Situationelle „Spiegelung“:
Komposition verdichten

Eine verdichtete Bildbetrachtung.

 

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Unser Leser Dirk Hunstein aus Wiesbaden hat uns das obige Bild unter dem Titel „Spiegelung?” in der Kategorie ‚Street/Strasse‘ zur Besprechung eingereicht. Er schreibt dazu:

„Eigentlich wollte ich die beiden Türen fotografieren, von denen es in Dublin viele gibt. Beim fokussieren fielen mir die beiden Herren auf, die sich jeweils von rechts resp. links auf sich zu bewegten. Ein bisschen Glück war beim Auslösen dabei, denn selten erwischt man laufende Menschen in einer ‚ansehnlichen‘ Körperposition. Den Moment, an dem sie sich beide anschauen, habe ich nicht erwischt, aber eine Sekunde später. So wirkt es für mich aber noch stärker, denn die beiden haben ja (wahrscheinlich) keine Beziehung zueinander, außer, dass sie gleichzeitig am gleichen Ort waren. Hätten sie einander angeblickt, wäre das Bild vielleicht weniger interessant. Durch ihre ähnliche Haltung wirken sie fast wie gespiegelt. Eine flüchtige Begegnung – schon vorbei…”

Der Reiz der Bildidee liegt zweifelsohne darin (und findet sich auch schon im Bildtitel angedeutet dahingehend), daß mit der ‚Vorstellung einer Spiegelung‘ bei uns Betrachtern gespielt wird. Es ist jenes psychologische ‚Kippen unserer Vorstellung‘ (daß wir uns einerseits also an die Vorstellung einer Spiegelung annähern, die tatsächliche Szene jedoch gleichzeitig als Nichtspiegelung erkennen), die dem Bild Wirksamkeit verleiht.Dirk Bilds zeigt uns den ‚Anschein einer Spiegelung‘ – sowohl die linke wie auch die rechte Bildhälfte umfaßt jeweils einen jungen Mann, eine Tür und drei Fenster. Die sehr sorgfältige Ausrichtung bzw. Gleichgewichtung der Bildhälften unterstützt diesen Eindruck. Weitere Stabilität erhält das Bild dadurch, daß der Oberrand der Türstöcke in der vertikale Mitte und die Köpfe der jungen Männer im Goldenen Schnitt liegen.

Doch frage ich mich zugleich, ob diese reizvolle Bildidee und -anlage auch ausreichend verdichtet ist. Das ‚dynamische Moment‘ der Aufnahme konzentriert sich ja auf jenen Bereich der unteren Mitte, in welchem die beiden Türen den Hintergrund abgeben, vor dem die beiden jungen Männer gerade eben aneinander vorbeigegangen sind und nun auseinanderstreben. Der Rest des Bildes, also die Gesamtheit der Fenster, Großteile der Fassade und der beiden Zäume, letztlich aber auch die Farben können in diesem Sinn als Elemente aufgefaßt werden, welche von der eigentlichen Bildaussage ablenken und insofern verzichtbar sind.

Der untenstehende Beschnittvorschlag soll diesen Gedanken illustrieren.

Beschnittvorschlag

 


Anmerkung der Redaktion: Thomas Brotzler arbeitet nicht mehr aktiv für fokussiert.com, aber er hat einige fertige Kritiken hinterlassen. Die möchten wir Euch nicht vorenthalten; eine Diskussion kann jedenfalls entstehen, und Thomas ist als Gast immer wieder zugegen.

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