Häuserschluchten abstrakt:
Frage des Beschnitts

Einige Feinheiten einer abstrakt wirkenden Architekturfotografie.

Häuserschlucht Foto

das Ausgangsfoto der Hausschlucht.

Leser Holger Schnell aus Berlin hat uns das obige Bild unter dem Titel „It’s Me!” in der Kategorie ‚Architektur‘ zur Besprechung eingereicht.

Das Foto entstand an einem sonnigen Vorfrühlingstag in Berlin-Schöneberg. Mich faszinierte die grafische Wirkung der Hausfassaden, die im gleißenden Sonnenlicht wie ein Mittelmeer-Urlaubsszenario wirkten, obwohl es sich um einen eher abweisenden Berliner Hinterhof handelt. Störende Elemente (z.B. ein Schornstein-Aufsatz) wurden entfernt, das am Schluss zu glatte Bild nachträglich gekörnt. Trotzdem bin ich mit der Wirkung unzufrieden, weiß aber nicht, woran es eigentlich liegt.

Zur Aufnahme wurde eine Nikon D300 mit Zoomobjektiv 17.0-70.0 mm f/2.8-4.5 (Sigma?) verwendet. Die Brennweite betrug 70 mm (entsprechend 105 mm Kleinbildäquivalent bei einem Formatfaktor von 1,5), die Belichtungsdaten waren 1/320 Sekunde bei Blende f/14,0 und ISO 200.

Holger äußerte sich recht begeistert und inspiriert hinsichtlich des Ausgangsmotivs, aber doch auch mit einem gewissen Unbehagen gegenüber dem Bildergebnis. Zu Letzterem wollen wir schauen, ob sich mittels der klassischen Bildanalyse Ursachen benennen und Alternativen aufzeigen lassen. Betrachten wir dazu zunächst wieder die grundsätzlichen Bildelemente.

Komposition (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild):

Die Grundordnung des Bildes wirkt auf den ersten Blick übersichtlich, aber sie hat doch ihre Tücken.

Als etwas herausragendes Element würde ich die am unteren Bildrand und etwas nach rechts versetzt gelegene, dunkle und kleiner gehaltene Haussilhouette bezeichnen (siehe rote Linien ebd.). Zwei hellere und größer gehaltene Haussilhouetten schließen sich beidseits davon an, sie scheinen das erstgenannte Element wie Wände einer Schlucht zu säumen (siehe durchgezogene orange Linien ebd.). Unterstrukturen im Sinne von Schattenbildungen sind hierzu noch zu erwähnen (siehe punktierte orange Linien ebd.). Ein Schornstein taucht zuletzt noch nahe des rechten Bildrandes auf, er fungiert als Kontrapunkt bzw. Bildabschluß (siehe gelbe Linien ebd.).

In der Zusammenfügung lassen sich die genannten Elemente zu einem auf der Spitze stehenden, etwas nach rechts verdrehten Dreieck gruppieren (siehe blaue Linien ebd.).

Das bisher Genannte würde ich als ein ‚gutes Tableau von nicht zu vielen und nicht zu wenigen Bildelementen‘ bezeichnen. Hieraus läßt sich meines Erachtens kein rechtes Unbehagen ergründen.

Doch betrachten wir weiter die Blickführung: hier bemerkte ich, daß mein Blick eine ganze Weile im Bild herumirrte und im ‚klassischen Einstiegspunkt der linken. unteren Bildhälfte‘ keinen rechten Halt fand (siehe grünes Fragezeichen ebd.). Den Einstieg fand ich dann (wie oben angedeutet) über die dunklere Hausstruktur am unteren Bildrand. Von dort aus strebt der Blick logischerweise wieder nach oben, aber bereits auf der Höhe der Bildmitte muß schon wieder eine Entscheidung über die Fortsetzung nach links oder nach rechts getroffen werden (siehe grüne Pfeile ebd.).

Als weiteren Befund möchte ich die Bildkonstruktion anführen. Keine der wichtigen Strukturen liegt auf den Kreuzungspunkten bzw. verläuft entlang der Linien des Goldenen Schnitts (siehe türkisfarbene Linien ebd.). Nun ist dies (um nicht mißverstanden zu werden) weder unverzichtbare Voraussetzung noch schlußgültiges Qualitätskriterium, aber es bildet doch die Grundlage einer gewöhnlich als spannungsvoll und wenig harmonisch erlebten Komposition.

Tonwerte (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild):

Die Verteilung und Gegenüberstellung der Tonwertbereiche, insbesondere im Bereich der drei sich berührenden Haussilhouetten, ist recht delikat und gefällig. Als ‚lokale Hochkontrastbereiche‘ ragen der Schornstein nahe des rechten Bildrandes sowie die Kontrastkanten zu beiden Seiten der Häuserschlucht heraus.

Gestaltpsychologisch läßt sich dies (in Verbindung mit der Anordnung der Elemente) als eine ‚im Ansatz durchaus gegebene, aber insgesamt doch gezähmt erscheinende Figur-Grund-Differenzierung‘ beschreiben.

Zusammenfassung:

Wie obenstehend im Detail dargelegt, konnte ich dabei einige Befunde im Sinne der verwirrenden Blickführung, der (zu) spannungsreichen Bildkonstruktion und der (zu) geringen Figur-Grund-Differenzierung erheben.Ausgehend von Holgers eigenen Fragen und seiner hierzu auch dargelegten Ratlosigkeit hatte ich die Instrumente der klassischen Bildanalyse zur Anwendung gebracht.

Letztgenanntes sind gängige gestaltpsychologische Ansätze, über deren Hintergründe und (fotografische) Verwendbarkeit ich im einschlägigen Tutorial bereits berichtet hatte.

Untenstehend finden sich noch drei Beschnittvorschläge. In allen Varianten spielt die ‚linke Wand der Häuserschlucht‘ eine maßgebliche Rolle dahingehend, daß diese sich nun auf einer der Vertikalen des Goldenen Schnitts befindet.

Nun stellt sich freilich die Frage, ob dies Variationen der altsumerischen Weisheit „Und weißt Du keinen Rat, dann greife zum Quadrat!” sind oder wirkliche Lösungsansätze. Warten wir die Diskussion ab …

Bildteil:

Komposition: Grundelemente

Komposition: Zusammenfügung

Komposition: Blickführung

Komposition: Bildkonstruktion

Tonwerte: Histogramm und Zonenverteilung

Überarbeitung: Beschnittvorschlag 1

Überarbeitung: Beschnittvorschlag 2

Überarbeitung: Beschnittvorschlag 3

 


Anmerkung der Redaktion: Thomas Brotzler arbeitet nicht mehr aktiv für fokussiert.com, aber er hat einige fertige Kritiken hinterlassen. Die möchten wir Euch nicht vorenthalten; eine Diskussion kann jedenfalls entstehen, und Thomas ist als Gast immer wieder zugegen.

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