Vor dem Abriss:
Staffelung von Raum und Zeit

Um die Ästhetik und Bildwirkung von Industrieruinen soll es in der heutigen Bildbesprechung gehen.

Ausgangsbild

Unser Leser Christian Fehse aus dem niedersächsischen Bramsche hat uns das obige Bild unter dem Titel „Meisterbüro” in der Kategorie ‚Architektur‘ zur Besprechung eingereicht. Er schreibt dazu:

„Das Bild zeigt den Flur eines Meisterbüros wie man es in vielen großen Werkshallen meist oberhalb eines Tores auf halber Hallenhöhe findet. Dieser Flur wurde 1996 im Sommer vor dem Abriss des gesamten Areals aufgenommen. Zu dem Zeitpunkt war das Werk ungefähr sieben Jahre stillgelegt. Rechts die Türen zu den Büros an der Außenwand, links die Fenster zur Halle. Die Raufasertapete an der Wand bis zur halben Höhe mit glänzender Ölfarbe gestrichen (abwaschbar wegen der dreckigen Finger!). Was mich immer wieder neben der Stille und dem Frieden, den solche verlassenen Bauwerke ausstrahlen, fasziniert, ist wie schnell aus Architektur nur noch Geometrie wird. Nach sieben Jahren ist von der Funktion kaum etwas zu sehen. 40 Jahre haben Leute da gesessen, für die das ‚Werk‘ mit zu dem Wichtigsten im Leben gehört hat und nen paar Jahre später stehe ich machmittags in fast völliger Stille und fotografiere die Symmetrie des Raumes – irgendeiner hat sogar das verrostete Faß passend vor die Klotür gestellt. Ich könnte sowas jeden Tag machen. *gg* Zur Technik: Yashica MAT 124G Aufnahmeobjektiv 80mm f/3.5 (ca. 46mm kleinbild equivalent) wahrscheinlich bei f/8 oder mehr und 1/125s, Film Ilford Delta 100 ISO 100.”

Über Ausrüstung (analoges Mittelformat mit Zwillingsobjektiv als Rolleiflex-Nachbau, für 6×6-Rollenfilm) und Aufnahmedaten hatte Christian bereits berichtet.

Es ist mir eine große Freude, wieder einmal eine ‚gute alte Analogfotografie, noch dazu in Schwarzweiß‘ besprechen zu können – auch hierfür soll bei ‚Fokussiert‘ Platz sein, wie ich meine … doch betrachten wir zunächst wieder die grundsätzlichen Bildelemente …

Komposition: Blickführung

Komposition:

Ein Quadratformat mit Zentralkomposition empfängt den Betrachter. Die Flucht des Ganges und die Staffelung der Türstöcke erzeugen beträchtliche Räumlichkeit und lenken den Blick in die Tiefe.

Die Blickführung findet ihren Abschluß bei einem Faß (rote Linien ebd.), welches insofern als Motivzentrum fungiert. eine Abfolge von vier Türstöcken rahmt dieses ein (orange Linien ebd.). Einige weitere Senkrechten zu den Bildseiten hin strukturieren den Raum weiter (gelbe Linien ebd.). Nicht unterschätzen sollte man auch die raumbetonende Wirkung der beiden Fensteröffnung zur Linken, insbesondere der nach oben und zum Fluchtpunkt hinweisenden Ecken (blaue Linien ebd.).

Komposition: Grundelemente

Ein Graffito in runden bzw. geschwungenen Formen lockert den rechten Bildrand auf und fungiert als Kontrapunkt der erwähnten Fenster (grüne Linien ebd.). Eine Anzahl verlorener Papiere findet sich schließlich noch auf dem Boden und begleitet so den Blick in die Tiefe (türkisfarbene Linien ebd.).

Tonwerte

Das Histogramm zeigt sich ausgewogen, mit einer leichten Betonung der hellen Mitten und einem Mittelwert von gut 120.

Besonders reizvoll ist der zebrastreifenartige Wechsel der Zonen, den ich im oberen Teil einmal beispielhaft beschriftet habe – hier setzen die Türstöcke in den Zonen I bis II jeweils deutliche Akzente, die von den helleren Wände in der Zone VI, einmal auch von einer Mauerung in den Zonen V bis VIII unterbrochen werden.

Struktur (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild):

Tonwerte: Histogramm und Zonenverteilung

Der Scan und vor allem die Verkleinerung und Kompression des Analogbildes auf internettaugliche Größe sind leider nicht ohne Folgen geblieben. Was wir im vorliegenden Bild sehen, kann nur eine vage Vorstellung des Detail- und Tonwertreichtums im großformatigen Abzug vermitteln.

Zusammenfassung:

Überarbeitung: Beschnittvorschlag

Wie im Besprechungstitel anklingend, entstehen so Staffelungen in mehrfacher Hinsicht – es ist einerseits ein Durchgang durch einen trotz seiner Kürze tief wirkenden Raum, und es erscheint andererseits auch wie eine Reise durch die Zeit. Was mir bei Christians Arbeit besonders gut gefällt, ist das Wechselspiel von ‚Strenge‘ durch die mittige, fast an Sakralbilder erinnernde Komposition und ‚Auflockerung‘ durch das Wechselspiel von Türstöcken und Wänden.

In solcher Weise erzählt das Bild schon seine eigene Geschichte und lädt den Betrachter zu eigenen Phantasien und ‚Bildwanderungen‘ ein – das ist mithin das, was einem Bild Wirkung verleiht und den Betrachter zu fesseln vermag.

Christian erzählt darüber hinaus noch eine weitere Geschichte in Worten, führt weitere Details an. Dies ist durchaus willkommen, gerade für unsere seminarartigen Zwecke oder auch für ein Künstlergespräch vor Ort. Falls er aber dieses oder andere Bilder dieser Art einmal ausstellen sollte (und solcher Bilder erscheinen mir tatsächlich ausstellungswürdig), würde ich ihm hierin aber Zurückhaltung empfehlen.

In langen Ausstellungsjahren habe ich die Erfahrung gemacht, daß Betrachter ‚zunächst einmal gerne einen Augenblick alleine mit dem Bild sein wollen‘. Wir sollten sie nicht ‚von vornherein zutexten‘ bzw. die später oftmals aufkommenden Fragen abwarten …

Ganz allgemein darf ich abschließend der ‚Schönheit solcher Motive‘ das Wort reden. Interessierte mögen sich zum ergänzenden Studium gerne auch noch mein einschlägiges Tutorial ‚Die bildnerische Erarbeitung von Industrieruinen‚ anschauen.

 


Anmerkung der Redaktion: Thomas Brotzler arbeitet nicht mehr aktiv für fokussiert.com, aber er hat einige fertige Kritiken hinterlassen. Die möchten wir Euch nicht vorenthalten; eine Diskussion kann jedenfalls entstehen, und Thomas ist als Gast immer wieder zugegen.

6 Antworten
  1. Thomas Brotzler says:

    Eine wirklich schöne Serie – zu schade, um im heimischen Archiv Staub anzusetzen; gleichsam zu schaden, um im Orkus der Jubelcommunitys unterzugehen. Insofern: „Search your f…ing curator :) … und versteht diesen Kommentar bitte als Lebenszeichen (nicht mehr und nicht weniger), ansonsten gilt: „Ich schreibe mein Buch“ (über die monochrome Architekturfotografie), und ich beginne, diese Formulierung als hinreichenden Grund der Meidung aller Lästigkeiten mehr und mehr zu schätzen :) …

    Antworten
    • Marcus Leusch says:

      Hallo Christian,

      wenn man Deinen Link öffnet, möchte man doch noch etwas mehr von solchen Fotografien sehen, die auch aus meiner Sicht ausstellungsreif sind. Der sehr detaillierten Kritik von Thomas, aus der ich wieder einmal sehr viel für‘s Eigene mitnehme, kann ich mich nur anerkennend anschließen.
      
Für Deine Yashica oder gar eine Rolleiflex hatte ich mich zu früheren Zeiten einmal sehr interessiert, bin dann aber doch beim KB-Format hängen geblieben. Diese Art zu fotografieren hat ja eher etwas unzeitgemäß Meditatives, wie auch Deine sehr geradlinigen und unaufgeregten Arbeiten „Abandoned Steel Mill“ zeigen. Glückwunsch ;-))
 zu einem gelungenen Bild (Projekt).

      
LG
      Marcus

    • Christian Fehse says:

      Hallo Marcus,

      die Yashica ist meine erste Kamera überhaupt. Ich wollte UNBEDINGT wie Helmut Newton fotografieren – und mit 16 hieß das für mich: quadratisch und Mittelformat. Also hat der arme Mensch bei Foto Koltzenburg in Osnabrück meiner Mutter sozusagen diese gebrauchte Yashica verkauft. *gg*
      So richtig meditativ bin ich damit nicht umgegangen. Die ist niemals auf nem Stativ gewesen. Auch die Bilder aus der Serie sind alle aus der Hand fotografiert. Deswegen ist die Qualität der Negative nicht unbedingt mittelformat-like. Nen Projekt war es auch nicht wirklich – es war eher Zufall, das ich das Loch im Zaun gesehen habe. Das Klöckner Gelände war der Treffpunkt der Punks damals. Da war zeitweise richtig was los.

      Aber vielen Dank für Dein Lob!

      LG

      Christian

    • Marcus Leusch says:

      Oh, wenn dem so ist, dann hattest Du also schon sehr früh ein Talent für etwas mit bleibendem Charakter (entgegen den Zeitläufen). Auch wenn die Kamera nie auf einem Stativ stand (was allerdings einige Deiner Aufnahmen gewiss verbessert haben dürfte!), bleibt doch unterm Strich eine schon sehr frühe „reife“ Leistung, die „ausbaufähig“ war/ist, wenngleich wenn die Umstände eher einem Zufall zu verdanken sind. Zumindest bist Du der Fotografie „erhalten“ geblieben, was doch auch ein Glücksfall sein kann … ;-))

      Gruß
      Marcus

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