Ausdrucksstarkes Frauenporträt:
Ein Gesicht wie eine Geschichte

Wenn ein Foto den Betrachter so in den Bann zieht, dass er Mängel darüber vergisst, ist man als Fotograf am Ziel.

myanmar-elderly-pa-o-woman-portrait

Matthias Kleinmanns aus Hofheim schreibt zu diesem Bild:

Das Foto entstand auf einem Markt in einem Bergdorf in Myanmar. Bei der abgebildeten Person handelt es sich um eine Angehörige der ethnischen Gruppe Pa-O. Aufgenommen wurde das Foto mit eine Sony A7R ( ILCE-7R ) (Affiliate-Link) mit dem 90mm Voigtländer Objektiv Apo Lanthar (Blende 4.0, ca. 1/250 sek), verbunden mit einem Metabones Adapter .

Für Fotos dieser Art streife ich gerne stundenlang über Märkte in Regionen, in denen kulturelle Besonderheiten, wie landestypische Kleidung, Frisuren, Tattoos, oder ähnliches zu sehen sind. Hierbei achte ich heute zuerst auf die Lichtsituation, danach auf eine infrage kommende Person. Viele Jahre Erfahrung haben mich gelehrt, wie ich eine Kontaktaufnahme erreiche, ohne die Person zu erschrecken oder zu vergraulen. Unabdingbar für mich ist eine angenehme ungezwungene Atmophäre, die nicht zu einer Ablehnung des Fotos oder erstarrten Pose führt.

Eine freundliche Gestik und ruhig gesprochene Worte, sprachlich bedingt, oft auch unverstanden, helfen die oft anfängliche Scheu zu nehmen. Es ist nicht immer einfach die lockere Pose zu halten, da ich oft nicht mit Autofokus fokussiere, sondern mit der Einstellupe, um sicherzustellen, dass die Augen extrem scharf abgebildet werden.

Den bei diesem Foto abgeschnittenen Kopf und die nur teilweise dargestellte Hand habe ich toleriert, um den Kopf in einer bildbestimmenden Größe zu halten. Auf die Lichtpunkte oben rechts hätte ich gerne verzichtet, wollte sie aber auch nicht mittels Photoshop übertünchen.

M.E. wichtige Bildelemente sind der Bambusstamm und der Schal in satten Rottönen, die mir bezüglich Rahmung des Kopfes und Quantitäts-Kontrast sehr willkommen waren.

Als Fotografin habe ich den in den Medien vorherrschenden Jugend- und Schönheitswahn noch nie verstanden. Es ist für mich persönlich motivisch interessanter, Gesichter abzubilden, in denen das Leben der jeweiligen Person buchstäblich geschrieben steht. Nicht, dass Schönheit und Perfektion nicht fotografierenswert wären – sie sind eben nicht meins.

Genau so ein Gesicht hast Du hier eingefangen, und auf eine Weise, die einen alles andere vergessen lässt. Herzlichen Glückwunsch zu diesem meines Erachtens rundherum gelungenen Bild.

Zum Technischen hätte ich anzumerken, dass es bereits wirklich schwierig ist, unter den von Dir beschriebenen Bedingungen gute Street- oder Reisefotos zu machen; Du hast Dir als zusätzliche Herausforderung noch ein voll manuelles Objektiv mit Festbrennweite dazugenommen, allerdings ein sehr gutes. Deine Sony ist eine spiegellose Vollformatkamera, und so hat die lange Brennweite in Verbindung mit der offenen Blende die Frau nicht nur gut freigestellt, der Hintergrund ist auch als Bokeh weich verschwommen.

Legt man ein Linienraster über das Foto, sieht man, dass sich die Frau praktisch komplett in der Bildmitte befindet (hellblau; zum Vergleich Goldener Schnitt in rosa und Drittelregel in grün):

Vergleichsfoto

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Sie strahlt bereits diese Ruhe aus, die Weisheit ihres Alters in ihrem verhaltenen Lächeln, da passt es durchaus, dass sie sich in der Bildmitte befindet, was üblicherweise als statisch empfunden wird. Es ist zudem ein situationelles Porträt, und wie es aufgenommen wurde, trägt zur Authentizität des Bildes bei, inklusive der gekappten Hand vorne, die ich nicht als tragisch empfinde.

Die Anordnung Deines Modells ist eine Sache, aber dann gibt es noch links diesen Bambus, der ein Viertel des Fotos ausmacht, und den Du zusammen mit den Lichtflecken im Hintergrund ansprichst. Er nimmt mit dem Raum neben ihm über ein Viertel der gesamten Aufnahme ein:

Vergleichsfoto

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Ich habe aus diesem Grund Szenarien durchgespielt, die beides verändern. Erst einmal habe ich spaßeshalber die Lichtflecke weggestempelt:

Vergleichsfoto

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Das sähe zwar wohl besser aus, ich finde die Flecke jedoch nicht unbedingt SO störend. Und dann gibt es auch hier wieder das Argument der Authentizität und der Entstehungshintergrund des Bildes – Du hast es so aufgenommen, wie es sich geboten hat, und es war schon bemerkenswert, dass die Frau für Dich posiert hat auf diese Weise.

Ich habe auch mit verschiedenen Beschnitten gespielt:

Vergleichsfoto

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Egal, was man macht, man verliert meiner Meinung nach zuviel von dem roten Schal rechts, bis auf die erste Variante in einem Seitenverhältnis von 10 x 8, und das ist die, die ich letztlich nehmen würde, denn es erhält den Bambus als Rahmen links, eliminiert aber den Raum daneben, der nicht wirklich zum Foto beiträgt.

Mit beiden Änderungen, das heißt, korrigierten Flecken und Beschnitt, sähe Dein Foto so aus:

Vergleichsfoto

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Egal, ob man als Fotograf noch an diesem Bild auf diese Weise weiter feilen möchte – ein Blick in dieses Gesicht lässt einen als Betrachter alles vergessen, was vielleicht als „Mangel“ auffallen könnte. Ich würde mich freuen, noch mehr Aufnahmen Deinerseits zu Gesicht zu bekommen. Vielleicht ist ja unsere Reihe „Fotografen im Fokus“ etwas für Dich.

18 Antworten
  1. dierk
    dierk says:

    wie Sofie schrieb:
    „Es ist für mich persönlich motivisch interessanter, Gesichter abzubilden, in denen das Leben der jeweiligen Person buchstäblich geschrieben steht.“
    Das geht mir genau so.

    Für mich ist die Version 10×8 die Beste.

    Was mich jedoch am Meisten stört, sind die Farben. So sieht das Bild für mich(!) aus wie ein „normales“ Urlaubsfoto.

    Seit ich digital fotografiere mache ich mit ganz geringen Ausnahmen nur Portraits in S/W, meistens von älteren Gesichtern in denen das Leben geschrieben steht. Ich kann mir vorstellen, das dieses Gesicht in S/W noch beeindruckender ist. Du solltest es mal versuchen und wirst sehen, dass es ganz anders wirkt.

    BTW: ausdrucksvolle Gesichter gibt es jede Menge in unserer nahen Umgebung, man muss dafür gar nicht in die Ferne reisen:-)

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    • Marcus Leusch says:

      „Was mich am Meisten stört, sind die Farben … „

      

Ich finde, es gibt durchaus Portraits, die in Farbe (dezent eingesetzt!) besonders wirken und auch an Intensität nicht hinter einem S/W-Foto zurückstehen. Zu Analogzeiten gefielen mir hier besonders die Aufnahmen von Steve McCurry (siehe Wikipedia) mit dem 
legendären 105er/2.5 von Nikon (auch heute noch eine phänomenale Linse!).

      

Als S/W-Freund habe ich das Foto mal auf die „Schnelle“ so umgesetzt, wie ich es „verstehe“, das Gesicht etwas aufgehellt und vor allem die Augen „sichtbarer“ gemacht, 
was mir im Originalbild noch nicht genügend erschien. … 



      Und ja: das 10×8 ist auch für mich die beste Version … 

Beste Grüße

      

Marcus

      woman_endergebnis-4

    • Tilman says:

      Warum SW ??? Es geht in diesem Foto soviel verloren… die bunte Kleidung, die gelbe Zigarette… einfach langweilig in Deiner Version, Marcus. Und der Gesichtsausdruck, selbst der wird nichtssagend. Aus einer Frau mit einer gesunden, braunen Gesichtsfarbe wird einfach nur ein alter Greis… meine Meinung :->

    • Marcus Leusch says:

      Lieber Tilman,
      natürlich ist mir die Farbversion lieber, ich hab’s hier wirklich sehr schnell in Lightroom mal anders herum (s/w) versucht. Und das kann man gewiss weitaus besser machen (I know!!). Eine Farbvariante, die auch den Augen mehr „Augenmerk“ schenken würde, käme mir allerdings sehr entgegen. – P.S.: Mit Respekt, mir erscheint die abgebildete Person allerdings schon sichtlich betagt. Ich mag durchaus Falten in einem Gesicht, die mir eine Geschichte erzählen…

      Grüße
      Marcus

  2. Sofie Dittmann
    Sofie Dittmann says:

    Ich habe es mir nochmal angeschaut – ich habe weder an der Farbsättigung noch am Kontrast gedreht, aber vielleicht ist dadurch, dass ich das Foto durch Photoshop gezogen habe, irgendwas reingekommen. Wie dem auch immer sei, hätte ich das bewusst ansprechen wollen, hätte ich es getan.

    Wir können jetzt also entweder weiterhin diskutieren, ob Farbsättigung oder Kontrast angehoben wurden, oder darüber, was das für ein tolles Foto ist, und ob man noch weiter per Beschnitt und Klonstempel daran herumfeilen sollte.

    Antworten
  3. Tilman says:

    „in Blick in dieses Gesicht lässt einen als Betrachter alles vergessen“ Damit hast Du es, liebe Sofie, auf den Punkt gebracht. Es ist der Ausdruck des Gesichts, von dem das Foto lebt. Ganz große Klasse, Mathias!
    Der Beschnitt… nein, ich finde die Änderung nicht gut. Ein wesentlicher Bestandteil des Bildes ist die Zigarette und der Rauch, das geht dabei verloren. Und diese weite, wenig sagende Fläche oben rechts, auf die mein Blick wandert, bleibt nichtssagend.
    Ich habe viel ausprobiert, anbei die Variante, die mir am besten gefallen hat. Was mir gefällt… die Lichtflecken und die Schultern leiten jetzt den Blick aufs Gesicht. Aber letztlich auch nicht toll…

    @Werner Also, bei mir sieht das auch so aus, als ob Sofie am Kontrast gedreht hat :->

    myanmar-2

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    • Stefan Jeschke says:

      Fuer mich passt die Spiegelung hier sehr gut, da der Blick nun viel besser im Bild gehalten wird. Einerseits durch die hellen Lichtpunkte links oben, das Gesicht selbst und weiterhin durch den senkrechten Bambus-„Stopper“ rechts. Die Bild wirkt auf mich nun irgendwie „angenehmer“, der Blick kann entspannter im Bild umherschweifen ohne herausgeleitet zu werden. Super Idee mit der Spiegelung und gelungener Beschnitt, wie ich finde.

    • Stefan Jeschke says:

      Auch bei mir sind Farbsaettigung und Kontrast definitiv angehoben, und zwar bei allen Bildern ausser beim Original ganz oben. Entweder das ist ein Browserproblem (Farbmanagement im Firefox) oder Sofie hat das Bild schon beim import in ihre Editor gefiltert?

  4. bugsierer says:

    frage: gibt es ein schlaues tool, mit dem man einfachst den linienraster (drittelregel etc.) über ein bild legen kann? – ich prüfe viele bilder – um zu lernen – auf diesen punkt, muss aber die bilder immer in apples „foto“ importieren. kennt ihr eine einfachere lösung?

    Antworten
  5. Werner says:

    @Sofie: Der Beschnitt ist mMn goldrichtig! Die Lichtflecke zu entfernen ist natürlich vorteilhaft, da diese doch – aber nur etwas – ablenkend wirken. Ob die Anhebung von Kontrast und Farbsättigung unbedingt sein muss sehe ich eher kritisch. Ich glaube, ich hätte es bei der Originalstimmung belassen.

    Antworten

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