Amateurfotografen-Krankheit GAS:
Dem Drang widerstehen

Viele Amateurfotografen leiden am sogenannten Gear Acquisition Syndrome (kurz G.A.S.). Hier erfährst Du, wie Du dich schützen kannst.

Gear Acquisition Syndrome

Gear Acquisition Syndrome

Der eine oder andere wird die Abkürzung G.A.S. oder den dafür stehenden Begriff Gear Acquisition Syndrome (zu deutsch ungefähr: Ausrüstungs-Sammel-Sydrom) schon mal irgendwo gehört oder gelesen haben. Viele werden aber bereits an der „Krankheit“ leiden oder zumindest schon mal gelitten haben (mich eingeschlossen).

Natürlich ist es keine echte Krankheit, wobei es durchaus die Kaufsucht als Krankheit gibt. Im Prinzip ist es eine Überspitzung eines Phänomens, welches man überwiegend bei Amateuren findet. Und das nicht nur auf die Fotografie beschränkt.

Ich würde nicht behaupten, dass das ein ausschließlich männliches Problem ist, doch Männer scheinen dafür anfälliger zu sein als Frauen. Die Industrie hat das erkannt und nutzt diese Schwäche aus, um uns gerade zu einer Wegwerfgesellschaft umzuerziehen. Als man zu Analogzeiten eine Kamera kaufte, war die Wertigkeit und Robustheit ein wichtiges Kaufkriterium. Gute Kameras durften auch mal viel Geld kosten, da sie für Jahrzehnte halten mussten. Wenn die Entwicklung des Aufnahmemediums, also in der Regel des Films, voranschritt, brauchte man sich nur diesen neuen Film kaufen, in die Kamera legen, und schon hatte man eine andere technische Qualität.

Heute ist das Aufnahmemedium, also der Sensor, in der Regel fest verbaut. Schreitet die Entwicklung des Mediums voran, muss man gleich die ganze Kamera ersetzen, will man vom Fortschritt partizipieren. Das kommt den Herstellern gerade Recht, denn so kann man alle 2 Jahre ein geringfügig verbessertes Model auf den Markt bringen. Ähnlich, wie es mit Handys schon lange gehandhabt wird. Evolution statt Innovation. Viel Elektroschrott statt Nachhaltigkeit.

Zusätzlich zur fehlenden Nachhaltigkeit ist dieses Syndrom auch teuer für den Betroffenen. Neben den oft hohen Neupreisen haben elektronische Geräte, die für den Verbrauchermarkt gedacht sind, immer kürzere Lebenszyklen und erfahren dadurch einen rapiden Preisverfall. Das kann man etwas abmildern, indem man sich auf dem Gebrauchtmarkt eindeckt.

Ausrüstung statt Statussymbole!

Nicht selten sieht man, wie Fotografen überwiegend Testtafeln und eine Art Altar aus Figuren und Gegenständen fotografieren, um die technische Qualität der Ausrüstung zu testen. Außerdem werden Unmengen von Tests gelesen und erbitterte Grabenkämpfe in Foren und sozialen Netzwerken zwischen den Anhängern der verschiedenen Herstellern ausgetragen. Da geht es schon lange nicht mehr um Fotografie, sondern um das Sich-selbst-auf-die-Schulter-Klopfen. Meine Ausrüstung ist besser als deine, also bin ich besser als Du. Was man aus welchem Grund damit fotografiert, ist eher unwichtig. Ein Paradebeispiel für Statussymbole. Und Statussymbole sind die Reaktion auf Minderwertigkeitskomplexe.

In diesen sozialen Netzwerken oder Foren liest man auch immer wieder Themen, bei denen der Starter fragt, welches Objektiv er sich als nächstes holen soll. Ein Weitwinkel oder ein Tele? Wenn ich so etwas lese, weiß ich schon, wohin das führt. Zuerst schreiben einige, welche Linse sie warum bevorzugen. Dabei gibt es dann genau so viele Meinungen wie Schreiber. Zum Schluss hin werden wieder Grabenkämpfe ausgefochten, und dem Fragenden bringt das alles nichts. Frustriert kauft er sich dann ein „Super“-Zoom (18-300 mm). Doch er ist auch selbst schuld, denn das Phänomen ist nichts Neues und die Frage wurde grundlegend falsch gestellt.

Diese Frage lässt nämlich durchblicken, dass der Fragesteller noch überhaupt nicht weiß, was er später damit machen will. Damit ist auch ein nützlicher Rat schwierig. Das ist im Prinzip so, als würde jemand fragen, ob er sich einen Topf, oder eine Pfanne kaufen soll. Er wird „beraten“ und kauft sich daraufhin eine Pfanne. Nach einiger Zeit stellt er fest, dass er Suppe kochen möchte. Wer hat Mist gebaut? Natürlich der Berater oder der Hersteller der Pfanne.
Hätte sich der Ratsuchende aber vorher Gedanken darüber gemacht, was er tatsächlich zubereiten will, nämlich Suppe, hätte ihm kaum jemand eine Pfanne empfohlen.

Sinnvoller fürs Portemonnaie und für die eigene fotografische Entwicklung wäre bedarfsorientiertes Denken, man macht sich also Gedanken darüber, was man konkret mit dem Werkzeug schaffen möchte. Wenn man das nicht weiß, dann braucht man auch kein neues Werkzeug. Wenn man sich aber trotzdem etwas kaufen möchte, weil die leise unzufriedene Stimme im Hinterkopf immer lauter wird, dann kann man z.B. in seiner Bildverwaltung (z.B. Lightroom) nachschauen, welche Kameras, Objektive oder Brennweiten man am häufigsten genutzt hat. Entweder man baut diesen Bereich dann mit besserem Equipment aus, oder man stellt sich selbst einer Herausforderung, und versucht den Bereich abzudecken und später lernen zu beherrschen, den man bisher vernachlässigt hat. Hilfreich ist es auch das Objekt der Begierde vor dem Kauf auszuprobieren.

Kaufe, was Du brauchst, nicht, was Du willst

Als Anfänger hat mir so etwas niemand gesagt. Und vermutlich hätte ich es nicht geglaubt, wenn es jemand doch getan hätte. Ich hatte die naive Idee, wenn ich mir die und die Linse, oder das neue Model der Kamera kaufe, dass ich dann auch bessere Bilder mache. So sammelte auch ich einiges an Kram, der nun irgendwo unterm Bett verstaut ist, weil ich das Zeug sehr selten nutze. Mein teuerster „Fehlkauf“ war das Nikon 70-200 mm f/2.8. (Affiliate-Link) Ich hatte wegen einer Steuerrückzahlung Geld, doch selbst gebraucht hat es damals noch einen vierstelligen Preis. Da ich das Geld aber gerade hatte, dachte ich mir: „Jetzt oder nie“. Also kaufte ich das Objektiv und war anfangs hellauf begeistert. Super verarbeitet, schnell, lichtstark und eine Bildqualität, bei der ich nicht wusste, dass meine damalige Kamera das überhaupt kann.

Nach und nach kam aber die Ernüchterung. Das Ding ist ein Trümmer. Ohne Kamera wiegt es schon 1,5 kg. Dazu ist es auch nicht gerade handlich. Ich habe es mal einen Nachmittag lang genutzt, weil ich Portraits einer Freundin gemacht habe. Ich bin nicht gerade schmächtig, aber am Ende des Tages zitterte mein linker Arm bei größerer Belastung. So kam es, dass ich das Objektiv mehr und mehr zu Hause liess und es nur mitgenommen habe, wenn ich wusste, dass ich es definitiv brauchte. Irgendwann war es dann so weit. Das Herz hat mir geblutet, aber es machte keinen Sinn es weiter nur im Regal zu halten. Dafür war es zu teuer in der Anschaffung und hatte zu wenig nutzen. Bevor es signifikant an Wert verloren hat, habe ich es wieder zum Glück zu einem recht guten Preis verkauft.

Irgendwann später habe ich es noch mal mit einem Tele-Objektiv versucht, es dann aber erneut abgestoßen.

Ich habe einfach gemerkt, ich bin nicht der Tele-Typ. Ich möchte nicht nur Zuschauer sein, der aus der Ferne beobachtet, ich möchte mitten drin sein, und meine Bilder sollen meine Erfahrungen widerspiegeln. Und das geht, zumindest bei mir, besser mit Weitwinkel- und Normal-Objektiven. Daher habe ich mein Equipment dahingehend ausgebaut. Der Vorteil war sogar, dass dadurch, dass ich auf Tele-Objektive verzichtet habe, ich mehr Geld über hatte um mir hochwertigere Objektive in „meinem“ Brennweiten-Bereich zu kaufen.

Das war für mich so die entscheidende Erfahrung, neben meinem Umstieg von DSLR zu Spiegellosen. Statt einfach zu kaufen, habe ich mich informiert, habe ausprobiert, habe überlegt, was ich damit machen möchte, habe noch mal eine Nacht drüber geschlafen und mich dann entschieden.

Dennoch ist Fotografie bei mir ein Hobby. Hobbys werfen in der Regel kein oder nur wenig Geld ab (sonst wäre es ja ein Beruf). Das ist auch gar nicht der Zweck eines Hobbys. Auch ich kaufte mir eine alte Polaroid SX-70. (Affiliate-Link) Doch dabei hatte ich schon eine recht genaue Vorstellung davon, was ich damit machen möchte. Die Ausgaben für dieses Vergnügen waren sehr überschaubar.

Ich habe auch mal das neu aufgelegte Petzval 85mm getestet. Wäre der Preis nicht so hoch oder wäre ich ein Portrait-Fotograf, ich hätte es mir vermutlich gekauft. Doch diese Spezial-Linsen, also Linsen, die einen sehr speziellen Look erzeugen, haben einen gravierenden Nachteil. Ob das nun Fisheye, Lensbaby oder eben Petzval ist, der Effekt nutzt sich irgendwann ab, und man hat sich satt dran gesehen.

Für mich persönlich besteht gute Fotografie zu 30 % aus Verstand, 50 % aus Herz und zu 20 % aus allem anderen, also dem reinen Handwerk. Kreativität lässt sich nicht durch mehr Equipment „erkaufen“, wenn dahinter keine konkrete Idee steht. Oft ist es sogar so, dass zu viel Equipment den Fotografen mehr ablenkt als nützt. Bevor man los zieht, steht man vorm Regal und kann sich nicht entscheiden, was man mitnehmen soll. Am Ende nimmt man oft viel zu viel mit. Beim Fotografieren wird es nicht besser, weil man einfach zu viele Optionen hat.

Ich empfehle jedem von Zeit zu Zeit nur mit einer Kamera und nur einer Festbrennweite los zu gehen. Es hört sich paradox an, aber Limitation kann befreiend sein. Statt sich Gedanken darüber zu machen, welche Linse man nehmen soll, beschäftigt man sich mehr mit dem Motiv und denkt automatisch darüber nach, wie man mit dem, was man zur Verfügung hat, ein gutes Bild produzieren kann. Das kostet nichts (außer ein wenig Hirnschmalz) und trainiert die eigene Kreativität besser, als es irgendein neues Spielzeug je könnte.

18 Antworten
  1. Marcus Leusch says:

    Die Zeiten, in denen man sich eine Kamera für‘s Leben angeschafft hat, sind leider vorbei.


    In meinen Vorzeiten nutzte ich eine Nikon F 2, später kam eine gebrauchte Leica M 6 hinzu, die ich auch heute noch besitze, samt drei hochwertigen Objektiven, sowie einige Linsen von Nikon, die ich aktuell noch an meiner D700 bzw. F90X (Analogkamera) nutze und deren Qualitäten in keiner Fotozeitschrift noch gewürdigt werden, obwohl sie materialtechnisch wesentlich besser gebaut sind, als die zahllosen Kunststoffboliden heutzutage und obendrein (mit einigen Einschränkungen) über hervorragende optische Eigenschaften verfügen – aber das wäre ja auch nicht unbedingt marktgerecht, darauf hinzuweisen, denn auch Fotozeitschriften stehen in einem Verwertungszusammenhang, den die Fotoindustrie und der Zahn der Zeit diktieren. Glaube nie einem (bezahlten) Fototest! 



    Wer heute auf einem avancierten technischen Niveau fotografieren möchte, für den sind solche „Altlasten“ Schnee von gestern, auch wenn wir mit Bildbearbeitungssoftware und Nachbau-Objektiven im Retrostile Anmutungen alter Analog-Zeiten wieder aufleben lassen möchten.

    

Wer heute aber eine Kamera kauft, sollte sich darüber im Klaren sein, dass die elektrotechnischen (Re)evolutionen seiner Neuerwerbung eine recht kurze Halbwertzeit bescheren, weswegen Technik-Aficionados ja auch alle drei bis fünf Jahre ihre Kamera gegen ein neues Modell austauschen, für das sie dann auch turnusgemäß ein neues Bildbearbeitungsprogramm einkaufen müssen … Das gehört unter Anderem zum Überlebensprogramm der Fotoindustrie …



    Diese technischen Entwicklungen sind einerseits ein Segen, weil sie uns das Fotografieren ebenso erleichtern wie den „Workflow“ beim Entwickeln unserer Bildideen. Andererseits prägen die Resultate eines 36- oder 50-MB-Sensors (noch sehr teuer, aber gewiss schon in 5-6 Jahren durchaus erschwinglich) unsere Seherfahrungen in Puncto nie gekannter Schärfe und Detailreichtum – davon konnten Cartier-Bresson & Co. nur träumen, die weitaus schlechtere technische Voraussetzungen hatten als wir.

    Die Frage, die ich mir beim Kamerakauf stellen würde, ist doch die: Was möchte ich eigentlich fotografieren (Urlaubsfotos, Reise- oder Landschaftsfotos, Street/People, Astro- oder Makrofotografie etc.). Danach richtet sich der Anspruch an eine Kamera, die für mich geeignet erscheint, wie die unterschiedlichen Pinsel eines Malers.

    

Viel wichtiger sind hingegen aus meiner Sicht wertige Objektive, die sich nicht schon nach der nächsten Sensor(r)evolution als Unbrauchbar erweisen, weil sie an den Anforderungen eines neu entwickelten Digitalsensors kläglich scheitern, da sie das Niveau seiner elektrotechnisch möglichen Abbildungsleistungen nicht mehr herauszukitzeln in der Lage sind. 



    Den wichtigsten Aspekt könnte man über solchen Diskussionen fast vergessen: Die Persönlichkeit des Fotografen hinter den Kameramodellen, die heute (ja fast alle) technisch weitaus bessere Ergebnisse liefern, als jene, mit denen die Pioniere der Fotografie unterwegs waren.
    Aber das ist wieder ein ganz anderes Kapitel: Wie marktkonform agieren wir eigentlich, wenn es um unsere fotografische Kreativität geht?



    Sorry für die Überlänge meines Kommentars – aber das Thema ist für m i c h ein allzu weites Feld …

    LG
    Marcus

    Antworten
    • Chilled Cat
      Chilled Cat says:

      Das Thema ist auch allgemein ein weites Feld.

      Neben der Frage, was ich fotografieren möchte, ist es nicht unwesentlich wie groß ich meine Bilder vergrößern möchte. Wenn ich meine Bilder nur auf dem Monitor betrachten und zeigen will, dann ist inzwischen jedes bessere Telefon von der Qualität her ausreichend. Will ich von meinen Bildern Poster drucken, dann sieht das schon ganz anders aus.

      Auch ich sehe es so, dass Objektive weitaus länger nutzbar bleiben als digitale Kameragehäuse. Das älteste Objektiv, das ich regelmäßig an der Sony A7 im Einsatz habe, ist von 1972. Sony arbeitet gerade am Nachfolger des Nachfolgers für die A7 und dieses Gehäuse habe ich jetzt zwei Jahre.

    • Darius Kupczak
      Darius Kupczak says:

      Ich freue mich über „überlange“ Kommentare.

      Ich würde die „Kunststoffboliden“ nicht grundsätzlich kritisieren. Heutzutage wird Kunststoff oft nicht wegen den geringeren Kosten, sondern wegen dem Gewicht genutzt. Heutige hochwertige Kunststoffe sind auch sehr stabil.
      Leica geht da (noch) einen anderen Weg, doch da finde ich das Preis-/Leistungsverhältnis ziemlich schlecht.

      Die „Bindung“ zwischen Kamera und Bildbearbeitungsprogramm (nur bei RAW) ist zwar ärgerlich, doch nachvollziehbar. Das würde ich nicht unbedingt der Gier der Industrie zuschieben.
      Mehr sorgen macht mir die Lebensdauer von Dateien und Formaten.

      Die von dir angesprochenen wertigen und zukunftssicheren Objektive halte ich auf Dauer nicht machbar. Es ist ja nicht nur so, dass die Sensoren eine immer höhere Pixeldichte verpasst bekommen, es gibt auch andere Entwicklungen, wie gekrümmte oder organische Sensoren, Lytro-Kameras, 3D und wer weiß, was noch so kommt. Das hat natürlich Vor- und Nachteile. Zum einen wird so weiter geforscht und es werden bessere BQ und neue Möglichkeiten geschaffen. Auf der anderen Seite kostet das alles immer Geld. Man muss aber auch nicht jeden Trend mit machen.

    • Marcus Leusch says:

      @ Darius

      „ … die ‚Kunststoffboliden‘ nicht grundsätzlich kritisieren“



      Ja, das Gewicht ist ein Faktor, mit dem ich mich ungern anfreunden mag, gehört aber doch zum Charakter der meisten modernen Autofokus-Objektive, die obendrein recht sperrig sind: Das Problem liegt in der höheren Anzahl der verbauten Linsen. Hinzu kommen Silent Wave Motoren und Bildstabilisierung, die all jene aufatmen lassen, die immer kürzere Verschlusszeiten für den „Verwacklungsanfälligen“ Delux-Sensor ihrer Kamera benötigen, gerade bei den längeren Portrait- und Teleobjektiven.

      
Da lob ich mir mein altes 135er von Nikon: klein und relativ leicht (dank weniger Linsen) und trotzdem gebaut wie ein Panzer – mit sehr guten Abbildungsleistungen (auch an einer Nikon D 750). Und da gibt es sogar noch einen Blendenring; den gibt‘s sonst bloß noch an manuell zu fokussierenden Objektiven von Leica, Voigtländer, Leitz und Zeiss … oder an manchen X-Objektiven von Fuji – die haben geradezu ein Gespür für Fotografen :-)) 
Diese schon haptisch zu (be)greifende Wertigkeit hat freilich mit wenigen Ausnahmen ihren Preis.

      


„… würde ich nicht der Gier der Industrie zuschieben.“ 

„Gier“ ist vielleicht zu gewagt interpretiert, aber: Auch bei der Glühbirne hatten wir schon dessen kurze Lebensdauer (Obsoleszenz) als Industrienorm zu „schätzen“ gelernt. Wenn uns ein Architekt offenbaren würde, dass seine gerade erstellte Brücke im Jahr 2025 die Grätsche macht, sollten wir ihn dafür einfach lieben lernen. Warum also bei Computern und Kameras oder Bildbearbeitungssofware Argwohn aufkommen lassen? Das nenne ich wahre Mimikri an die Gesetze der Ökonomie. Was ich heute teuer einkaufe, ist spätestens nach drei bis fünf Jahren (das sind die Entwicklungszyklen des Marktes) entweder ein alter Hut oder unbrauchbar. Das nehmen wir klaglos hin wie einst die Glühbirnenagonie. 
Um der technischen Vergreisung zu entgehen gibt es jetzt – von vielen Photojournalisten bereits im Vorfeld kritisiert – die kostenpflichtige Creative Cloud für Photoshop & Co.. Da hängt man also noch krisensicherer am Tropf des Entwicklers wie der Wurm am Angelhaken der Erkenntnis.

      
„zukunftssichere Objektive“

      … die gibt es wahrscheinlich wirklich nicht. Wenn Chilled Cat hingegen von einem 1972er-Objektiv an ihrer Sony A7 spricht, geht einem doch nach 40 Jahren das Herz auf, da Altes sich auch heute noch bewährt – und preiswerter ist der Rückgriff auf die Spitzenoptiken von einst allemal (Tipp für den fotografischen Einsteiger!!).

      Trösten wir uns aber mit Karl Valentin: „Früher war die Zukunft auch besser.“

      LG
      Marcus

    • Darius Kupczak
      Darius Kupczak says:

      Hallo Marcus,

      schön von dir zu hören.
      Bezüglich der Bildbearbeitungssofware kann ich das deswegen verstehen, weil ich aus der Branche komme. Mit neuen Kameras und neuen Sensoren kommen auch neue RAW-Dateien. Da gibt es keinen Standard, wie z.B. es mit JPG der Fall ist. Es gibt zwar ein relativ allgemeines Format (DNG), das ist aber zu allgemein, will man wirklich die letzten 5 % aus den Bildern raus kitzeln.
      Da die Dateien unterschiedlich aufgebaut ist und unterschiedliche Daten enthalten, muss für fast jede Kamera der Code des RAW-Konverters angepasst/erweitert werden muss. Dass das Geld kostet, ist klar, denke ich mal.
      Wenn man in JPG fotografiert, dann kann man die JPGs auch mit alten Versionen einer Bildbearbeitungssofware editieren.
      Die meisten Kamerahersteller legen aber mittlerweile einen RAW-Konverter zu ihrer Kamera dabei. Die sind oft nicht besonders gut, aber man hat zumindest die Möglichkeit ohne weitere Kosten seine RAW-Dateien zu entwickeln. Manche Kameras haben mittlerweile sogar eingebaute RAW-Konverter.

      Bezüglich der Adobe Creative Cloud bin ich auch skeptisch. Ich habe bisher auch darauf verzichtet, da ich es nicht brauchte. Mein „normales“ Lightroom reicht noch aus.
      Einerseits nervt so ein Abo-System, andererseits ist die Software nun bezahlbar und man hat automatisch auch neue Versionen mit drin. Für den Hersteller ist das auch attraktiv, da sich so Raubkopien einfacher bekämpfen oder gar ausschließen lassen und er auch eine gewisse Investitionssicherheit hat.

      Ach ja, die Entwickler bekommen meist nicht viel vom Kuchen ab, man hängt also nicht an deren Tropf.

      Ich habe einige alte Objektive an meinen Spiegellosen ausprobiert, aber es ist bei weitem nicht so, wie das Marketing es einem immer weiß machen möchte. Dem analogen Film ist es egal, in welchem Winkel der Lichtstrahl auf ihn trifft. Digitalen Sensoren aber nicht. Da muss der Lichtstrahl am besten senkrecht auf den Sensor treffen.
      Das führt bei so manchen alten Schätzchen zu sehr schlechter Bildqualität, selbst wenn man abblendet. Das muss man von Objektiv zu Objektiv ausprobieren.
      Man kann so aber gute Objektive für wenig Geld nutzen, wenn man auf den Autofokus verzichten kann/will. Das hat dazu geführt, dass die Preise für solche Objektive auf dem Gebrauchtmarkt wieder gestiegen sind.

  2. Ingrid says:

    Ich stehe jetzt genau vor dem Thema, meine Bridge-Kamera auszutauschen, nachdem mir ein Seminarleiter in einem Fotokurs gesagt hat, ich sei „über diese Kamera hinaus“ und solle mir was besseres leisten, weil sie mich in meinen Möglichkeiten limitiere. Na ja, sie produziert schon ab ISO 400 eine Menge Bildrauschen und begrenzt die Umsetzung meiner Ideen an manchen Stellen tatsächlich (kleinste Blendenöffnung = f/8). Andererseits beherrsche ich sie sicher und schnell, sie ist unschlagbar leicht und hat aufgrund des kleinen Sensors ein Brennweitenspektrum, für das ich sonst mehrere Objektive mit mir herumschleppen müsste bzw. zu Hause liegen lassen würde. Dieser Artikel bestärkt mich darin, mit einer Neuanschaffung erstmal zu warten, bis mir klarer ist, was genau ich eigentlich brauche. Danke dafür.

    Antworten
    • Sofie Dittmann
      Sofie Dittmann says:

      Ich habe mir sehr genau überlegt, als ich mir „etwas besseres“ als meine Canon Rebel leisten konnte, welche ich mir kaufe, und schlußendlich wurde es dann eine Canon 5D II – eigentlich bereits überholt zu dem Zeitpunkt, aber immer noch eine tolle Kamera. Die Rebel habe ich an eine Freundin weitergegeben, die allerdings nur kurz damit fotografiert hat, denn sie wollte „etwas Richtiges“. Mit der 6D, die sie sich zugelegt hat, kann sie nicht umgehen. Sie fotografiert grundsätzlich mit extrem offener Blende, was bei einer Vollformatkamera wie der 6D bedeutet, daß ein nur leicht abgewandtes Gesicht auf dem „hinteren“ Auge dann unscharf wird; mittlerweile sage ich nichts mehr. :) Ich würde auf jeden Fall die Bridgekamera behalten, auf eBay bekommst Du dafür sowieso kaum Geld, und so hast Du einen Backup.

  3. Gregor Boos says:

    Bei mir im Schrank hat sich in den letzten Jahren haufenweise Zeug angesammelt, allerdings habe ich das meiste davon geschenkt bekommen („Du fotografierst doch noch analog, ich hätte da etwas für dich…“).
    Die Digitalkamera wurde nach sieben Jahren ausgetauscht, da sie anfing, herumzuzicken (sonst würde ich wohl immer noch mit der Kompaktkamera fotografieren).
    Der Rest meiner Ausrüstung ist über 30 Jahre alt und funktioniert immer noch tadellos, wozu also tauschen?
    Meine letzte wirklich große Anschaffung war ein Spektiv mit Kameraadapter, da ich endlich für vernünftige Tierfotos eine lange Brennweite haben wollte und damit sowohl Beobachtung als auch Fotos möglich sind.
    Bedeutet allerdings auch, das jetzt Stativ und Kopf neu müssen, da meine alte Ausrüstung dieses große Teil nicht mehr trägt.

    Antworten
  4. Chilled Cat
    Chilled Cat says:

    Immer wenn ich über neue Kameragehäuse oder Objektive nachdenke, dann zwinge ich mich dazu mir klarzumachen, dass in den seltensten Fällen das Equipment für missratene Bilder verantwortlich gemacht werden kann.

    Meistens hilft das, jedoch nicht immer.

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