Video-Bildbesprechung:
„London 2015“ – Das Bild im Bild

Entscheidungen zum Zeitpunkt der Aufnahme sind absolut kritisch, weil das Ergebnis dieser Entscheidungen im Nachhinein oft nicht mehr zu korrigieren ist.

Denis Herbst aus Hamburg schreibt zu diesem Bild:

„Es war ein schöner Tag im Mai. Die Straßen in London waren voller Menschen, Autos, Radfahrern und großen, bedrohlich wirkender Doppeldeckerbusse. Zum stoppen gebracht durch roten Ampeln. Alles wirkt noch mächtiger und enger durch die Spiegelung im Bus. Wenn die Ampeln grün werden läuft alles weiter, wie ein Uhrwerk.“

Transkript folgt unten.

(c) Denis Herbst

(c) Denis Herbst

Einleitende Anmerkungen

Denis Herbst aus Hamburg schreibt zu diesem Bild: „Es war ein schöner Tag im Mai. Die Straßen in London waren voller Menschen, Autos, Radfahrer und großer, bedrohlich wirkender Doppeldeckerbusse. Zum Stoppen gebracht durch roten Ampeln. Alles wirkt noch mächtiger und enger durch die Spiegelung im Bus. Wenn die Ampeln grün werden läuft alles weiter, wie ein Uhrwerk.“

EXIF-Daten

Laut EXIF hast Du eine NIKON D300 benutzt. Die Verschlußzeit betrug 1/200 Sekunden bei einer Blende von 7,1 und ISO 200. Die Brennweite war auf 45 mm eingestellt, was bei dem Formatfaktor der Kamera einem Vollformatäquivalent von 67 mm entspricht.

Aufgenommen ist das Bild mitten am Tag, was man an den grell-ausgebrannten Stellen und den Schlagschatten gut erkennen kann. Vorne links steht ein Radfahrer an einer roten Ampel. Links neben ihm sieht man andere Passanten die Straße überqueren. Rechts neben ihm befindet sich ein für London typischer roter Doppeldeckerbus. Ich persönlich sehe hier weniger Enge und Bedrohung, als viel mehr eine Menge Bild im Bild, und das hat mich bewogen, Dein Foto auszusuchen. Es gibt in diesem Bild viel zu entdecken.

Komposition

Zur Komposition: Hier brichst Du so ziemlich alle Regeln. Der Hauptbildgegenstand ist der Radfahrer, und der ist ganz links im Foto platziert, außerhalb von allen in Anführungszeichen konventionellen bestimmenden Geraden. Zur Veranschaulichung in rosa der Goldene Schnitt, und dann in grün die Drittelregel. Schließlich noch beides gemeinsam mit der Bildmitte in hellblau.

Der komplette Regelbruch funktioniert für mich hier, weil Du mit der Spiegelung so viel anderes visuelles Interesse ins Foto gebracht hast. Eine nach Zahlen komponierte Aufnahme wäre langweilig gewesen.

Diese Spiegelung schafft hier mehrere zusätzliche Ebenen. Ich zähle wenigstens fünf. An sich also einmal eine erfrischend andere Perspektive einer bereits totfotografierten Stadt.

Problemzonen

Ich habe jedoch ein paar Problemzonen ausgemacht, die ich im folgenden näher besprechen will.

Erstens einmal hast Du auf den Reifen des Busses hinten scharfgestellt, was bei den übrigen Einstellungen der Kamera zur Folge hatte, daß der Rest des Fotos nach vorne hin verschwimmt. Ich weiß nicht, was Dich zu dieser Entscheidung bewogen hat, aber ich bedauere sie hier etwas. Man kann selbstverständlich argumentieren, daß das die bedrohliche Enge, die Du vor Augen hattest, noch unterstreichen sollte, aber mein Gehirn registriert es als fotografischen Fehler und kommt nicht darüber hinweg, weil man sich sofort auf den Radfahrer konzentriert, und der ist dann unscharf. Ich mußte zweimal hinschauen, um den Punkt zu finden, auf den Du fokussiert hast.

Meines Erachtens brichst Du hier schon genug Regeln, so daß es diese nicht auch noch sein mußte. Ist dieser Regelbruch clever? Das sei dahingestellt und wird vermutlich Diskussionen auslösen. Im Nachhinein ist es jedenfalls nicht mehr zu beheben, und alle Griffe in die fotografische Trickkiste können das nicht mehr ausbügeln. Wir müssen also damit leben.

Weiterhin sind mehrere Stellen im Bild fast total ausgebrannt. Das gilt für den Gehweg und die Straße, aber auch für das Dach des zweiten Busses und den Himmel. Dafür ist der Reifen, auf den Du ja scharfgestellt hattest, fast komplett weggesumpft. Im Histogramm sieht man sehr deutlich die übersteuerten dunklen und hellen Bereiche.

Es ist wahrscheinlich zuviel verlangt, für einen Urlaubsschnappschuß dieser Art eine Belichtungsreihe anzuregen. Im Fall des Himmels hätte bereits ein Grauverlaufsfilter geholfen, und mittels einer Belichtungsreihe hättest Du die hier problematischen Bildteile in einem Programm, das Lagenbearbeitung bietet, wieder zurückholen können.

Endergebnis

Ich habe das bei fast allen nachträglich geschafft, und sowohl den Himmel als auch die Straße und den Gehweg etwas nachgedunkelt. Den Reifen habe ich etwas aufgehellt. Was nicht mehr zurückzuholen war, ist das Dach des Busses, denn es fehlen hier alle Bildartefakte. Man kann es natürlich mittels Klonstempel versuchen, aber das Ergebnis wird nicht besonders glaubhaft.

Hier noch einmal das Foto mit allen Nachbesserungen: Erst der aufgehellte Reifen, dann der nachgedunkelte Gehweg, der nachgedunkelte Himmel, und schließlich das gestempelte Busdach.

Insgesamt finde ich, daß Du hier einen guten Ansatz gezeigt hast, denn allein die Art, wie Du Dein Motiv eingefangen hast, zeugt von einem eigenständigen künstlerischen Gedankengang.

7 Antworten
  1. Tilman says:

    Tolles Bild und eine sehr interessante Besprechung. Danke Sofie!
    Mir ist aufgefallen, dass Denis scheinbar zu mindestens in die Knie gegangen ist, um das Bild zu machen. So kommt der Radkasten voll zu seiner Geltung, und so ein große Rad sähe in der Tat beeindruckend aus. Für mich ist das das Highlight in dem Bild, eine tolle Perspektive. Der Radfahrer und die Ampeln stören mich dann eher :->

    Antworten
  2. Hendrik says:

    Unabhängig von diesem Bild möchte ich mal ein Feedback zum Konzept der Video-Bildbesprechung geben. Ich lese regelmäßig die Bildkritiken und freue mich sehr über die neue Regelmäßigkeit. Dafür muss ich auch mal ein „Danke“ loswerden. Aber nun zum Video-Konzept…

    Man hat also die Wahl: Das Video anschauen oder wie gewohnt den Text lesen. Doch genau hier funktioniert das Konzept für mich wo wie es ist nicht. Wenn ich den Text lese, fehlen mir alle Beispielbilder, auf die sich der Text bezieht und macht somit einen Erkenntnisgewinn schwierig. Nun kann man natürlich sagen „Klar, ist ja auch eine Video-Rezension“. Letztlich ist das Video aber nur eine Slideshow mit dem vorgelesenem Text der normalen Bildkritik. Als Leser (oder Zuschauer) fehlt mir der Mehrwert – außer dass mir vorgelesen wird natürlich.

    Prinzipiell finde ich das Video-Konzept sehr reizvoll. Insbesondere bei der Bearbeitung der eingereichten Bilder bietet eine Video-Besprechung viele Möglichkeiten über das eigentliche Resultat hinaus, die meiner Ansicht nach aber noch völlig ungenutzt bleiben. Ich würde euch deshalb gerne ermutigen, dieses Konzept beizubehalten aber auch weiterzuentwickeln. Ob man den „gedruckten“ Text braucht, sei dahingestellt.

    Antworten
    • Sofie Dittmann
      Sofie Dittmann says:

      Vielen Dank für die Rückmeldung! Ich persönlich wollte ursprünglich überhaupt keinen Fließtext daruntersetzen – diejenigen, die keine Videos schauen mögen, überspringen den Beitrag dann halt, und so viele produzieren wir davon ja auch nicht. Peter war der Meinung, daß wir aus SEO-Gründen das Transkript einbinden sollten, und seither machen wir das so. Wenn wir mal von dem Blog oder daraus hervorgegangenen Projekten leben können, oder jemand mir Adobe Premiere spendieren möchte, kann ich die Dinger auch noch ganz anders aufziehen. So, wie die Sache steht, ist es eine Labor of Love mit Camtasia, wie das ganze Blog überhaupt eine Labor of Love ist. Und die ermöglicht uns, auch auf Youtube präsent zu sein (dort kommen demnächst auch noch andere Inhalte).

    • Peter Sennhauser says:

      Ich sag’s gerne nochmals: Den „gedruckten“ Text braucht „man“ vielleicht nicht, aber Google braucht ihn. Wenn wir in den Index der Suchmaschinen kommen wollen (und das wollen wir, wir würden gerne gelesen/gesehen), dann müssen wir den Suchmaschinen TEXT liefern. Denn den Inhalt von Videos verstehen die Maschinen nicht.
      Als kleine, nette Nebenwirkung können Leute, die lieber lesen als Videos gucken, sich so alle von Sofies Bildkritiken nach ihrem Gusto reinziehen. Den Text weiss auf weiss drunter zu stellen, halte ich für Blödsinn.

  3. Chilled Cat
    Chilled Cat says:

    Ich sehe hier eindeutig den Bus mit der Spiegelung als Motiv. Der Radler ist als kleiner blauer Punkt das Gegengewicht zum großen roten Doppeldecker. Damit das ausbalanciert wirkt, steht der Radler jenseits der Drittellinie am Rand. Für die Freunde des geregelten Bildes liegt der Schwerpunkt des gespiegelten Gebäudes auf dem goldenen Schnitt.

    Da der Radler nicht das Hauptmotiv ist, darf er ruhig unscharf sein. Mich stören auch die ausgebrannten Stellen im Bild und der abgesoffene Reifen nur wenig. Es schadet natürlich nicht hier etwas zu korrigieren. Für die Bildaussage ist das aber meiner Meinung nach völlig wurscht.

    Wenn ich mir den Fokus auf dem Radler vorstelle, wird das Bild in diesem Fall immer noch vom Bus im Vordergrund dominiert, der dann groß, rot und unscharf ist.

    Antworten
    • Sofie Dittmann
      Sofie Dittmann says:

      Da gebe ich Dir zwar recht, aber wenn der Bus auch dominant wirkt, rahmt er den Radfahrer egal in welcher Konstellation ein, ist also nicht der Hauptbildgegenstand. Und ich bleibe dabei: mein Auge findet zuerst eben den Radfahrer, der ist unscharf, und dann suche ich nach dem Punkt, auf den Denis scharfgestellt hat. Ich habe mir sehr lange überlegt, ob das hier funktioniert – und für MICH funktioniert es eben nicht.

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Wollen Sie an der Diskussion teilnehmen?
Feel free to contribute!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *