Abstraktes Architekturfoto:
Hong Kong Vertigo

Manchmal helfen Regeln gar nichts, um die Faszination einer Fotografie zu ergründen. Hier wird der Blick entlang zweier Hochhäuser in den Nachthimmel zum abstrakten Kunstwerk. Nichts erklärt dem Hirn des Betrachters, was er hier wirklich sieht.

Zwei Fassaden in Hong Kong gegen den Nachthimmel

Pentax K3, 2.5s bei f/11 und ISO 100. © Christoph Merklein

Christoph Merklein aus Würzburg schreibt zu diesem Bild: Ein Blick von unten nach oben. Aufgenommen in Hong Kong im Frühjahr diesen Jahres. Besonderen Wert habe ich hierbei auf die symmetrische Anordnung der Bildelemente gelegt.

Auf den ersten Blick ist bei dieser fast monochromatischen Hochformat-Farbfotografie nicht erkennbar, worum es sich handelt. Auf der linken Seite erstreckt sich eine zweigeteilte Struktur mit komplexer Oberfläche auf den Fluchtpunkt in der Bildmitte zu. Rechts davon streckt sich dem Bildzentrum eine rechteckige, schwarze Struktur entgegen. Den Hintergrund der in braun bis schwarz gehaltenen Fotografie scheint ein dunkler Nebel zu bilden.

Die Beschreibung offenbart bereits, was diese Aufnahme mit einem machen kann: Ich habe auf den ersten Blick eine Blickrichtung parallel zur Erdoberfläche angenommen. Das ist unsere natürliche Perspektive. Was davon abweicht, gibt sich meistens rasch zu erkennen – das gilt sogar für Fotografien aus der Frosch- oder Vogelperspektive, sogar wenn es die umwerfendsten Luftaufnahmen sind.

Abstraktion durch Perspektive

Du hast hier eine Abstraktion geschafften, die nichts mit dem Gegenstand des Motivs, der Belichtung oder sonstigen fotografischen Kniffen zu tun hätte, sondern ausschliesslich mit der Perspektive. Es kommt nämlich höchst selten vor, das wir den Kopf so tief in den Nacken legen, dass wir wirklich genau senkrecht nach oben blicken würden oder könnten. Warum sollten wir, in der Regel ist dort nichts zu sehen.

Ausser eben das, was Du hier gesehen hast, und was eine Fotografie mehr als wert ist: Die Fassaden der beiden Hochhäuser werden durch die extreme Symmetrie des Bildes und die Zentrierung des Fluchtpunkts zusammen mit den zahlreichen Linien namentlich der linken Fassade zu etwas ganz anderem. Der wahrscheinlich von irgendwelchen Scheinwerfern erhellte Nachthimmel, der nichts bekanntes und damit keine weiteren Hilfsmittel zur «Bilderkennung» liefert, tut das seine, die Verfremdung zur spannungsgeladenen Ansicht zu machen.

Ein Glücksfall in diesem Motiv war meiner Meinung nach die fast gänzliche Abwesenheit von Lichtreklamen im unteren Bildteil. Das oben rechts an der schwarzen Fassade erkennbare Signet passt hervorragend in die Symmetrie und ergänzt das Rätselraten.

Ein weiterer wesentlicher Punkt in der starken Wirkung des Bildes ist die komplexe Fassadengestaltung links. Die schräggestellten Blenden vor den Fenstern der Hauswand schaffen erstens eine Vielfalt zwar paralleler, aber in der Stellfläche der dritten Dimension sehr verschieden stehenden Linien – das gibt der Aufnahme massiv mehr Dynamik, als wenn da eine glatte Marmorfassade mit gleichförmigen Fensterlöchern wäre.

Linke Fassade: Ein Glücksfall

Zugleich aber bilden diese Blenden – interessanterweise ganz ähnlich zu ihrer wirklichen Funktion – die einzige vermeintlich wiedererkennbare Struktur im Bild: Sie wirken wie Jalousien und verstärken im erklärungssuchenden Bildzentrum unserer Synapsen den Eindruck, waagerecht in die Welt zu schauen (denn als Fassade oder irgendeine Form von Infrastruktur haben wir den Bildinhalt schon identifiziert).

Was dann passiert, ist wohl in jedem Kopf etwas anderes.

Mich hat die Aufnahme, wohl durch die bleibende Prägung der gigantischen  Fassadenwelt des Science-Fiction-Films Blade Runner, in die Zukunft und eine Fantasiewelt mit blinkenden roten Lichtern (lustig, dass die so auffallen! Rechts an der Fassade) entführt. Dass die rechte Struktur irgendwie in die Lücke der linken zu passen scheint, verstärkt die Verfremdung und den übertechnisierten Eindruck des ganzen Motivs.

Das gleiche Bild, quer gelegt.

Querformat: Eher erkennbar als Fassade?

Ich habe mich am Ende gefragt, warum ich mich so schwer tue damit, das zu erkennen, was dieses Bild nach Deiner Beschreibung zeigt. Die obigen Erklärungsversuche werden ergänzt durch die Deine Wahl des Hochformats. Das Bild könnte man nämlich genausogut quer legen. Ob es dann eher als Fassadenblick und weniger als Startrampe mit geladenem Raumschiff erkannt wird, kann jede selbst entscheiden. Ich denke, weil wir eher einer Fassade entlang nach oben blicken als zwischen den beiden Fassaden entlang wie im Hochformat, wird die Erkennung gefördert, wenn das Bild wie hier gezeigt quer steht.

Dies ist eine faszinierende Fotografie, die mich auf die Idee bringen würde, ähnlich entfremdete Fassadenfotos in anderen Städten, an anderen Gebäuden zu finden. Ist der Effekt reproduzierbar, welche Fassaden fördern ihn, welche Farbstimmungen, welche Himmel helfen dabei – diese Fragen würde ich aufgrund dieser Fotografie zu einem fotografischen Projekt für mich machen.

Und an diesem Bild nichts ändern, sondern es ziemlich gross drucken und an die Wand hängen.

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