Bewegungsunschärfe:
Flirrendes Großstadtleben

Urbane Motive und Bewegungsunschärfe passen gut zusammen.

Rush Hour Bewegungsunschärfe in einem Stadtbild

Rush Hour: Bewegungsunscharfe Stadtszene © Wolfgang Everding

Unser Leser Wolfgang Everding aus Bremen hat uns das obige Bild unter dem Titel „rush hour” in der Kategorie ‚Street/Strasse‘ zur Besprechung eingereicht. Er schreibt dazu:

„Situation vor einer U_Bahnstation in Peking. Ich wollte die Bewegung der Menschen aufnehmen und habe beim Gehen mit langer Belichtunszeit mehrmals abgedrückt. Dieses Foto finde ich ist mir gut gelungen.”

Zu Ausrüstung und Aufnahmedaten liegen keine Informationen vor.

Betrachten wir zunächst wieder die grundsätzlichen Bildelemente.

Komposition (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild):

Ein 3:2-Querformat, recht farbenfroh und dynamisch, mit viel Bewegungsunschärfe, empfängt den Betrachter. Eine junge Frau, etwa im Goldenen Schnitt von links positioniert, fungiert als Blickfang und Motivzentrum (orange Linien ebd.), insbesondere ihre violette, farbig herausstechende Umhängetasche (rote Linien ebd.).

Der Vordergrund bleibt, bis auf die Beine der Hauptperson, leer.

Im Kontrast dazu ist der Hintergrund recht ‚bevölkert‘ – schemenhaft zwar, doch werden einzelne Personen und deren Gangrichtung durchaus erkennbar (gelbe Linien ebd.).

Einige angedeutete Strukturen im Hintergrund werden noch erkennbar, sie deuten den Raum an (grüne Linien ebd.).

Bei der Blickführung ist eine Hauptrichtung über die junge Frau nach rechts oben zu den Personen im Hintergrund, bei einem etwas abgesetzten Paar am rechten Bildrand endend, erkennbar. Eine konkurrierende Nebenrichtung verläuft über die junge Frau nach links oben zu einigen Personen und gitterartigen Strukturen (violette Pfeile ebd.).

Tonwerte (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild):

Das Histogramm zeigt sich mittenbetont bei einem Median von 130 und einem Peak im Bereich der hellen Mitten.

Farben:

Das Bild zeigt ein lebendiges Farbenspiel – Orange- und Blautöne im Komplementärkontrast herrschen mengenmäßig vor, doch heben sich an bildwichtigen Stellen auch helle Grün- und kräftige Violettöne davon ab.

Zusammenfassung:

In seinem FC-Account, der hier zwar nicht angegeben wurde, der bei Interesse aber rasch zu recherchieren ist, zeigt Wolfgang überwiegend konventionelle Stadtlandschaften.

Sein hier gezeigtes Bild scheint für ihn demnach einen neuen, experimentellen Ansatz darzustellen, der auch mir mit seinem ‚flirrenden Spiel der Menschen und Strukturen‘ ausgesprochen reizvoll und vielversprechend erscheint – seine Zufriedenheit mit dem eigenen Bild ist zweifellos gerechtfertigt.

Auch die Farben mit dem vorherrschenden Komplementärkontrast und den einzelnen ‚Ausreißern‘ halte ich (als eingefleischter Schwarzweißfotograf) für sehr geeignet, die Lebendigkeit, Dramatik und zugleich Flüchtigkeit der Szene zu visualisieren. Ein Blick auf die zur Veranschaulichung in Graustufen umgewandelten Illustrationen mag verdeutlichen, daß ein monochromes Abbild dieser Szene keine ebensolche Wirkung entfalten kann.

Wir hatten schon ähnliche Bilder in der Besprechung, und immer wieder findet sich dabei der ‚Reiz der für das Auge ganz ungewöhnlichen Darstellung‘, eben der weitläufigen Bewegungsunschärfe bis an die Grenze der strukturellen Auflösung, als wichtiges Gestaltungsmerkmal eingebunden. Gerne sehen wir weiteren Bildeinreichungen dieser Art entgegen.

Freilich gilt es dabei (und vielleicht gerade hier, wo konventionelle Seherwartungen planmäßig enttäuscht werden), ein besonderes Augenmerk auf die Platzierung der Bildelemente und deren Zusammenfassung zu einer ansprechenden Blickführung zu legen.

Sofern Wolfgang hier noch Anregungen mitnehmen möchte, würde ich die irritierende ‚Nebenrichtung der Blickführung‘ durch Beschnitt ausblenden. Die untenstehende Überarbeitung zeigt das entsprechende Ergebnis. Mir erscheint das Bild so klarer – sehr prägnant ergibt sich nun eine einhellige Blickführung von der noch relativ deutlich gezeichneten Hauptperson im Vordergrund zum schemenhaften Paar oben rechts.

Bildteil:

Komposition: Grundelemente

Komposition: Blickführung

Tonwerte: Histogramm

Überarbeitung: Beschnittvorschlag


Anmerkung der Redaktion: Thomas Brotzler arbeitet nicht mehr aktiv für fokussiert.com, aber er hat einige fertige Kritiken hinterlassen. Die möchten wir Euch nicht vorenthalten; eine Diskussion kann jedenfalls entstehen, und Thomas ist als Gast immer wieder zugegen.

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