Foto in Lagen:
Besuchen Sie uns …

Ein Foto kann durch geschickte Überlagerung mehrerer Motive zu einem Augenschmaus werden.

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Marcus Leusch aus Mainz schreibt zu diesem Bild, das er unter dem Titel „Besuchen Sie uns…“ eingereicht hat:

„Frankfurt/Zeil/2014: Auf Rollbändern und in Hochgeschwindigkeitsaufzügen geht es heute zum „Platz an der Sonne“. Das Tageslicht diffundiert durch blank geputzte Oberflächen, Lichtspiele und Leuchtreklame inszenieren sich selbst, Lampenschirme schweben wie kleine Planeten durch den Raum. Der Horizont hat sich verabschiedet. Oben und unten sind eine Illusion des Marketings. Die Atemluft wird gefiltert und im Sommer darf man sich airconditoned wohl fühlen. Ein Kokon aus Stahl und Glas schließt sich stumm und alternativlos beim „Erlebniskauf“ um die Besucher. In der Mall riecht es wie Unrat nach der Politur des Käuflichen…“

Aufnahmedaten: Nikon D700 (Vollformat), Objektiv: 50 mm/2.8 bei Blende 5.6, Belichtungszeit: 1/80, ISO 800, Entwicklung in Lightroom/Photoshop, Kontraste angehoben …

Manche Fotos transzendieren so sehr die üblichen fotografischen Regeln und Vorstellungen, daß man es nur „freiform“ besprechen kann. Dieses ist so eines.

So, wie in Deutschland beispielsweise Kartoffelsalat auch heute noch ein typisches Essen für Picknicks oder Parties ist, gibt es in Amerika kulinarische Mitbringsel, die man fast schon erwarten kann, wenn man zu einem entsprechenden Anlaß irgendwo hinkommt. Eines davon ist der sogenannte „7 Layer Dip„, und so hergeholt die Assoziation jetzt auch sein mag, daran fühlte ich mich erinnert, als ich Dein Bild sah. (Der Dip besteht aus je einer Lage pürierte „mexikanische“ Bohnen, Sauerrahm, Guacamole, Salsa, fein geschnittener Salat, geriebener „mexikanischer“ Käse, fein geschnittene Tomaten; garniert wird er gerne mit Oliven. Aus der Schüssel geschaufelt wird er mittels Tacochips.)

Zunächst zum Technischen: Du hast hier mit einem hohen ISO fotografiert, und die gewählte Blende bedeutet bei einer Vollformatkamera eine ziemlich geringe Tiefenschärfe. Durch die Lichtverhältnisse bekommt man gleichzeitig den Eindruck von Tiefe UND die Illusion einer einheitlichen Fläche. Glückwunsch zu diesem meines Erachtens sehr gelungenen Foto.

Zur Komposition: zu sehen ist hier, wie eben erwähnt, das fotografische Äquivalent eines 7 Layer Dips. Erst sieht man die Rautenstrukturen im Bild. Dann fallen einem oben die Häuserspiegelungen auf, darübergelegt planetenähnliche Lichtkugeln, eine ovale helle Fläche. Unter den Häuserstrukturen wiederum die Spiegelung der Fensterstrukturen in sich selbst, dann noch um das ganze helle Flächen, die den Himmel eingefangen haben. Über die Zickzacklinien links schweift dann der Blick weiter nach unten, wo man schließlich zwei Leute entdeckt, die auf einer Rolltreppe stehen. Auch ohne zu wissen, wo sich das ganze zugetragen hat, vermutet man also ein Kaufhaus oder Geschäftsgebäude. Schließlich dann ganz unten das Schild, das der Aufnahme ihren Namen gab – es handelt sich also wohl um ein Kaufhaus; wenn oben die Planeten schweben, ist unten wohl die Kaufhölle.

Man fragt sich unwillkürlich, wo DU wohl standest, als Du das Foto aufgenommen hast. Auf dem Dach? Höheres Stockwerk – aber warum sieht man dann die Spiegelungen und Strukturen? Wer sind diese Leute, wen werden sie „besuchen“ und so weiter.

Gut gefällt mir auch der schöne Kontrastumfang im Foto, der dem ganzen auf der einen Seite Tiefe verleiht, auf der anderen Seite die Illusion einer einheitlichen Fläche ermöglicht. Die strenge Geometrie der Fensterstrukturen wird durchbrochen von dem Organisch-chaotischen der anderen „Bildzutaten“. Hättest Du alles nicht so gekonnt wie jenen 7 Layer Dip visuell übereinandergelagert, es hätte ein Wimmelbild werden können, das einen als Betrachter leer zurückläßt.

So ist es dagegen ein visueller Schmaus, vor dem man lange verweilt, um mehr zu entdecken. Bis, um bei der Metapher mit dem Dip zu bleiben, die Schüssel schließlich leer ist.

1 Antwort
  1. Marcus Leusch says:

    Liebe Sofie,

    erst einmal herzlichen Dank für Deine überaus freundliche Besprechung,
 auch für den Vergleich mit dem „7 Layer Dip“, der hierzulande wahrscheinlich 
nur in der Miniaturausgabe zu haben ist. … Ach, the american dream!

    
Gewiss keine leichte Kost, vergleichbar vielleicht mit der Bildsprache in dieser 
Aufnahme, der ja nicht unbedingt jeder folgen möchte und muss, weil es etwas 
schwierig wird, hier einen kompositorischen Bezugspunkt zu finden.

    Ja, auf die unterschiedlichen Ebenen kam es mir unbedingt an. Flächen und Tiefen ergänzen sich hier auch für mich recht gut. Aus der Entfernung wirkt das Bild noch 
relativ homogen, auch durch die Halt gebende Rautenstruktur und die gespiegelte Hausfassade, zwei Menschen aufwärts strebend … . 
Erst bei näherer Betrachtung lösen sich diese Bezüge auf und stürzen aufeinander 
ein wie in einem kubistischen Bild (Lyonel Feininger). Mein Bezugspunkt sind die Menschen auf jener Rolltreppe, die sich unvermittelt im Nichts verliert, ebenso wie 
das gesamte Scheingebäude (Spiegelbild) in sich einzustürzen beginnt. …

    
„Man fragt sich unwillkürlich, wo DU wohl standest, als Du das Foto 
aufgenommen hast.“ – Zwischen mir und der Szene liegt nur der Abgrund in die 
übrigen Etagen der Mall, dann die Glasfassade (Rautenmuster), in der sich
das Gebäude (in meinem Rücken) spiegelt, dahinter ein Wirrwar aus Geländern,
Lampen (wie kleine Planeten), Lichtflutern und eben jenen zwei Passanten etc. …
    
So also habe ich die Szene gesehen und musste – als Kind vom Lande – auch 
etwas vor meiner eigenen Wahrnehmung zurückschrecken. Diese Irritation hat sich 
wohl in diese eher abstrakt anmutende Aufnahme „hinübergettet“, die Du hier entsprechend „freiform“ kommentiert hast. Keine einfache, eine eher unzugängliche Aufgabe für den Betrachter. Und dafür nochmals ein „merci beaucoup“ oder „many thanks“. … 



    Gruß
    Marcus


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