Feierabend am Pier:
Nichts steht still

Nachtfotografie ist dank Digitalkameras einfacher geworden, aber lange Belichtungszeiten sind noch immer eine Herausforderung. Hier ist die zu verbreitete Bewegungsunschärfe ein Problem.

Nachtfotografie zweier Fischer am Ufer in Myanmar

Nikon D600, f/2.8,ISO 1600, 5s, 14mm – © Reto Meier

Reto Meier aus Biel/Bienne CH: Das Bild ist auf meiner letzten Reise in Myanmar entstanden. Meine Reisekollegen und ich sind am Abend noch zum Fluss runter und sind dabei diesen Fischern begegnet. Sie sassen so still da, dass eine „Langzeitbelichtung“ möglich war. Das Licht kommt von einer Strassenlampe und einer Taschenlampe.
Bearbeitet wurde, ausser dem Anpassen der Farben, nichts.

Ein sehr stimmungsvolles, aufmerksamkeiterheischendes Bild, in dem leider fast sämtliche Teile von Bewegungsunschärfe oder Verwackelung betroffen sind: Fünf Sekunden Belichtungszeit in einer Nachtaufnahme sind eine heikle Sache.

Zwei junge Männer sitzen in der unteren rechten Hälfte dieses dunklen Farbfotos im Lichtschein, der von hinten rechts zu kommen scheint,  mit dem Rücken zum Betrachter auf einer Quaimauer. Links vom einen steht auf einem Gestell eine Angelrute, die nach links oben ins Bild hinaus und in den von den letzten Dämmerungslichtern in der Bildmitte blau getönten Himmel zeigt. Im Hintergrund ist im unteren Bilddrittel am Horizont eine Ufer- oder Küstenlinie mit einigen wenigen Lichtpunkten zu sehen. Den 2/3el-Himmel bedecken viele punktuelle Sterne hinter einigen mageren Schleierwolken und ein deutlich hellerer, grösserer Stern in der direkten Verlängerung der Angelrute.

Nachtfotografie der Fischer in Myanmar: Goldener Schnitt und Drittelregel nicht erfüllt.

Weder goldener Schnitt noch Drittel, trotzdem passt die Aufteilung ganz gut. Es hilft sehr, dass der Horizont nicht hälftig liegt.

Ein stimmungsvolles Bild, dem Du den Titel „Feierabend“ gegeben hast. Ich frage mich, ob es das ist, und die beiden hier nicht viel mehr sehr ernsthaft als nur bei einem Bier mit Fischfang beschäftigt sind. jedenfalls scheint der Mann im weissen trägerlosen Shirt sehr konzentriert auf seine Angelrute, während der Kolle rechts von ihm, nicht sitzend, sondern kauernd, schon eher ein Besucher zu sein scheint.

Der Bildinhalt jedenfalls erzählt eine Geschichte, was sehr positiv ist, und er fällt durch die ungewöhnliche Lichtsituation auf. Der Sonnenuntergang ist hier erstens längst vorbei und zweitens nicht das Motiv, sondern nur Stimmungsmacher – das macht ihn angenehm unaufdringlich und als Nebendarsteller hervorragend intoniert. Der grelle Lichteinfall von hinten ist ein Blickfang, aber auch etwas fragwürdig, weil nicht klar wird, ob er inszeniert oder natürlich ist (Du sprichst von einer Strassenlampe und einer Taschenlampe, aber Du sagst nicht, wessen Lampe).

Blickvektoren im Bild

Blickvektoren im Bild

Am Rande noch bemerkt, kippt das Bild ganz leicht nach links weg, was bei Fotografien mit Uferlinien oder Wasserhorizonten immer irritiert und korrigiert werden sollte.

Der Horizont kippt leicht nachlinks

Der Horizont kippt leicht nach links

Und schliesslich könnte man es gut und gern noch im Vordergrund ein bisschen beschneiden, den schwarzen Schatten weglassen und das Format damit etwas flacher machen.

Leichter Beschnitt von unten: Der Schwarze Vordergrund irritiert nur.

Leichter Beschnitt von unten: Der schwarze Vordergrund irritiert nur.

Die technischen Daten erstaunen mich eher. Du hast mit offener Blende auf einem Weitwinkelobjektiv fotografiert – angesichts des spärlichen Lichts blieb kaum etwas anderes übrig. Allerdings sind 1600 ISO heute nicht mehr so viel, und die Vollformat-Sensoren wie jener der Nikon D600 (Affiliate-Link) sind bekannt für ihre enorme Lichtempfindlichkeit und das geringe Rauschen selbst bei extrem hoher ISO-Einstellung.

Ich betone das deshalb, weil meiner Ansicht nach hier der Hase im Pfeffer dieses Bildes liegt. Die 5 Sekunden Belichtungszeit nämlich schaffen eine extreme Unschärfegefahr. Ich gehe davon aus, dass Du ab Stativ fotografiert hast – alles andere wäre unvernünftig.

Und trotzdem ist dieses Bild von Bewegungsunschärfe geprägt, möglicherweise sogar verwackelt. Sehen wir uns zunächst die beiden Männer an: Der eine bewegt sich ganz offensichtlich nach rechts, sein Blick ist abgewandt, oder er hat ihn in den fünf Sekunden nach rechts abgewandt und hat deshalb kein Gesicht. Der andere im Vordergrund hat ein Gesichtsprofil, aber soweit in dieser geringen Auflösung zu erkennen, ist es auch nicht ganz unbewegt scharf.

Nun ist es ja nicht in jedem Fall ein Unglück, etwas Bewegung in einer Fotografie zu haben – noch dazu in einer, welche die Unbeweglichkeit und Ruhe ausdrücken soll. es würde ein Kontrast entstehen. Hier sehe ich ein Problem darin, dass sich ausser dem Boden, auf dem die Angelrute steht, eigentlich alles bewegt zu haben scheint: Das Wasser im Hintergrund fliesst oder hat Brandung und ist deswegen etwas schummrig; die Wolken am Himmel sind weich, weil sie sich auch bewegt haben dürften, und die Sterne: Die bewegen sich, wie man von Sternspurenfotos weiss (obwohl sich nicht die Sterne bewegen, sondern die Erde sich dreht). Und das mit einem Tempo, das bei ein paar Sekunden Belichtungszeit je nach Brennweite schon heftig sichtbar werden kann.

Ich bin mir hier nicht sicher, ob [amazonnaB004SH6OSI]14mm Weitwinkel wie zum Beispiel das bereits bildwölbende Samyang[/amazonna] auf einer Vollformatkamera bei 5 Sekunden bereits Striche aus den Sternen machen (bei längeren Brennweiten passiert es aber viel schneller, als man erwarten würde), Tatsache ist aber, dass sie (nochmals: in dieser geringen Auflösung) wie leicht von unten rechts nach oben links geschweift aussehen. Das könnte auch ein Verwackler der Kamera sein, wenn Du sie nicht auf dem Stativ hattest. Aber die Verzerrung der Venus – oder was immer der helle Stern links oben ist – unterstützt das Gefühl, die Sternschweife zu sehen.

Ich halte das alles für sehr problematisch, weil sich bei genauer Betrachtung und in grosser Auflösung an dem Bild kaum mehr ein eindeutiger Anker finden lässt, denn Unscharfes muss nicht schlecht sein, aber es kann nicht wirklich den Blick binden und den Pol im Bild darstellen, von dem aus der Forschungsgang geht. Uns bleibt in diesem Bild als scharfer Motivteil nur noch die Fischerrute, und die ist, ehrlich gesagt, das am wenigsten spannende in der ganzen Aufnahme.

Alles in allem: Ein tolles Bild eigentlich, das man aber hätte mit einem höheren ISO-Wert und deutlich kürzerer Zeit fotografieren müssen. Mit geht es häufig so, dass ich Szenen wie diese entdecke und einen Versuch wage, sie aufzunehmen: Mit leidlichem Resultat, wie der Bildschirm auf der Kamerarückseite nach der Aufnahme einem schnell vormacht.

Denn ohne ganz in das Bild hinein zu zoomen, kann man es nicht beurteilen – das gilt für Nachtaufnahmen mit hohem Schwarzanteil noch viel mehr als für Tageslichtfotografie. Zu hause dann bemerke ich zwar den Mangel, kann mich aber vom Gesamteindruck des Bildes nicht mehr lösen, den ich über den Fehler stellen will. Anfangs habe ich solche Aufnahmen dann noch einem Freund vorgelegt in der Hoffnung, der sagt: „Super! Macht nichts, dass es ein bisschen unscharf ist.“ Meistens aber sagte er: „Tja, schade. Wäre ein gutes Bild gewesen.“ Ich bin es ungern, aber hier bin ich Dein Freund und sage Dir genau das: Es hätte ein sehr tolles Bild werden können. Und der Unfall, den es auf der Zielgeraden erlitten hat, hätte jedem passieren können, aber ich würde ihn wie einen Totalschaden behandeln.

5 Antworten
  1. dierk
    dierk says:

    Reto,
    das Rauschen in meinem Bild ist unbearbeitet. War auch nur ein Test, was im Dunkeln damit zu machen ist.
    Ich habe es eben mal mit LR getestet, es lässt sich sehr gut bearbeiten und entfernen.
    VG
    dierk

    Antworten
  2. dierk
    dierk says:

    Ich stimme Peter zu, es sollte ein wesentlicher Teil des Bildes scharf sein, damit man beim Ansehen einen ruhenden Pol findet.

    Den Crop unten hätte ich nicht ganz so viel gemacht, den dunklen Vordergrund hätte ich bis zum linken Rand gelassen und nur ganz wenig unter weggenommen.

    Mich erstaunt der unglaubliche Sternenhimmel, obwohl die Sonne sicher noch nicht lange weg ist (da im Süden geht es ja doch immer sehr schnell?). Das ganze Bild hätte ich dunkler gemacht, die Shirts der beiden sind fast überbelichtet.

    Da es hier um Nachtfotografie geht möchte ich gerne ein Beispiel zeigen (ich hoffen Reto hat nichts dagegen!), das ich vor Kurzem mit dem neuen Voigtländer 15mm an der Sony A7RII (Vollformat) mit stabilisiertem Sensor (IBIS) gemacht habe. Ich hatte sie bei meiner abendlichen Runde zum Ausprobieren der 15mm mitgenommen. Das Bild entstand um ca. 23 Uhr mit 1/5 Sek., f/5.6 und ISO 6400 aus der Hand! Es rauscht etwas, was sich aber ganz gut bearbeiten lässt.
    (der link zu einer höheren Auflösung: https://www.flickr.com/photos/dierktopp/27403027695/sizes/o/)

    https://c2.staticflickr.com/8/7389/27403027695_e2d61d4335_b.jpg

    Antworten
    • Reto says:

      Hallo Dierk,

      Besten Dank für deinen Kommentar. Mindestens das Shirt des sitzenden Fischers ist leider wirklich ausgebrannt (schon im RAW).

      Ist das Rauschen auf deinem Bild unbearbeitet/unterdrückt? Mir wäre das so zu viel. Es macht den Himmel nervös (beim Rest merkt man es weniger).

  3. Reto says:

    Hallo Peter,

    Besten Dank für die ausführliche Kritik.
    Ich kann die Punkte, die du erwähnt hast sehr gut nachvollziehen.
    Es ist nun über 2 Jahre her, dass ich dieses Bild gemacht habe. Seither habe ich viel dazu gelernt.
    Trotzdem ertappe ich mich immer wieder dabei ISO zu „sparen“ auf kosten der Zeit und bin nachher enttäuscht wenn die Bilder am PC nicht scharf sind ;-( .

    LG Reto

    Antworten
    • Peter Sennhauser says:

      Hallo Reto, das Problem kenne ich. Und es ist weniger gerechtfertigt denn je angesichts der unglaublichen Empfindlichkeit der modernen Spiegelreflexkameras. Ich gehe inzwischen mit der Nikon D810 ohne weiteres weit über 1000 Iso hinaus – das Rauschen ist nicht der Rede wert.

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