Pferderomantik:
Dem Blick Raum geben

Ein schönes Pferdebild mit grosser Lichtstimmung und Gegenlicht-Halo im Haar von Ross und Reiterin. Die beiden könnten aber ein bisschen mehr Platz vertragen.

Pferd und Reiterin im abendlichen Gegenlicht

Gegenlichtsituation Canon EOS 1100D 1/500s bei Blende 4.5 mit 130mm Brennweite und ISO 400 © Larissa Sellmann

Larissa Sellmann schreibt: Dieses Bild habe ich am 28.12. aufgenommen. Es war ein ungewöhnlich warmer und sonniger Tag für Winter, deshalb bin ich mit meiner Freundin losgezogen um Bilder zu machen. Es war dann schon etwas später geworden und das Abendlicht war wirklich gold, als wir die Besitzerin zweier Pferde traafen, die uns spontan erlaubte mit ihnen Bilder zu machen. Als ich diesen Schimmel sah im goldenen Abendlicht sah, hat es mich sofort an ein Einhorn erinnert. Das war die Idee hinter diesem Bild. Einen magischen Moment festzuhalten. :)
Durch die Kritik, die ich bereits bekommen hab, hab ich viel im Bezug auf Kamera Einstellungen und Bearbeitung geändert. Die Kamera wird vorher eingestellt, dies braucht im Moment noch sehr lange, und bearbeitet wird mit Photoshop Elements 14.
Ganz zufrieden bin ich mit dem Bild allerdings noch nicht. Hoffe ihr könnt mir noch mehr Tipps geben :)

Gleich vorweg: Die Farbstimmung und die Pose sind Dir erneut gut gelungen. Ich verliere am Schluss hier noch ein paar Worte zum Wasserzeichen. Aber zuerst:

Ein Schimmel blickt in dieser Hochkant-Farbaufnahme in die Kamera. Rechts von seinem etwa das halbe Format füllenden Kopf steht ein junge blonde Frau, die unter dem Hals des Pferdes durchgreift. Sie hat einen gesenkten Blick und scheint dem Tier ins Auge zu schauen. Die ganze Aufnahme ist in herbstlich-warme Farbtöne getaucht und geprägt von einem leichten 3/4-Gegenlicht von links, das die Haare an den Ohren und den Nüstern des Pferdes und auf der Oberfläche des Kopfs der Blondine mit einem Leuchtschimmer gegen den Hintergrund abhebt. Dieser ist mittelhell, brennt gegen den oberen Bildrand aus und zeigt in den Lichtscheinen durch Gebüsch ein leichtes Bokeh.

Insgesamt gefällt das Bild durch die angenehme Lichtstimmung, den romantischen Blick des Pferdes und die spürbare Beziehung Deiner Freundin zu dem Tier. Fotografisch gut gelungen sind die Haarlicht-Schimmer, die mit der Gegenlichtsituation entstanden sind. Diesen Effekt in der freien Natur hinzukriegen und das noch bei einer solchen Motivsituation, ist ein echter Volltreffer. Das Licht scheint insgesamt grossartig gwesen zu sein.

Was nun in diesen Situationen nicht immer ganz einfach hinzukriegen ist, ist die Bildkomposition. Man kann natürlich sagen, «nutze eine etwas kürzere Brennweite und schau, was Du durch croppen am Ende aus dem Bildframe herauskomponieren kannst.» Das ist aber nicht nur bei den meisten Fotografen verpönt, weil sie den Anspruch haben, das Bild im Sucher zu komponieren, sondern auch, weil Du Auflösung verlierst und weil die lange Brennweite unter anderem für die Freistellung und das Bokeh im Hintergrund wichtig ist.

Hier hast Du allerdings, wenn das eine unbeschnittene Version ist, wahrscheinlich auf Deine Freundin fokussiert, und zwar mit dem zentrierten Spot-Fokus – und dann den Ausschnitt nicht neu gewählt.

Pferd und Reiterin im Abendlicht,

Das Gesicht der Frau ist zentriert.

Pferd und Reiterin im Abendlicht, Bildschwerpunkte

Bildschwerpunkte: Nichts am richtigen Ort

Pferd und Reiterin im Abendlicht,

Zu wenig Platz in Blickrichtung der Modelle.

Deswegen hast Du hier mehrere Probleme:

  • Erstens liegen die Motivpunkte (Augen der beiden Protagonistinnen) just in den Bildhalbierenden und nicht im Drittel oder im goldenen Schnitt.
  • Zweitens ist an den Spannungspunkten ausser einem Pferdeohr nichts Sehenswertes platziert.
  • Drittens bist Du soweit nach rechts geschwenkt, um das Gesicht Deines Modells in den Fokus zu kriegen, dass links neben dem Pferd kein Raum mehr ist.

Hochformatige Fotografien sind anspruchsvoller in der Komposition als querformatige, weil wir zumindest derzeit (das könnte sich mit dem Video-Boom der Hochformat-Snapchats noch ändern) auf die Landscape-Ansicht konditioniert sind und dort ungünstige Platzierungen und Platzverhältnisse  eher noch verzeihen.

Ich meine, ein beherzter Schnitt kann diesem Bild mehr Wirkung verleihen  – denn auch der helle Himmel hinter den Büschen trägt absolut nichts bei, ausser dass das Bild oben leckgeschlagen scheint.

Ein weiterer Schnitt von unten scheint mir angebracht, weil das Blau der Jeans des Modells ein extremer farblicher Ablenker ist.

Schliesslich habe ich zu einem Trick gegriffen, den Du mit einem leichten Schwenk bei der Aufnahme – nachdem Du mit halbem Zeigefingerdruck auf das Gesicht des Modells scharf gestellt hast – hättest unnötig machen müssen: Ich gebe der Blickrichtung der beiden nach links mit einer (unsauberen) Klonerei deutlich mehr Platz. Das geht zu Anscheuungszwecken, am Bild würde ich darauf verzichten.  Es ist nie eine gute Idee, etwas zu einer Fotografie hinzuzufügen, was nicht von Anfang an da war.

Mit dieser Quadratkomposition, die Du auch schon im Sucher sehen kannst und die, wenn Du im Hochformat fotografierst, nur einen Schnitt unten und oben nötig machen sollte, kriegst Du die spannenden Elemente dieser schönen Szene – namentlich die Gesichter – aus der toten Mitte heraus in die Drittelszonen des Bildes.

Mit dem Wegfall von Himmel und Jeans und etwas mehr Raum links des Pferdegesichts würde diese bereits sehr gelungene Aufnahme noch mehr gewinnen, und wenn sie ein Hochformat sein müsste, liesse sich das immer noch bewerkstelligen. Damit hast Du ein Cover-Bild für ein Federica-De-Cesco-Buch.

Ein Wort zum Wasserzeichen, wenn ich darf:

Pferd und Reiterin am Abend

Im Quadrat rücken die Blickfänge an die richtigen Stellen.

Pferd und Reiterin am Abend im Quadratschnitt

Das fertig umgeschnittene Bild

 

Ich sehe diese Dinger immer öfter, sie werden immer grösser, heller und aufdringlicher und selten schöner, und sie begnügen sich nicht mehr  mit dem Namen des Fotografen, sondern meistens steht noch irgendwas wie „Photography“ oder sogar „Fine Art Photography“, wenn nicht sogar die Webadresse.

Ich würde dafür plädieren, auf diese Hässlichkeiten zu verzichten. Erstens verschandeln sie die meisten Bilder und lenken ab.  Zweitens verhindern sie Urheberrechtsverletzungen höchstens dann, wenn sie so extrem ins Bild hinengeklotzt sind, dass sie es wirklich vollends verschandeln.  Und drittens werfen sie ein Bild der Unbescheidenheit auf ihre Urheber. Wir rennen bei andern Freizeitaktivitäten, auch wenn wir sie recht gut beherrschen, ja auch nicht gleich rum wie die Profis und verteilen Autogramme.

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