Fotografie ist die Kunst der Subtraktion:
Ablenkungen fotografisch eliminieren

Die besten Fotografien funktionieren oft aufgrund dessen, was man nicht sieht, und weniger dank dem, das man darin sieht. Es gibt vor allem drei Methoden, die störende Konkurrenz fürs Motiv schon bei der Aufnahme zu eliminieren.

Kalifornische Poppy

Golden Elegance, California Poppy, Sierra Foothills -Sony a7R II – Sony FE 90mm – f2.8 Macro – 1/200 seconds – F/4 – ISO – 3200 © Gary Hart

Fotografie ist die Kunst der Subtraktion. Angesichts einer komplexen Welt identifizieren und organisieren wir Objekte von visuellem Interesse, und versuchen, alles andere zu eliminieren. Es ist dieser letzte Punkt, dem man beim Fotografieren oft zu wenig Beachtung schenkt.

Die meisten Fotografen haben kein Problem damit, ein Motiv für ihre Aufnahme zu finden – aber viele kämpfen mit der Entscheidung, was sie auslassen sollen. Oder wie sie es weglassen sollen:

Alles in deinem Bildausschnitt, das die Aufnahme nicht verbessert, ist eine potentielle Ablenkung.

Sie zu vermeiden ist häufig so einfach wie eine neue Komposition zu wählen oder die Kamera neu zu positionieren.

Zum Beispiel kann man, um einen dramatischen Wasserfall in der Ferne zu fotografieren, nach einem farbenfrohen Wildblumenbusch suchen, den man als Vordergrund benutzen kann. Soweit so gut. Mit der Kamera auf Augenhöhe komponierst du die Szene – Blumen am unteren Bildrand,  Wasserfall in der oberen Hälfte. Klick.

Das Problem hier ist nur, das du ebenso eine große, leere Fläche in der Mitte des Bildes fotografiert hast, eine Region, die nichts für das Bild tut, außer Platz einzunehmen. Die Lösung ist ganz einfach: Die Kamera so tief zum Boden hin zu bewegen, dass man den leeren Bereich zwischen Blumen und Wasserfall auslassen  und das eine in den Vorder- und das andere unmitelbar darüber in den Hintergrund nehmen kann.

Aber Anpassungen der Komposition sind nur der Anfang. Leider zögern die meisten Fotografen ein Bild mit den Fähigkeiten der Kamera zu vereinfachen, die wir mit blossem Auge nicht wahrnehmen können: Licht, Schärfentiefe und Bewegung.

Licht
Brilliant Poppy, American River Parkway, Sacramento

Brilliant Poppy, American River Parkway, Sacramento © Gary Hart

Fotografen beklagen sich häufig über die begrenzte Dynamik ihrer Kamera. Und obwohl es toll ist, mehr Kontrastdynamik zu haben, hilft die Limitierung gelgentlich, Ablenkungen auszulassen und Form über Detail zu stellen.
Die Belichtung auf die Spitzlichter einer Hintergrundbeleuchteten Szene etwa kann die Farbe sättigen und ablenkende Details in den Tiefen verstecken. Ich versuche dazu, auffällige Motive gegen den Himmel zu fotografieren. Freistehende Bäume auf Hügelkanten funktionieren ganz gut. Aber ich kann mir kein besseres Motiv in der Landschaft vorstellen als El Capitan und Half Dome in Yosemite.

Und weil ein Sichel-Mond immer der hellste Teil des Himmels vor Sonnenauf- und nach Sonnenuntergang ist, nutze ich jede Gelegenheit, ihn gegen diese Vordergründe zu stellen.

Aber auch dieses Vorgehen ist nicht beschränkt auf Silhouetten. Im Bild oben in diesem Artikel sollte nichts von den Linien der Poppy-Blüte ablenken: Deswegen habe ich sie gegen den dunklen Schatten platziert und die ganze Szene unterbelichtet. Das hat im ganzen Bild die Farbe gesättigt und alles geschwärzt, was nicht zu der Poppy gehört.

Den Kontrastbereich zu benutzen, um Ablenkungen zu eliminieren, funktioniert nicht nur, indem man den Schatten noch weiter absenkt. Du magst keinen hellen blauen Himmel? Mit der Belichtung eines beschatteten Objekts gegen den Himmel kann man die Highlights vollständig überbelichten und damit einen weißen Hintergrund für das primäre Objekt schaffen.

Schärfentiefe
Poppy Lanterns, Merced River Canyon

Poppy Lanterns, Merced River Canyon, © Gary Hart

Eine meiner liebsten Techniken, um Blumen und Herbstblätter zu fotografieren, besteht darin, den Fokusbereich so sehr zu beschränken, dass nur ein Teil meines Objektes scharf ist. Der Rest der Szene wird zu einem ansprechenden Gemisch von Farbe und Form. Dieser Effekt des Verwischens verbessert sich, wenn man die Schärfentiefe verringert – und das gelingt, indem man

  • Die Distanz zum Objekt verkürzt (je näher je besser)
  • Die Brennweite verlängert, (je länger je besser)
  • Die Blende öffnet (je kleiner die Zahl, desto offener die Blende)

Obwohl ich so ungefähr jedes meiner Objektive in der Tasche schon mal benutzt habe, um meinen Hintergrund zu verwischen (und den Vordergrund), arbeite ich meistens mit Teleobjektiven und Makrolinsen, häufig mit Zwischenringen.

Dieser Ansatz bringt nicht nur das Motiv – oder Teile des Motivs – dazu, hervorzustechen, er kann auch jegliche Ablenkung im Hintergrund eliminieren. Dabei ist es sehr wichtig, daran zu denken, dass der Hintergrund auch dann noch sehr auffällt, wenn er so verwischt ist, dass man nichts mehr erkennen kann.

Bewegung
Dogwood and Rapids, Merced River, Yosemite

Dogwood and Rapids, Merced River, Yosemite © Gary Hart

Bewegtes Wasser wird häufig als «unnatürlich» oder «klischeehaft» bezeichnet. Ersteres lasse ich getrost unwidersprochen – bewegtes Wasser in einer Landschaftsfotografie ist so unnatürlich wie ein in der Luft eingefrorener fallender Wassertropfen. Und auch wenn ich zustimme, dass es wohl übertrieben ist, beim geringsten Anzeichen von weißen Wasser nach dem Neutraldichtefilter (Affiliate-Link) zu greifen: So ignoriert der Klischee-Vorwurf die Tatsache, das Wasser meistens gar nicht unverwischt fotografiert werden kann (schon mal versucht, einen Wasserfall im Schatten zu fotografieren?)

Egal, wie man darüber denkt: Tatsache bleibt, dass Details in Fliessgewässern Ablenkung kreieren können, die mit dem Hauptmotiv in Konkurrenz treten. Bewegtes Wasser eine oder zwei Stufen aufzuweichen, kann solche Ablenkungen aus der Welt schaffen.

Bewegungsunschärfe hilft nicht nur bei Wasser –praktisch alles, was sich bewegt, kann aufgeweicht oder reduziert werden: Wolken, bewegte Äste und Blumen, Sterne und vieles mehr. Und das sogar jenseits der Landschaftsfotografie: Vor allem Architekturfotografen greifen in belebtem Umfeld bisweilen zum Trick, die Belichtungszeit mit Neutraldichtefiltern so sehr zu erhöhen, dass Menschen und Fahrzeuge in der Szenerie komplett eliminiert werden.

Egal, was  sich bewegt, genau gleich wie bei der Schärfentiefe kann mit der Reduktion des Nebenmotivs in der Komposition das Hauptmotiv hervorgehoben und damit die Aufmerksamkeit der Betrachter dort hingelegt werden, wo sie hingehört.

Es geht immer um Kontrolle

Fotografie ist ein Null-Summen-Spiel der Belichtungswerte –wenn man eine Variable verstellt,  muss man den Korrespondenzwert entsprechend anpassen. Die Kontrolle von Licht, Schärfentiefe und Bewegung ist aber schwer bis gar nicht zu kontrollieren, ohne aus dem Automatikmodus auszubrechen und selber entscheidungen über Belichtungszeit und Blende zu fällen. Auch wenn es mit Zeit- oder Blendenautomatik noch möglich ist, bin ich der Ansicht, dass die manuelle Einstellung  am besten geeignet ist.

Wenn Du Dir also noch nicht zutraust, mit manuellen Werten zu fotografieren: Sich darüber zu informieren ist ein guter Anfang.

5 Antworten
  1. frz says:

    Alles Dinge die ich natürlich weis,
    aber dann doch nicht berücksichtige.
    Bei Blumen schaffe ich’s ja,aber mich interessiert
    Blümchenfotografie nicht recht!

    Werd üben – versprochen !

    ;-) frz

    Antworten

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  1. […] Ausserdem habe ich die Seiten der Kluft, in der das Wasser fliesst, durch Anheben der Tiefen aufgehellt – und war ganz erstaunt, wieviel spannende Zeichnung dabei zum Vorschein kam, die dem Bild gut tut und dem bewegten Wasser keinen Abbruch. Zuletzt habe ich die Farbkontraste leicht angehoben und eine ganz leichte Vignette eingefügt. Alles in allem eine spannende Fotografie, welche jegliche Ablenkung weglässt und das Motiv auf das Maximum reduziert. […]

  2. […] haben willst, und dabei am wenigsten Kompromisse eingeht. Fotografie ist auch hier oft die Kunst der Reduktion, auch wenn man bisweilen loslassen und sich von etwas verabschieden muss, was man im Hintergrund des […]

  3. […] wohingegen das, was der Fotograf abbilden will, bereits da ist und er sich nur entscheiden muss, was er nicht im Bild haben möchte. Das fertige Foto ist also nur ein ganz kleiner Ausschnitt dessen, was der Fotograf gesehen hat, […]

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