Mit allen Mitteln:
Horror auf der Burg

Ist diese Fotografie wirklich ein Zufallstreffer? Immerhin muss man die Szenerie, die vor Ort sicher auch ganz anders gesehen werden konnte, zuerst erkennen und dann auch noch richtig fotografieren: Das ist hier gelungen.

Fotografie aus dem Burgmuseum

„Creepy Doll“ in der Burg. Pentax K30 (ISO 800 // Brennweite 45 mm // Belichtungszeit 1/25 sec / Blende 5,6)

Daniel Hartmann aus Bad Bentheim schreibt zu diesem Bild: Während einer Burgbesichtigung fand ich diesen tollen Ausstellungsraum. Die vorherrschenden tollen Lichtverhältnisse zusammen mit der fast schon bedrohlich wirkenden Puppe stellen für den Charme der Aufnahme dar. Das Bild wurde bewusst abgedunkelt und in der „Schärfe“ reduziert um die Wirkung zu erhöhen / die Details auszublenden. Mich würde eure Meinung zu dem Bild sehr interessieren, da ich es als eines meiner Besseren werte.

Eine Fotografie wie aus einem Horrorfilm: Beim ersten Blick auf dieses vermeintlich Filmstandbild stellt es einem die Nackenhaare hoch. Das kommt aus der Beschreibung natürlich nicht zum Ausdruck:

Wir sehen in dieser fast monochromen braun-rot getönten Abendlicht-Innenaufnahme einen Raum, in dem einige Barockmöbel, vor allem linkerhand das Ende eines Bettes und ein Stuhl  und im Hintergrund eine Kommode, zu erkennen sind. Die Aufnahme ist sehr dunkel, aber nicht eigentlich unterbelichtet, denn einige Stellen sind in stark gelbrot getöntes Licht getaucht, das durch ein Fenster einzudringen und von der dicht über dem Horizont stehenden Sonne zu stammen scheint. Dieses Licht bescheint in der rechten Bildhälfte den Rücken einer Puppe, die nach links gerichtet steht, kein Gesicht zu haben und etwas wie eine Latzhose zu tragen scheint.

Nun, nicht ein Bild, das ich mir an die Wand hängen würde, und insofern nähme mich doch wunder, was denn deine übrigen Arbeiten so zeigen… Es wird nicht ganz einfach, den Qualitätsmassstab hier anzulegen.

Vorweg ist jedenfalls zu sagen, dass eine Fotografie, die Emotionen weckt, nicht schlecht sein kann. Und das trifft auf diese Aufnahme sicher zu. Technisch gesehen, könnte man sie als eigenartig komponiert und unterbelichtet bezeichnen, aber das wird ihr nicht gerecht, denn erstens ist die eigenartige Komposition dem eigenartigen Umfeld und Motiv geschuldet und zweitens ist die Unterbelichtung Teil der Inszenierung, die hier sehr gut funktioniert.

Anders gesagt: Den meisten von uns ist im Umgang mit der ersten Digitalkamera wohl aufgefallen: Diese Geräte (auch wenn die ersten Modelle noch nicht so empfindlich waren) machen die Nacht zu Tage. Buchstäblich. auf Vollautomatik eingestellt, belichteten die ersten Digitalkamera einfach jede Szenerie, als wäre Mittag. Stellten die ISO-Empfindlichkeit hoch, öffneten die Blende und liessen den Verschluss wenn nötig dreissig Sekunden offen. Und schon war aus der stimmungsvollen nächtlichen Altsstadtgasse eine menschenleere  Langemeile geworden.

Heute reagieren wir darauf bei Kompaktkameras mit der Einstellung „Nachtaufnahme“ und bei der Spiegelreflex mit erzwungen tiefem ISO, Belichtungskorrektur oder eben grad manueller Bedienung. Und dann lassen sich solche Momente genau auf das abbilden, was Du als Fotograf gesehen hast. Davon gehe ich hier aus. Dass Du das Bild nachträglich abgedunkelt hast, ist meiner Ansicht nach statthaft. Inzwischen ist nämlich allen klar, dass das Mass der Ausleuchtung sehr subjektiv ist. Demnach: Technisch tadellos, eindeutig gewollt und damit wirkungsvoller.

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Was die Komposition angeht, muss man ja klar konstatieren, dass in diesem Raum wahrscheinlich nichts besonders Interessantes zu sehen ist. Ausser eben in diesem Moment die Gegenüberstellung des wartenden Stuhls und des nur schemenhaften Mörders – äh, der Puppe. Die wirkt, obwohl sie nicht im goldenen Schnitt und nicht im Drittel steht, ziemlich gut mit dem Stuhl zusammen: Beide sind wie zufällig von der Sonne so beleuchtet, dass das Duell losgehen kann, in der Ferne hört man die Mundharmonica, und die Kamera scheint um die beiden Kontrahenten zu kreisen – Verzeihung, die Fantasie geht mir durch.

Aber nicht nur die Fantasie. Natürlich sind wir konditioniert auf solche Bilder: Dein Schnitt auf etwas weniger als 16:9 lehnt sich schon an an das legendäre Breitleinwandformat der Cinemascope-Spaghettiwestern, in deren TV-Umschnitt selbst mit schwarzen Balken oben und unten die beiden Gegner links und rechts nicht gleichzeitig im Bild sind.

Finales Duell im Western Once Upon A Time In The West

Finales Duell im Western Once Upon A Time In The West

Finales Duell in "The Good, The Bad and The Ugly"

Finales Duell in „The Good, The Bad and The Ugly“

Die Beleuchtung, die gesichtlose Puppe (Chucky lässt grüssen), der Filmschnitt und die Positionierung: Der erwünschte Effekt wird erweckt, und wenn Du den Titel „Creepy Doll“ dazustellst, ist alles klar.

Ich meine deswegen, dies ist eine gelungene Arbeit, ein gutes Bild im Sinne, dass das, was Du gesehen hast, hervorragend umgesetzt und als Emotion transportiert wird, und Du dabei nicht an fotografischen Regeln hängst, sondern die Stilmittel verwendest, die den Eindruck verstärken, den Du beabsichtigst.

Und das macht nach meiner Meinung das Bild noch viel besser. Denn es stützt die These, wonach es bei guter Fotografie nicht um die sklavische Einhaltung (aber auch nicht den erzwungenen Bruch) aller fotografischen Regeln geht, sondern darum, eine klare Absicht gezielt und mit allen verfügbaren Mitteln umzusetzen.

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1 Antwort
  1. Christian Fehse says:

    Ein sehr gutes Bild und eine sehr stimmige Bildkritik, wenn ich das mal so sagen darf. Was mir aufgefallen ist, war der Satz von Daniel: „Das Bild wurde bewusst abgedunkelt und in der „Schärfe“ reduziert um die Wirkung zu erhöhen / die Details auszublenden.“ – das in der Schärfe reduzieren / die Details auszublenden. Genau das fällt mir bei digitalen Bildern sehr schwer und es ist sogar hier etwas in Daniels Foto zu sehen. Die Dingen zeigen selbst bei ISO 800 alles ohne Gnade. Das ist zum Beispiel auch ein Grund, warum ich Bilder direkt vom Film machen und nicht nur digital mit einem „Filmlook“ versehe.

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