Surreale Spiegelung:
„Ein Altersportrait – Tagtraum II“

Gute Fotos gehen über das bloß Gezeigte hinaus.

Alter Mann fotografiert beim Treppensteigen in einem Spiegel

Unser Leser Marcus Leusch aus Mainz hat uns das obige Bild unter dem Titel „Ein Altersportrait – Tagtraum II” in der Kategorie ‚Street/Strasse‘ zur Besprechung eingereicht. Er schreibt dazu:

„Wiesbaden/Hbf: Am Anfang muss einmal der aufrechte Gang gestanden haben: Ich gehe, also bin ich. So fühlen wir uns mit einiger Berechtigung erhaben, indem wir in der Lage sind, auf unseren Wegen über alles hinweg zu eilen. ‚Vor uns liegen die Mühen der Ebenen,‘ heißt es bei B. Brecht. Ich sehe die Gebirge des Alltags längst nicht überwunden. Früher oder später geraten wir mitunter aus dem Gleichgewicht oder verlieren unsere Bodenhaftung, unser Gang wird unsicher, stockend, schwer – und eine Treppenstufe zu einem Schwindel erregenden Abgrund … Aufnahmedaten: Nikon D 700, 135/3.5 Mf-Objektiv, Blende 5.6, Belichtungszeit 1/160s, ISO 1600, Bearbeitung in Lightroom/Photoshop, Filmkorn hinzugefügt, Kontraste angehoben”

Über Ausrüstung und Aufnahmedaten hatte Marcus bereits berichtet. Die rechnerische und kleinbildäquivalente Brennweite sind beim hier verwendeten Kleinbildvollformat identisch.

„Gäbe es Fenster und Spiegel nicht schon bereits, müßten sie im Sinne der Überlagerungs- und Verzerrungsmöglichkeiten für die Ausdrucksfotografie nochmals erfunden werden”, möchte ich Marcus‘ Beschreibung ergänzen. Betrachten wir zunächst wieder die grundsätzlichen Bildelemente.

Komposition (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild):

Blickfang im Bild ist jene schon von Alter und Gehstützen, zusätzlich noch von der Verzerrung einer Spiegelfläche gezeichnete Person (rote Linien ebd.).

Gemeinsam mit den (durch besagte Verzerrung) ‚tanzenden Treppenstufen‘ (gelbe Linien ebd.) zeichnet sich so ein ‚Sinnbild des schwankenden Untergrundes, zugleich der mühseligen Meisterung‘ ab.

Die Umrahmung der Spiegelfläche (blaue Linien ebd.) läßt uns ‚das Bild im Bild‘ erkennen.

Tonwerte (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild):

Das Histogramm weist einen Mittelwert von gut 70 auf. Es ist deutlich linkssteil und zeigt eine deutliche Peakbildung im Bereich der tiefen Schatten.

Die Person ist tonal zweigeteilt, mit der Hose in der Zone I und der Jacke in den Zonen VI bis IX. Dieser Wechsel setzt sich im Bereich der Treppe fort, mit Zone I der schattigen Senkrechten und Zone IX der beleuchteten Waagrechten. In den Zonen V bis VI und damit wesentlich neutraler bzw. kontrastärmer erscheint die Seitenwand des Treppenaufgangs als Hintergrund.

***

Zusammenfassung:

Wenn es einer Fotografie gelingt, über das Abgebildete hinauszureichen und eigene Gedanken und Empfindungen des Betrachters auszulösen, dann hat sie einen guten (künstlerischen) Zweck erreicht.

Dies trifft auf Marcus‘ Arbeit zweifelsohne zu.

Ich hatte meine Interpretation oben schon angedeutet – der von Mühsal beladene Protagonist erscheint auch als Repräsentant von uns selbst; er quält sich sehr die Treppe hinaus und bewegt sich zudem auf unsicherem Untergrund. Natürlich ist ein Symbol des Alterns inbegriffen, aber mir erscheint hier darüber hinaus auch die ‚condition humaine‚ berührt …

***

Bildteil:

Komposition: Grundelemente

Komposition: Blickführung

Tonwerte: Histogramm und Zonenverteilung


Anmerkung der Redaktion: Thomas Brotzler arbeitet nicht mehr aktiv für fokussiert.com, aber er hat einige fertige Kritiken hinterlassen. Die möchten wir Euch nicht vorenthalten; eine Diskussion kann jedenfalls entstehen, und Thomas ist als Gast immer wieder zugegen.

3 Antworten
  1. Marcus Leusch says:

    Mensch Dirk, freue mich sehr von Dir mal wieder einen Gedanken zu lesen. …
Deine Wellen-Dialektik vom „Auf“ und „Ab“ macht ja gerade erst das
 ganze innere Bild. Dies auch sichtbar in ein Äußeres (Fotografie) zu gießen, erscheint
 mir eine schwierige Aufgabe: Vielleicht ein Portrait, das hinter die Spiegel blicken lässt wie „Alice in Wonderland“ ;-) … Vermisse Deine forschen Experimente in Farbe!


    Mit Dank und
    LG
    Marcus

    Antworten
  2. Marcus Leusch says:

    Ein herzliches „Merci“ @ Thomas für diese Gedanken …; für mich ein schöner Wegweiser auf meinen Bildspuren, der gedankliche Spielräume öffnet … 


    Und überdies: Eine Fotografie mit einer (aus zeitgenössischer Sicht) längt „veralteten“ Vollformatkamera, die trotz aktuellem Pixelwahn und Wegwerfmentalität ihren Standpunkt zu behaupten versucht, wie den der Fotografie selbst (worum es mir a u c h immer ging).

    
LG
    Marcus

    Antworten
    • Dirk Wenzel says:

      Moin Moin Marcus … Glückwunsch zu diesem Bild und Thomas Besprechung …

      es ist geschrieben und so find keine weitere Ergänzung um zu spiegeln was nicht schon …

      doch was hätte der Krabbenkutter für eine Welle unter dem Holz wenn nicht ein Gedanke …

      schaue ich in die bewegten Wellen könnte ich mich selber Betrachten … also auf mich zu … eine mir spannende Fortsetzung ein zweites Bild mit einer personellen Abwärtsbewegung wie auch immer und gegeneinander als Miteinander präsentiert zum erweiterten Auseinandersetzung mit den eigenen und so … liebste Grüße Dirk

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