Perspektive Mensch:
Die Besucherin

Schon eine Veränderung des Aufnahmestandpunktes kann aus einem vorhersehbaren Foto ein außergewöhnliches machen.

Besucherin

Wolfgang Everding aus Bremen schreibt zu diesem Bild:

Innenaufnahme in einer leeren Kunsthalle (ohne Bilder) nach Abschluss des Umbaues. An dem Tag konnten Besucher sich die neue gestalteten Räume ansehen. Das Foto gehört zu meiner Serie „Menschen im Raum“.

Eine meiner Lieblingsübungen im Kunstunterricht war, Räume zu entwerfen. Malen oder Zeichnen kann ich nicht als Fähigkeit verbuchen, aber mit dem Lineal und Bleistift war ich immer unschlagbar. Der strengen Geometrie wegen habe ich mir Dein Foto auch ausgesucht. Es hat eigentlich alles, was ein gutes Bild ausmacht, und dabei könnte ich es belassen: „Wow, super Foto!“ Das wäre aber dann hier Facebook oder flickr, und so möchte ich Dir im einzelnen erklären, warum es mir gut gefällt.

EXIF-Daten waren keine im Bild vorhanden, und so möchte ich mich auf die Komposition beschränken.

Legt man mein übliches Raster darüber, sieht man, daß Du die einzige Person im Bild rechts perfekt in den Goldenen Schnitt (rosa) platziert hast. Horizontal befindet sie sich genau in der Bildmitte (hellblau).

Vergleichsfoto

Vergleichsfoto

Du sagst, das Bild sei in einer leeren Kunsthalle aufgenommen worden. Diese sind, wie hier zu sehen, so gebaut, daß man Bilder unterschiedlicher Größe ohne Probleme aufhängen kann. Auch die Beleuchtung ist entsprechend gut. Du hast Dir die Kombination von allem – Raum, Lichtverhältnisse, Leere – zunutze gemacht und ein streng geometrisch komponiertes Foto aufgenommen.

Ich habe mir den Spaß gemacht und habe durchgezählt, wieviele Flächen ich genau sehe; gekommen bin ich auf 14. Die strengen schwarzen Linien leiten das Auge an der Frau vorbei zu einem imaginären Fluchtpunkt. Durchbrochen wird das Rechtwinklige durch die Holzplanken am Boden, die schräg durch die Aufnahme verlaufen. Die Person selbst bildet als „organische“ Form einen Kontrapunkt zu diesem Raster.

Vergleichsfoto

Vergleichsfoto

Durch die Verschiebung Deines Aufnahmestandpunktes erreichst Du, daß mehr visuelles Interesse ins Bild kommt.  Die Komposition hätte auch vollkommen anders ausfallen können: volle Symmetrie mit Frau mittig im Fluchtpunkt etc. etc. Und diese Entscheidung hätte zu einem sehr langweiligen Bild geführt, denn nichts fiele aus dem Rahmen; es gäbe keinen Grund, sich das Foto näher anzuschauen – ja, nach Zahlen komponiert, weiterziehen.

So bietest Du uns etwas mehr: den Hocker, oder worum es auch immer hinten links handelt, hättest Du ohne den Schritt nach rechts garnicht ins Visier bekommen. Auch ein leerer Raum hätte eine gewisse Bildaussage gebracht, aber die Person, eben „organisch“ inmitten dieser Linien und Flächen, verleiht dem ganzen das „I-Tüpfelchen“ – Du hast auf den richtigen Augenblick gewartet, als Du auf den Auslöser gedrückt hast. Der Amerikaner nennt das I-Tüpfelchen „cherry on top“, also eine Kirsche ganz oben auf der Schlagsahne auf der Eiskrem, und genau das hast Du hier erreicht. Das Auge bleibt hängen, man schweift etwas durch das Foto, überlegt sich, wer die Frau wohl ist, warum alleine, was macht sie dort? Nur eine Besucherin? Oder hofft sie, dort einmal selbst auszustellen?

Nur noch ein kleiner Nachtrag zur Entscheidung, die Aufnahme in blaugetöntem Schwarzweiß mit starkem Rauschen nachzubearbeiten. Das ist zwar genau das: Deine individuelle Entscheidung, aber in „normalem“ kontrastreichen Schwarzweiß, unter Umständen auch mit Blautönung, hätte sie genauso gut gewirkt, ohne Rauschen. Ich bin auch mal durch eine Phase gegangen, in der ich Bilder so bearbeitet habe. Ein paar Jahre später habe ich sie dann nach-nachbearbeitet und den Effekt wieder rausgenommen.

Wie dem auch sei, wie eingangs erwähnt für mich ein rundherum gutes Foto!

12 Antworten
  1. Wolfgang says:

    Hallo Dierk, jetzt habe ich mir mal Zeit genommen und deine Deichtorhallenfotos auf Flickr angeschaut. Einige gefallen mir recht gut, und zwar diejenigen mit wenigen Menschen und Fotos an den Wänden. Ich habe auch schon dort fotografiert und war von den vielen Linien, die sich ergeben erschlagen. Deine 2 Beispielfotos sind minimal, jedoch hätte ich eventuell einen tieferen Standpunkt gewählt. Das Foto mit den Menschen gefällt davon am besten.
    Zu meinem Besuch in der Kunsthalle gibt es eine Serie, die jetzt auch auf meiner Webseite (vor dem Monitor, „tell a story“) zu finden ist. http://www.wolfgang-everding.de/12_Vor_dem_Monitor.html
    Weiterhin habe ich über die Besucher (Menschen im Raum) bei der Besichtigung der Kunsthalle „ohne Bilder“ eine Auswahl eingestellt.
    http://www.wolfgang-everding.de/10_Menschen_im_Raum.html

    tell-a-story_2

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    • dierk says:

      Hallo Wolfgang,
      danke!
      Das mit dem tieferen Standpunkt wäre nicht gegangen, da ich sonst die Schrift mit drauf gehabt hätte. Oder ich hätte nach oben kippen müssen, was ich auf jeden Fall vermeiden wollte. Mein 17mm T/S wäre da sicher das richtige Objektiv gewesen, aber eben nicht an der Leica.

      Und danke für die links zu deinen Serien. Das ist genau mein Geschmack, ich finde in beiden Serien viele Bilder, die mich ansprechen!
      VG
      dierk

  2. dierk says:

    beim Stöbern bin ich wieder auf dieses Bild gestoßen.
    Ich kann Sofie nur zustimmen, das reine S/W Bild gefällt mir auch besser. Auf jeden Fall ein beeindruckend puristisches und perfekt komponiertes Bild!
    Wolfgang, gibt es denn eine Serie davon? Auf deiner Seite habe ich nichts gefunden.

    Bei dem Bild musste ich an meinen Besuch bei der Ausstellung „100 Jahre Leica Fotografie“ vor 2 Jahren in Hamburg denken. Ich hatte meine Leica M Monochrom mitgenommen (natürlich, um zu zeigen, dass ich auch eine habe :-) ). Viele der gezeigten Fotos waren die typischen Street-Fotos, für die die Leica immer ideal war. Mich reizten bei der Ausstellung aber fast mehr die unglaublichen Motive, so habe ich fast mehr Fotos gemacht als angesehen.
    Eine Serie der Bilder aus der Ausstellung ist hier:
    https://www.flickr.com/photos/dierktopp/albums/72157647885056043

    VG
    dierk

    Leica Tri-Elmar-M 16-18-21/4@f/8, 16mm

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  3. Wolfgang says:

    An diesem Tag, es war ein Zufall für mich, liefen unbestellt viele Menschen in dem Gebäude herum, die dafür sehr gut geeignet waren. Zeit und Geduld, das Warten auf den richtigen Augenblick waren meine Zutaten. Ein weiteres Beispiel anbei.

    allein

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  4. Wolfgang says:

    Vielen Dank für die ausführliche Bildbesprechung. Beim Export aus RAW habe ich leider die Exif Daten vergessen anzugeben. Exif: Nikon D700, ISO 200, 1/250 s, 20mm/f 5,0
    Danke für den Tip, ich werde mir auch mal wieder das Original vornehmen. Als ich bei dieser Veranstaltung unterwegs war sind in den leeren Räumen einige interessante Fotos mit Menschen entstanden. Vor langer Zeit war hier im forum auch ein weiteres Foto aus dieser Serie in der Diskussion, siehe Anlage.

    ohne Bilder

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    • Sofie Dittmann
      Sofie Dittmann says:

      Ja, das kam mir auch irgendwie bekannt vor als „Thema“. Ganz ehrlich finde ich das vorliegende aber besser als das in der Anlage. Ich finde gut, daß Du situationell mit den Leuten gearbeitet hast, die dort waren, aber jetzt, wo ich länger drüber nachdenke, meine ich fast, Du hättest jemanden als Modell mitnehmen können und entsprechend inszenieren. So als Fotoessay oder konzeptionelle Porträtreihe oder etwas Ähnliches. In jedem Fall sehr ansprechend.

  5. Werner says:

    Tja, das ist so ein Augenblick, den sich jeder Fotograf wünscht – und (leider) selten genug rechtzeitig am Auslöser ist.
    Glück und (vor allem) Können liegen hier wohl sehr eng beieinander. Die Bearbeitung finde ich sehr ansprechend, obwohl ich Sofie recht gebe, es hätte auch ohne Korn und Blau extrem gut gewirkt, eben weil auch sonst alles stimmt.

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  1. […] haben schon mehrfach spannende Aufnahmen aus Ausstellungsräumen, Galerien oder Museen besprochen. Sei es, dass es in diesen Räumen ein ganz spezielles Licht gibt […]

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