Vogelfotografie:
Telefoto mit Tücken

Vogel-Fotografie verlangt lange Brennweiten, kurze Zeiten und viel Geduld. Das zeigt dieses Amsel-Porträt anschaulich.

Amselfoto

Olympus E-PL3 ,  1/30s bei Blende 11 mit 800mm Brennweite und ISO 640

Gregor Boos aus Lübeck: Eigentlich wollte ich die Spechte bei uns im Stadtteil fotografieren, die zeigten sich aber nicht. Aber am Fuße des Baumes, in dem man die Spechte normalerweise sieht, waren verschiedene Vögel auf Futtersuche. Diese Amsel war etwa zehn Meter entfernt, so eine große Aufnahme war mir bisher noch nie möglich, also habe ich es einfach versucht.

Auch in der Fotografie darf man sich nicht zu sehr an seine Vorstellung des Ergebnisses festmachen, sondern man muss mal flexibel reagieren können. Das hast Du hier getan und statt der Spechte die Amsel abgelichtet. das Farbfoto zeigt einen jungen Vogel (so viel ich weiss, erkennbar am gelben Schnabel), der die linke untere Hälfte des Bildes ausfüllt. Dahinter ist in starker Unschärfe der natürliche Waldboden mit einigen hellgrünen Gräsern knapp erkennbar. 

Eben noch habe ich von der Freistellung in der Blumenfotografie gesprochen, jetzt schickst Du ein Vogelbild, in dem das Objekt durch Tiefen-Unschärfe freigestellt ist, wie sich das gehört.

Zur Technik: Wenn Deine Exif-Daten nicht lügen, wurde diese Aufnahme mit einem 800-Millimeter-Teleobjektiv (Affiliate-Link) aufgenommen, was einiges erklärt. Ich hätte nämlich ohne diese Information beklagt, dass der Vogel nicht ganz scharf ist. Das ist aber, grade bei solchen Aufnahmen, bei denen man den Tieren mit dem Fernrohr auf den Pelz oder die Federn rückt, unabdingbar: Für den Betrachter besteht der Wert der Aufnahme darin, dass er einem Tier einmal ganz genau ins Gefieder gucken, den Blick ergründen und die Schnabelhaltung studieren kann.

Auf Pixelgrösse eingezoomt zeigt sich die Unschärfe in der Fotografie.

Auf Pixelgrösse eingezoomt zeigt sich die Unschärfe in der Fotografie.

Wenn aber just das nicht möglich ist, weil das Motiv unscharf ist, verliert das Bild seinen ganzen Zweck. Das macht ja die Tierfotografie so aufwändig: Hinsetzen und abdrücken geht auch mit dem längsten Teleobjektiv nicht: Zuallererst braucht es eben Nähe zum Tier, weshalb Volgelfotografen oft Monate in Tarnzelten verbringen, das Teleobjektiv ist danach erst die zweite Stufe, um an das Bild heranzukommen.

Geduld ist besser Als ein Teleobjektiv

Falsch: Es ist sogar erst die dritte Stufe, denn die Zweite ist die Geduld, die Du aufbringen musst, um den perfekten Moment aus Deinem Versteck heraus zu beobachten und mit der technischen Ausrüstung einzufangen.

Natürlich kannst Du auch statt Spechten eine Amsel fotografieren, und Du kannst auch mit einem extrem langen Teleobjektiv die Distanz überbrücken. Die Chancen, ein wirklich faszinierendes Bild zu schiessen, nehmen aber mit dem Verzicht auf Planung und Geduld deutlich ab.

Der goldene Schnitt im Amselfoto

Der goldene Schnitt im Amselfoto

Wenn ich richtig vermute, ist das Teleobjektiv, das Du hier verwendet haben könntest, eins aus dieser Klasse. Diese Linsen müssen manuell scharfgestellt werden, sind von Haus aus nicht sonderlich scharf (bei dem Preis) und auch nicht sonderlich lichtstark. Das heisst, die Blende ist deswegen mit dem Wert 11 recht eng. Falls Du den Spielraum gehabt hättest, wäre diese Einstellung deutlich zu klein, ich hätte eine möglichst viel offenere Blende empfohlen – aber ich nehme an, Du hattest diese Wahl nicht.

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Der nächste Punkt, der eine direkte Folge der mangelnden Lichtstärke ist, besteht in der langen Belichtungszeit: 1/30 Sekunde ist viel zu lang, um einen sich schnell bewegenden Vogel abzulichten, selbst wenn er zwischendurch still hält. Und wenn sich nicht der Vogel bewegt in dem dreissigstel einer Sekunde, dann tut es Deine Hand, sofern die Kamera nicht auf einem Stativ montiert war: 1/30 ist auf 800mm nicht ohne Verwacklung zu belichten, auch nicht mit einer Kamera mit Stabilisator.

Was heisst das jetzt alles – sollst Du keine Vögel mehr fotografieren? Natürlich nicht.  Deine Komposition hier zeigt, dass Du das Auge hast, der Hintergrund mit den leuchtenden Gräsern kontrastiert gut zu der neugiereigen Amsel.

Aber Du musst über die Bücher, was den Einsatz Deiner Technik angeht. Wenn es Dir ernst ist, dann nimm  Dir die Spechte vor, aber mach das mit dem ganzen Aufwand, der zu einem tollen Bild führen kann: Studiere die Spechte und ihre Libelingsbäume, suche nach den besten Standorten, die Du einnehmen könntest, finde Vogelfotografen in Deiner Umgebung und frag Sie um Rat (oder bitte sie um ein Tarnzelt…).

Dann ersetze die lange Brennweite durch echte Nähe zu den Tieren, und setze die ganz langen Brennweiten lieber nur bei unbewegten Motiven ein. Stell den ISO-Wert höher, um kürzere Zeiten zu erhalten, und versuch die grösstmögliche Blende hinzukriegen.

 

7 Antworten
    • Peter Sennhauser says:

      Nö, das stand da nicht – macht aber nüscht, die Diskussion ist ja in Gang gekommen.. ;-)

  1. dierk
    dierk says:

    das kann keine Amsel sein, die sind schwarz.
    Ich dachte an eine Singdrossel, passt aber auch nicht ganz: https://de.wikipedia.org/wiki/Singdrossel

    Ich würde nie versuchen, so ein Bild zu machen, da es so unendlich viele super Fotos von Profis gibt, die mit der besten Ausrüstung Tage im Tarnzelt verbringen. Das ist nicht zu toppen und macht nur Frust, besonders, wenn es dann auch nicht richtig scharf wird. Und viel Kreativität ist dabei auch nicht gefordert.

    Antworten
    • Stefan Jeschke says:

      Hallo Dierk,

      es ist ziemlich sicher eine weibliche Amsel, schau mal das vierte Bild von oben an: https://de.wikipedia.org/wiki/Amsel
      Es ist auch sicher richtig, dass es extrem viele 1A Amselbilder von ambitionierten Hobbisten und Profies gibt (siehe z.B. das Forum fuer Naturfotografen), trotzdem hat das mit der Fotografie in Zusammenhang stehenden Naturerlebnis immer auch einen eigenen Reiz und das perfekte Foto steht da nicht fuer jeden im Vordergrund. Eine teure Ausruestung wird bei Steinadlern im Beuteanflug bei Schneeregen sicher einen riesen Unterschied machen, Amseln sind hier aber ein wirklich dankbareres Anfaenger(?)-Motiv welches ich auch schon mit einem Kit-Telezoom in durchaus ansprechender Qualitaet ablichten konnte.
      Und ja, einerseits gibts sicher viel Frust gerade am Anfang wenn die eigenen Bilder nicht so professionell rueberkommen. Aber hier gilt wie ueberall: wenns einfach waere, waere es auch nichts wert und uninteressant. Also dranbleiben und durchbeissen.
      Wegen der Kreativitaet: hier sehe ich noch eine Menge Potential in der Naturfotografie. Du hast recht: viele „Profifotos“ sind oft nur „perfekt scharfes Voegelchen/Insekt vor unscharfem Hintergrund in ansprechendem Licht“, was in der Tat eher eine Wiederholung der immer gleichen Grundidee ist. Aber ich sehe hier noch viel Spielraum nach oben, wie die jaehrlichen Austellungen/Workshops in Zingst oder Stapelfeld zeigen.

      Viele Gruesse,
      Stefan

    • Peter Sennhauser says:

      Ha! Und ich wollte schon ein Posting dazu machen: Immerhin sind ja auch bei der Landschaftsfotografie alle Landmarks -zig millionenfach fotografiert worden, und doch schafft es immer wieder eine Fotografin, ein anderes / ihr eigenes Bild zu machen. Oder jedenfalls sollte man es versuchen, wenn einen der Fototyp interessiert. Ich sehe das wie Stefan. Ähnlich ist es bei der Akt-Fotografie – da haben wir nun wirklich schon alles gesehen, und trotzdem kann man auch dieses Genre weiterentwickeln oder wenigstens nach einem eigenen Stil suchen.

    • Peter Sennhauser says:

      Nun, Gregor, das ist dann eine etwas andere Geschichte – allerdings wäre es ideal gewesen, wenn Du das mit der Einreichung des Bildes mitgeteilt hättest.
      Ich habe keine Erfahrung mit der Nutzung von Spektiven als Objektive, kann demnach nichts zur Blende etc sagen, die mit dem doch hochwertigen gerät eingestellt werden kann.

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