Fotografische Selbstzweifel:
Zerdenke Deine Bilder nicht

Was wohl die Kluge Else tun würde, wenn man ihr heutzutage eine Digitale Spiegelreflex-Kamera in die Hand drückte?

Fotografie © Sofie Dittmann

© Sofie Dittmann

Es ist schon eine Weile her, da habe ich darüber nachgedacht, eine Serie von Abstrakten bei einer namhaften Kunstfotografiezeitschrift in den USA einzureichen. Ich habe es mir hin- und herüberlegt, war kurz davor, sie abzuschicken, habe es dann schlußendlich doch nicht gemacht, weil ich mich selbst davon überzeugt hatte, das kapiert keiner, das bringt doch nichts, sie werden sie ablehnen. Kurz darauf haben sie einen Beitrag von jemandem veröffentlicht, der ähnliche Abstrakte fotografiert hatte. Anstatt die Fotografien einfach abzuschicken und die Leute die Entscheidung selbst treffen zu lassen, habe ich die Sache so lange zerdacht, bis jemand anderer zugeschlagen hat.

(c) Sofie Dittmann

(c) Sofie Dittmann

(c) Sofie Dittmann

(c) Sofie Dittmann

(c) Sofie Dittmann

(c) Sofie Dittmann

Das kann natürlich irgendwo auch kulturell bedingt sein – als Deutsche/r wird man von klein auf angehalten, den besten Job zu machen, zu dem man fähig ist. Es hat wahrscheinlich auch mit immer wiederkehrender Ablehnung zu tun, die einen letztendlich fast schon konditioniert, kodependent zu werden und sich beispielsweise zu überlegen, bevor man eine Aufnahme zu einem Wettbewerb einreicht, wie welcher Juror was gut finden könnte. Besonders, wenn die Einreichung Geld kostet (über den Sinn und Unsinn von Wettbewerben hatte Darius vor einiger Zeit bereits berichtet).

Die Antwort auf Selbstzweifel: solange man nicht fragt, wird man es nie wissen, außer man kann sogar Gedanken lesen. Kunst und künstlerisches Schaffen sind letztlich ein Schuß ins Blaue. Ich hatte etwas Bestimmtes im Kopf, als ich das Bild gemacht habe, und wenn es meinen Erwartungen entspricht, muß das erstmal genügen. Zustimmende Worte oder gar Lob von anderer Seite sind nur noch das Sahnehäubchen.

Ich habe über die Jahre von Lesern gehört, die eine lange Zeit die Besprechungen anderer Fotos gelesen haben, bevor sie selbst ein Bild eingereicht haben. Nicht, weil sie sich schulen wollten, sondern weil sie sich erst selbst überzeugen mußten, eines einzureichen. Und dabei bemühen wir uns hier, konstruktiv zu sein und machen immer klar, daß es sich um unsere jeweilige Einzelmeinung handelt, nicht um ein Generalvotum.

Die fokussiert.com-Bildkritik ist die Besprechung einer von Leserseite eingesandten Fotografie. Sie zeigt Tipps und Tricks zu Technik, Komposition und Nachbearbeitung. Sie wollen dabei sein? Reichen Sie Ihre Fotografie ein. Oder buchen Sie eine private Kritik.

Die Argumente verlaufen meistens in Richtung, „nicht gut/interessant/(***) genug“, „dachte nicht, daß es Euch/Eure Leser interessiert“, und so weiter, und so fort. Andere fühlten sich trotz Einladung durch uns nicht qualifiziert, einen Gastbeitrag zu veröffentlichen. Und ich möchte nicht wissen, wie viele meinen, zu unserem jurierten Fotobuchprojekt „Doppelt Gesehen“ nichts Passendes auf der Festplatte zu haben… (Hinweis am Rande: wenn die Zahl „Zwei“ irgendwie drin vorkommt, paßt es – ein Paar Vögel, zwei Paar Leute, zwei Bäume, eine Spiegelung, ein Diptychon…) Wenn es Eurer Meinung nach ein super Bild ist, ist die Wahrscheinlichkeit groß, daß wir es auch gut finden. Auch dazu habe ich entsprechendes Feedback bekommen.

Das hat alles nichts mit Rückgrat zu tun; es ist die Tendenz, sein eigenes Werk gedanklich zu zerlegen, bevor ein anderer die Gelegenheit hat. Und genau darin liegt der Trugschluß: genauso wenig, wie es Sinn macht, ohne Sinn und Verstand Zeug ins Internet zu setzen, macht es Sinn, zu warten, bis man selbst oder sein Werk „gut genug“ ist. Diese Zweifel wird man oft bereits in der Aufnahme spüren, denn anstatt eines Fotos, das ein Gefühl auslöst, bekommt man eines, in dem vielleicht alles stimmt, das aber stinklangweilig ist. Vielleicht ist es aber auch nur für Dich stinklangweilig, und andere finden es ganz toll. Oder umgekehrt. Finde es heraus.

Worauf ich hinaus will: bringt es einfach. Bildende Kunst, egal in welcher Form, will gesehen werden.

Der Sinn des Lebens - (c) Sofie Dittmann

Der Sinn des Lebens – (c) Sofie Dittmann

3 Antworten
  1. oli says:

    Egal ob Wettbewerb, Freunde oder Sozialen Medien – natürlich wollen wir als Fotografen für „unsere besten Bilder“ Anerkennung. Gleichzeitig fürchten wir uns vor der Kritik. Der Hang zum „Verkopfen“ weil wir unsicher sind ob das Bild genug Emotionen und Geschichte enthält und nicht nur eine formale korrekte Ablichtung einer wie-auch-immer-alltäglichen Relativität ist. Primär sollten wir die Bilder für UNS machen. Sekundär sollten wir die Bilder einfach ZEIGEN. Und dann eine LMAA-Einstellung zu allen Kommentaren und unsinnigen Likes/Views entwickeln. Kunst liegt noch immer im subjektiven Auge des Betrachters. Und was der sieht – kann ich als Fotograf nicht bestimmen.

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  1. […] Foto passt und so weiter, hat noch knapp ein paar Stunden die Gelegenheit, uns etwas zu schicken. Zerdenkt das Ganze nicht – wenn Ihr es gut findet, finden wir es höchstwahrscheinlich auch […]

  2. […] Foto passt und so weiter, hat noch knapp vier Wochen die Gelegenheit, uns etwas zu schicken. Zerdenkt das Ganze nicht – wenn Ihr es gut findet, finden wir es höchstwahrscheinlich auch […]

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