Strandszene:
Dramatische Ideallandschaft

Eine kompositorisch und dramaturgisch mitreißende, monochrome Landschaftsaufnahme möchte ich Euch in der heutigen Bildbesprechung vorstellen

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Unser Leser Alexander Dewor aus Weinfelden im schweizerischen Kanton Thurgau hat uns das obige Bild unter dem Titel „Am Strand” in der Kategorie ‚Landschaftsfotografie‘ zur Besprechung eingereicht. Er schreibt dazu:

„Liebes Team von Fokussiert, dieses Bild entstand bei einem Strandspaziergang an der Nordsee. Begeistert von der Weite der dortigen Landschaft und einer gewissen ‚Einsamkeit‘ während der Vorsaison wollte ich dies in einem Bild festhalten. Einige angefertigte Bilder stellten mich nicht zufrieden – etwas fehlte. Also entschloss ich mich eine Person in den Bildaufbau zu integrieren. Für mich als Hobby-Landschaftsfotograf ein völlig neuer Weg, wobei mich das Ergebnis überzeugt hat. Entstanden ist so eine kleine Serie von 3 Bildern, die ich als Projekt bestimmt noch weiter verfolgen werde. Die Ausarbeitung in SW (Lightroom und Silver Efx) reduziert das Bild auf das Wesentliche, wobei gleichzeitig die Strukturen im Sand besser zur Geltung kommen. Auf eine spannende und diskussionsreiche Kritik freue ich mich schon jetzt. Liebe Grüsse an Euch, Alex”

Zur Aufnahme wurde die spiegellose Systemkamera Fujifilm X-Pro1 mit dem Festbrennweitenojektiv Fujifilm Fujinon XF 14mm F2.8 R verwendet. Die Brennweite betrug besagte 14 mm (entsprechend 21 mm Kleinbildäquivalent bei einem Formatfaktor von 1.5), die Belichtungsdaten waren 1/140 Sekunde bei Blende f/11,0 und ISO 200.

Alexander hat sein Bild mit einem Schmuckrahmen (einem schmalen weißen Außenband und einer angedeuteten dunklen Einfassung des eigentlichen Bildes) eingereicht. Dieser eignet sich nach meinem Dafürhalten sehr gut für Präsentationen, doch habe ich mir für unsere Arbeitszwecke (insbesondere die Tonwertmessungen und Histogrammdarstellung) erlaubt, ‚das Bild aus dem digitalen Rahmen herauszunehmen‘ …

Betrachten wir also zunächst wieder die grundsätzlichen Bildelemente.

Komposition (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild):

Die übersichtliche und sehr atmosphärische Aufnahme eines Seestücks mit Brandung und Uferpartie empfängt den Betrachter.

Hochgezogen bis zum Drittel von oben schneidet der Horizont das Bild. Auf dieser Linie, zudem im Drittel von rechts findet sich auch die Silhouette einer Person (türkisfarbene Linien ebd.). Diese wirkt recht klein, fast verloren gegenüber der umgebenen Natur, sie fungiert aber gleichwohl als Blickfang und Motivzentrum (rote Linie ebd.). Nicht nur der Horizont, sondern auch die etwas schräg gehaltene, somit als aufsteigende Diagonale fungierende Wasserlinie laufen auf die Person zu (orange Linien ebd.).

Duch den hochgezogenen Horizont nimmt der Vordergrund mit seiner windgekerbten Sandfläche breiten Raum ein. Es sind jene in Richtung des Fluchtpunktes laufenden Verwehungen und Kerbungen, welche dem Betrachter keine Eintönigkeit vermitteln, sondern eine interessante Gliederung und enorme Raumtiefe (gelbe Linien ebd.).

Von Seiten der Blickführung sehe ich zwei Ansätze – zum einen den direkten Weg über den Vordergrund zur Person; zum anderen einen Umweg nach links, über die Brandung und von dort wieder nach rechts und leicht aufsteigend zur Person und über diese hinaus zum rechten Bildrand (violette Linien ebd.)

Tonwerte (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild):

Leicht zweigipflig, doch mit gut belegten Mitten und einem Median von gut 110 präsentiert sich das Histogramm. Tonwertabbrüche im Bereich der Schatten und Lichter liegen nicht vor.

Eine leichte Vignette zeichnet sich rund um das Bild ab und legt die betroffenen Uferpartien in die Zonen I bis II.

Sehr anmutig und wiederum raumgreifend gestaltet sich auch der Graustufenverlauf vom Vorder- in den Mittelgrund über die Zonen II bis IV, IV bis VI und V bis VI.

Vergleichsweise dramatisch und insofern blicklenkend bildet sich der Zonenwechsel im Hintergrund ab – hier springen die Tonwerte von den Zonen V bis VI des Mittelgrundes auf die Zonen VI bis VIII der Brandung und wieder zurück auf die Zone IV des abfallenden Meeres.

Seinen Abschluß findet das Geschehen in der reichen Differenzierung des wolkenverhangenen Himmels in den Zonen VI bis IX.

Das ist längst kein Anfänger- oder Hobbyistentum mehr, welches Alexander in seiner bescheidenen Art immer wieder reklamiert; hier beginnt sich stattdessen eine reife Handschrift abzuzeichnen und hier entstehen Bilder auf dem Sprung zur Präsentations- und Ausstellungsreife.Es ist dies seit April 2013 Alexanders vierte Arbeit, die ich für Fokussiert analysiere. Sofern sich eine solche Auswahl bzw. Bildfolge als Wegstationen einer fotografischen Entwicklung auffassen läßt, können wir über Alexanders rasante Fortschritte, gerade auch im Schwarzweißbereich, nur staunen und den Hut ziehen.

Was mir bei dieser Arbeit besonders gut gefällt, ist die mit wenigen (und klug gewählten) Elementen erzeugte kompositorische und dramaturgische Spannung. Das Foto erscheint mir wie ein ‚Sinnbild des Lebensweges‘ mit einer beträchtlichen, bereits zurückgelegten und einer noch weiter bevorstehenden Wegstrecke. Ein richtiggehender Sog zieht uns Betrachter in diese dramatische Ideallandschaft hinein.

Bildteil:

Komposition: Bildanlage

Komposition: Grundelemente

Komposition: Blickführung

Tonwerte: Histogramm und Zonenverteilung


Anmerkung der Redaktion: Thomas Brotzler arbeitet nicht mehr aktiv für fokussiert.com, aber er hat einige fertige Kritiken hinterlassen. Die möchten wir Euch nicht vorenthalten; eine Diskussion kann jedenfalls entstehen, und Thomas ist als Gast immer wieder zugegen.

2 Antworten
  1. Alex says:

    Ganz herzlichen Dank für diese überaus motivierenden Worte Thomas. Deine Tutorials, wie z.B. das Zonensystem, und deine Bildkritiken (analytisch & kritisch, dabei immer konstruktiv und motivierend) sind für mich bzw. für meine Entwicklung sehr hilfreich gewesen….

    LG Alex

    Antworten
    • Thomas Brotzler says:

      Lieber Alex. ich schreibe hier ein wenig »aus dem Off«, da ich bei Fokussiert ja nicht mehr aktiv bin und mich mittlerweile neuen publizistischen Ufern zugewandt habe. Derzeit nimmt mich etwa mein Buchprojekt zur monochromen Architekturfotografie sehr in Beschlag … aber ich möchte gerne nochmals bekräftigen, daß ich bei Dir über die Zeit eine enorme fotografische Entwicklung gewahrte. Ich denke, daß Du mittlerweile auf einem Level bist, um eigene (ehrgeizige) Ziele formulieren und verfolgen zu können, sei es aus eigenem Antrieb oder mittels ausgewählter Lehrer. Herzlich grüßt Thomas

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