Spatzenblick:
Gelungener kalkulierter Regelbruch

Ein weiteres Beispiel für eine trotz (oder gerade wegen) ihrer Vagheit interessanten Streetfotografie.

Ausgangsbild

Unser Leser Franz Schmied aus dem oberösterreichischen Ottensheim hat uns das obige Bild unter dem Titel „Spatzenblick” in der Kategorie ‚Street/Strasse‘ zur Besprechung eingereicht.

Er schreibt dazu: „Linz street CANON eos 10D”

Über Ausrüstung und Aufnahmedaten liegen keine weiteren Informationen vor.

Die ‚gute alte Canon EOS 10D‘, bereits 2003 eingeführt – nach unserem heutigen Zeitermessen, welches Produkte des Vorjahres gedanklich oft ‚in der Steinzeit verortet‘ (da hat uns ‚Big Business‘ schon gut konditiniert, nicht wahr?), zweifelsohne ein Fossil – hier ein ‚archäologischer Bericht‚ …

Und doch werde ich nicht müde zu betonen, daß ‚derjenige mit Kopf, Herz und Auge‘ damit regelmäßig überzeugendere Bildergebnisse schaffen wird wie der ‚Technikfreak mit dem immer neuesten Modell‘ – ich hoffe jetzt geradezu auf empörte Aufschreie der oft so technik- und narzißmusaffinen Fotostammtische (‚wer hat den Längsten?‘) …

Doch betrachten wir zunächst wieder die grundsätzlichen Bildelemente.

Komposition (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild):

Drei relativ deutlich gezeichnete Spatzen links unten (siehe rote Linien ebd.), zwei schon in Bewegungs- und Fokussierungsunschärfe fallende Menschen rechts oben (siehe orange Linien ebd.) und einige über das Bild verteilte, schemenhaft erkennbare Beistrukturen (gelbe Linien ebd.) empfangen den Betrachter des Bildes.

In Hinblick auf die Blickführung würde ich zwei Aspekte beschreiben: zum einen die Blickrichtung des oberen, etwas isolierten Spatzen, welche zu den Menschen hinzugehen scheint; zum anderen diejenige der beiden unteren, gruppierten Spatzen, die an diesen vorbeigeht (siehe grüne Linien ebd.).

Tonwerte (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild):

Das Histogramm vermittelt mit einem Median von etwa 220, einer ausgesprägten Zweigipfligkeit und massiven Tonwertabbrüchen gerade im Lichterbereich zunächst ‚einen etwas bedenklichen Eindruck‘ …

Und doch ‚funktioniert‘ dieses Bild, wie ich meine: es klammert die mittigen Tonwerte fast vollständig aus und vermittelt uns Betrachtern vielleicht die Idee von ‚aus dem Licht heraustretenden Schatten‘. Indem in solcher Weise auf die bildwichtigen Protagonisten (eben die Spatzen und Menschen) fokussiert wird, finden Bildkomposition und -aussage gute Unterstützung.

***

Zusammenfassung:

Ich darf das schon Gesagte hier nochmals dahingehend zusammenfassen, daß die Komposition (mit ihrer Beschränkung auf wenige, zudem angedeutete Elemente) und die Tonalität (mit ihrer Hervorhebung der Protagonisten durch Ausklammerung der Mitten) hier einen sehr geschlossenen Eindruck vermitteln. Die so entstehende Bildwirkung läßt den (kalkulierten) Regelbruch hinsichtlich guter Belichtung legitim erscheinen.

Mir gefällt dieser Stil, den ich persönlich zwischen ‚Neopictorialismus‘ und ‚Neovague‘ einordnen würde, sehr gut. Hier schafft es die Fotografie tatsächlich, sich vom ‚realistischen Abbildungsfluch‘ ein gutes Stückweit zu befreien und ‚etwas über den Augenblick des unmittelbar Sichtbaren Hinausreichendes‘ zu schaffen. Ich fühle mich auch an die neueren Arbeiten von Dirk Wenzel erinnert, die wir hier bereits verschiedentlich vorgestellt und diskutiert haben – wie etwa ’systemische Familienaufstellung‘ und ‚was ist schon Paris …‘.

‚Auf den Vogel gekommen‘ bin ich selbst auch schon, wie die untenstehende Vergleicharbeit aus meinem klassischen Streetportfolio zeigt …

***

Bildteil:

Komposition: Grundelemente

Komposition: Blickführung

Tonwerte: Histogramm und Lichterbeschnitt

Vergleichsarbeit

 


Anmerkung der Redaktion: Thomas Brotzler arbeitet nicht mehr aktiv für fokussiert.com, aber er hat einige fertige Kritiken hinterlassen. Die möchten wir Euch nicht vorenthalten; eine Diskussion kann jedenfalls entstehen, und Thomas ist als Gast immer wieder zugegen.

0 Antworten

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Wollen Sie an der Diskussion teilnehmen?
Feel free to contribute!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *