Zarte Landschaftsaufnahme:
Emmentaler Panorama im Nebel

Ein weiteres Beispiel für großartige Landschaftsfotografie, diesmal weniger wuchtig als vielmehr zart. Dabei hilft der Nebel, der in der Landschaftsfotografie eine grosse Rolle spielen kann.

Emmental im Nebel – © Tim Schoch

Unser Leser Tim Schoch aus Emmenbrücke im Kanton Luzern hat uns das obige Bild unter dem Titel „Nebel im Emmental” in der Kategorie ‚Landschaftsfotografie‘ zur Besprechung eingereicht. Er schreibt dazu:

Bedingt durch das nicht sehr winterliche Wetter habe ich mich am Nebel versucht – was sich als gar nicht so einfach herausstellte. Der springende Punkt am Nebel ist ja, dass man kaum etwas sieht, aber wie soll man von «kaum etwas» ein spannendes Foto machen? Von den Versuchen gefällt mir dieses Panorama aus dem Emmental richtig gut, weil es diese Stimmung meiner Meinung nach wiedergibt. Was meint ihr dazu? Zu den Daten: 5 Bilder, jeweils 1/1250s, ISO 100, f11 Canon 5d MkII, Canon EF 16-35 f/2.8L II USM

Über Ausrüstung und Aufnahmedaten hatte Tim bereits berichtet. Zu ergänzen wäre allenfalls noch, daß die abgelesene Brennweite beim hier verwendeten Vollformat auch der kleinbildäquivalenten entsprach.

So vermittelt sich der Eindruck, daß diese Bilder ‚keine gelegentlichen Glücksgriffe‘ sind, sondern ‚wirklich Methode haben‘. Ich glaube, daß wir hiervon einiges lernen können. Doch betrachten wir zunächst wieder die grundsätzlichen Bildelemente.

Komposition

Wie sehen wiederum ein etwas überstrecktes 3:1-Querformat. Der Fuß einer bewaldeten Bergflanke rückt von links in das Bild hinein, unterteilt sich in einzelne Baumkompartimente (siehe rote Linien ebd.). Er erreicht gerade das rechte Bilddrittel, wo Scheunen, Masten und Leitungen mehr oder weniger schemenhaft erkennbar werden (siehe orange Linien ebd.).

Das Licht ist ein besonderes Gestaltungsmoment in diesem Bild. Mittels Posterisation und Verlängerung der Strahlenbüschel können wir (gar nicht so einfach in dieser sehr nebligen Szene!) zunächst den Sonnenstand bestimmen. Die Sonne ist voll im Bild, so daß es sich strenggenommen um eine Gegenlichtaufnahme handelt, die allerdings durch die erhebliche Filterung der Sonne mittels des Nebels ‚funktioniert‘ (bei wolkenlosem Himmel wäre sonst angesichts der sehr eingeschränkten Dynamikumfangs unserer heutigen Kameras ein Bild ähnlich der untenstehenden Posterisation entstanden).

Ein Irritation entsteht möglicherweise dadurch, daß es zwei unterschiedliche Lichtquellen zu geben scheint – der Schattenwurf des linken Baumkompartiments scheint weiter rechts gelegen wie das Zentrum der Strahlenbüschel (siehe gelbe Ausrufezeichen ebd.). Dies dürfte mit der Wolken- bzw. Nebelstruktur zu tun haben, die das Licht teilweise umlenkt und diesem einen ‚flutenden Charakter verleiht (siehe gelbe Linien ebd.).

Durch die Anordnung der Grundelemente ergibt sich wiederum eine sehr harmonische Blickführung von links oben nach rechts unten (siehe violetter Pfeil ebd.). Der leichte, fast verspielt wirkende Wellenverlauf nimmt der Blickführung auch den oftmals ernsten bzw. bedrückenden Charakter einer abfallenden Diagonale.

Es gibt noch einige Überlegungen zum Abschluß der Blickführung am rechten Bildrand, ob diese tatsächlich (wie im Bild) erst beim Mast oder bereits in Höhe der Scheune enden sollte (siehe blaues Ausrufe- und Fragezeichen ebd.). Ich komme darauf abschließend zurück …

Tonwerte

Das Histogramm zeigt sich deutlich rechtsverlagert und gestaucht bei einem Median von knapp 215. Das Bild weist somit eine sehr lichte bzw. High-Key-Anmutung auf, ohne daß Tonwertabbrüche im Lichterbereich vorliegen.

Dies ist umso bemerkenswerter, weil der Bereich der Sonne und der indirekt angestrahlen Wolken- und Nebelfelder tatsächlich relativ überbelichtet wirken und die angrenzenden Waldbereiche etwas flau und strukturarm im Sinne von Blooming-Artefakten wirken (siehe grünes Rechteck ebd.), ohne daß die Belichtung insgesamt unausgewogen wirkt.

Hinsichtlich der Tonwertverteilung ergibt sich ein subtiles und ästhetisches Spiel der Zonen VI bis X, wie der Illustration zu entnehmen. Um die Zartheit der Lichtstimmung zu erhalten, war es zweifelsohne richtig, mit einem eingeschränkten Tonwertumfang zu arbeiten. Ein abschreckendes Beispiel einer verfehlten Tonwertoptimierung durch Nachziehen des Schwarz- und Weißpunktes findet sich untenstehend – hierdurch ist die Atmosphäre des Bildes nachhaltig zerstört.

Farben

Wiederum finde sich zarte, pastellene Farbtöne, welche das Bild fast wie eine kühl getonte Schwarzweißaufnahme wirken lassen (vgl. auch mit den Graustufenumwandlungen zu Illustrationszwecken).

Zusammenfassung: Tims Ansatz in der Landschaftsfotografie ist beeindruckend und lehrreich. Er spielt die ‚Klaviatur der Möglichkeiten‘ aus, indem beim zuvor besprochenen Bild das energische und mächtige, beim heutigen hingegen das zarte und leuchtende Naturelement Darstellung findet.

Wichtig bei beiden Bildern ist jeweils die bedachte Platzierung der Bildelemente und die sich dadurch ergebende, überzeugende Blickführung; auch die subtile Verteilung der Tonwerte und die zarte Farbgebung tragen zum guten Eindruck bei. Gleichwohl ist nicht alles ’nach Schema F‘, sehen wir auch subtile Regelbrüche im Sinne der relativen Überbelichtung und der Bloomingartefakte in einzelnen Bereichen, die hier aber nicht als Belichtungsfehler imponieren, sondern entscheidend zum atmosphärischen Eindruck beitragen.

Nun komme ich auf die im Abschnitt ‚Komposition‘ angestellten Überlegungen zum Abschluß der Blickführung zurück – das wäre meine einzige Kritik, und zwar eine solche ‚auf sehr hohen Niveau‘: ich bin mir nicht sicher, ob jener Abschluß beim Mast nicht zu weitläufig ist und damit zu sehr von der bildwichtigen linken Hälfte ablenkt. Bündiger erschiene mir persönlich ein Abschluß bei der Scheune, wie ich es im untenstehenden Beschnittvorschlag einmal umgesetzt habe.

Ich möchte mit einem allgemeinen Hinweis schließen: die Erarbeitung von Nebelszenen gehört zum Lohnendsten, aber auch Anspruchsvollsten in der Fotografie. Laßt dabei bitte unbedingt die Hände weg von jedweder automatischer Tonwertanpassung! Die Bildbearbeitung ist nur ein Hilfsmittel, sie kann nicht über ästhetische Qualitäten entscheiden – das könnt nur Ihr selbst …

Bildteil:

Komposition: Posterisation zur Verdeutlichung des Sonnenstandes

Komposition: Darstellung der Grundelemente

Komposition: Visualisierung der Blickführung

Komposition: Überlegungen zum Abschluß der Blickführung

Tonwerte: Darstellung des Histogramms und der Zonenverteilung

Tonwerte: Bereich relativer Überbelichtung bzw. des 'Bloomings'

Tonwerte: Abschreckendes Beispiel einer 'Bildoptimierung'

Überarbeitung: Beschnittvorschlag

Hier ist Thomas‘ Komplettes Tutorial zur Landschaftsfotografie zu finden:


Anmerkung der Redaktion: Thomas Brotzler arbeitet nicht mehr aktiv für fokussiert.com, aber er hat einige fertige Kritiken hinterlassen. Die möchten wir Euch nicht vorenthalten; eine Diskussion kann jedenfalls entstehen, und Thomas ist als Gast immer wieder zugegen.


2 Antworten
  1. Thomas Brotzler says:

    Ganz Deiner Meinung, Tim, es resultieren so unterschiedliche Bilder und Stimmungen! Ich will die Möglichkeiten aufzeigen und lasse die Qual der Wahl gerne beim Fotografen und Betrachter :) …

    Antworten
  2. Tim says:

    Hoi Thomas
    Danke für deine Review. Falls du das hier noch liest: wegen dem Beschnitten, ich mag Leerräume in meinen Bildern weil es ein Gegenpol zum meist eher detaillierten Bildmotiv gibt. Bei deinem Beschnittvorschlag wäre das „ganze Bild mit spannenden Sachen“ gefüllt. Das würde auch funktionieren, das Bild hätte dann einfach eine andere Aussage.
    Liebe Gruess Tim

    Antworten

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