorschlagen. Noch einmal zur Erinnerung: das hier ist das Ausgangsbild. Ole hat das Foto im Verhältnis 1 zu 2 beschnitten, weil es oben ausgebrannten Himmel und unten störende Elemente hatte. Ich wäre hier sogar noch einen Schritt weitergegangen und hätte vom Original unten mehr weggenommen, also ein Beschnitt im Verhältnis 16:7.

Hier möchte ich allerdings mit dem arbeiten, was Ole uns ursprünglich eingereicht hat.

Der Streifen vorne dominiert mir die Aufnahme zu sehr, und es wirkt, als wäre ein Teil von einem anderen Foto mit in die Aufnahme gerutscht. Es ist gut, unten eine visuelle Begrenzung zu haben, aber ich würde einen Teil davon wegnehmen. Ungefähr so viel.

Das Endergebnis sähe dann so aus. Das Panoramaformat wird dadurch noch verstärkt, ohne daß sich wesentliche Gewichtungen verschieben.

Fazit

Also noch einmal zusammenfassend:

Den Himmel kann man hier noch etwas nachbessern, die Farbsättigung kann etwas erhöht werden, und ich würde unten noch etwas mehr kappen. Mit diesen Veränderungen würde ich es mir auch an die Wand hängen.

5 Antworten
  1. Tilman says:

    Hallo,
    kurz ein paar Gedanken zu dem was Ihr geschrieben habt.
    – Youtube… daran hatte ich auch gedacht…
    – Ich glaube, dass es eine Frage der „Kultur“ ist. Ich lese viel, vor allem beruflich, und habe gelernt, quer zu lesen und schnell die Punkte zu finden, die mich wirklich interessieren. Mir ist ein Video viel zu lang :-> Mein Sohn dagegen zieht es vor, Videos auf Youtube anzugucken, um etwas zu lernen… er ist allerdings auch erst 10.
    – Um etwas zu lernen, liegen mir persönlich Texte besser (bin zu fast keiner Vorlesung während meines Studiums gegangen). Man kann schwer verständliche Passagen mehrmals lesen, seinen eigenen Rhythmus wählen, in anderen Büchern nachschlagen… oder, wie ich es hier öfter tue, das Ausgangsbild herunterladen, um selbst Verarbeitungsschritte auszuprobieren oder nachzuvollziehen. Das ist mit einem Video viel umständlicher oder gar nicht möglich.
    – Aber manchmal ist es auch einfacher, mit einem Video einen Sachverhalt zu erklären… ich denke da zum Beispiel an einen Kurs über Tiefenschärfe, das „Unboxing“ eines neuen Produkts…
    – Videos und Texte bieten so unterschiedliche Vorteile, die sollte man dann auch jeweils nutzen. Ein ausführliches Transkript halte ich nicht für sinnvoll.
    – Schön finde ich an Deinem Video, Sofie, den persönlichen Touch, den es durch Deine Stimme bekommt. Sehr ansprechend… wenn es dann mal Deine Stimme ist, mir fehlt der amerikanische Akzent :->
    MfG, Tilman

    Antworten
    • Sofie Dittmann
      Sofie Dittmann says:

      Super Feedback! Vielen Dank! Unsere Kinder sind beide in ihren Zwanzigern, und alles, was sie konsumieren, ist Video, trotzdem unsere Tochter für ihr Studium sehr viel lesen muß. Oder vielleicht gerade deswegen. Wir werden schauen, wo das noch hinführt mit den Videos.

      PS. Ich werde das nächste Mal eine extra Version nur für Dich machen, mit pseudo-amerikanischen Knödelakzent. Leider gelingt mir das auch nach 20 Jahren überm Teich immer noch nicht wirklich. :)

  2. Tilman says:

    Hallo Sofie,
    erst einmal vielen Dank für die tolle Besprechung. Sehr informativ! Mir gefallen Deine Vorschläge, besonders der weitere Beschnitt unten.
    Ein Video hat den Vorteil… dass man sich aber auch wirklich alles „reinzieht“ :-)… allerdings stört mich, dass ich nicht den Rhythmus bestimmen kann (manchmal denke ich auch mal ganz gerne selbst nach) und dass ich die Bilder so hinnehmen muss, wie Du sie präsentierst (ansonsten zoome ich selbst). Vielleicht bietet sich diese Präsentationsform doch eher an, wenn man dynamische Sachverhalte darstellt (zum Beispiel die richtige Wahl von Filterparametern…)
    Das ganze ändert aber nicht am Inhalt Deiner Besprechung, die sehr gut ist.
    Tilman

    Antworten
    • Sofie Dittmann
      Sofie Dittmann says:

      Danke für den ausführlichen Kommentar! Wie Peter schon sagte, wir sammeln noch Feedback. Video wollte ich deshalb einmal ausprobieren, weil es eine vollkommen andere Präsentationsform ist, die uns dann auch Youtube als Plattform erschließt. Da es verglichen mit der geschriebenen Besprechung wesentlich länger dauert, eine Videokritik zu produzieren, werden diese die Kategorie nicht übernehmen. Wir haben uns auch schon darüber unterhalten, ob ich die Vergleichsbilder mit in das Transkript stellen soll. Meine Meinung ist, daß dann der Anreiz wegfällt, sich das Vido überhaupt noch anzuschauen. Was meinst Du? Hättest Du es auch so angeschaut?

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