Landschaft mit Bäumen:
Der eine so, der andere so

Natürliche Allegorien sind eine nette Spielart der Landschaftsfotografie. Diese Aufnahme besticht ebenso durch das Motiv wie durch die simple, aber wirksame Komposition.

Landschaftsfotografie

Olympus E-M5Mark II 1/1000s bei Blende 7 mit 40mm Brennweite und ISO 200

Kirsten Heinrich aus Weinheim schreibt : Bei einer Tour über Land bin ich auf diese Ansicht gestoßen, die mich faszinierte. Am Rechner habe ich sie im Anschluss nach meiner Vorliebe noch etwas warmtoniger gemacht und leicht entsättigt.

Wenn sich die Natur so arrangiert, dass wir Menschen in ihr einen Hinweis auf unsere Wesensart finden, muss man das als Fotografin zuerst sehen und dann richtig ablichten. Was hier wie eine selbstverständliches Motiv wirkt, ist in Tat und Wahrheit nämlich wahrscheinlich nur aus wenigen Perspektiven so zu sehen, und es fällt uns erst auf die Art und Weise auf, weil Du es so komponiert hast. 

In dieser Farbfotografie sind zwei Bäume in einer Graslandschaft zu sehen. Es sind zwei junge Bäume, der eine gleichförmig in Lindenblatt-Belaubung, der andere etwas eigensinniger, knorriger, noch weitgehend ohne Laub (es scheint Frühling zu sein) und mit einem kleinen Busch am Stamm gesäumt. Die beiden stehen ziemlich genau am Horizont der sehr flachen Landschaft, die nur gerade das unterste Achtel der Bildkomposition wie ein grünes Band belegt. Der Rest des Bildes besteht aus Himmel, blauem himmel im rechten Bildteil, mit einer sich von links hereinschiebenden weissen Bewölkung, vor der sich die beiden Bäume stark abzeichnen.

Ich wiederhole mich gerne: So einfach und wirksam wie das Bild auf den ersten Blick wirkt, so muss es in der Landschaft nicht ohne weiteres wahrgenommen werden können!  Dir hat sich das ungleiche Nebeneinander erschlossen, und Du hast es in einer einfachen Komposition zusammengebracht mit dem Himmel und der Weite der Landschaft.

Sonniger Tag ist in der Regel für Landschaftsfotografie nicht ideal, aber Du hast Glück oder die Geduld gehabt für eine Situation, in der die Sonne grade so verdeckt war, dass der massgebende Bildausschnitt nicht durch überhohen Kontrast und harte Schatten gestört wird. Blende 7 bei 1/1000s und ISO 200 scheinen vernünftige Einstellungen; die Olympus E-M5 Mark II (Affiliate-Link) hat einen Four Thirds-Sensor mit Cropfaktor 2, das heisst, Deine Brennweite von 40mm entspricht einem leichten Tele von 80mm (ursprünglich hier fälschlich beschrieben als Cropfaktor 1.6 und damit 64mm). Das passt hier durchaus, ein Weitwinkel hätte dich an die beiden Bäume herangezwungen und/oder die Landschaft dahinter und davor noch weiter ausgedehnt.

 

Gelungene Aufteilung des Bildes

Gelungene Aufteilung des Bildes

Sehr gelungen finde ich das Arrangement des knappen Vordergrunds, der nur als Streifen seine Aufgabe erfüllt: Die Flachheit der Landschaft zu demonstrieren (die Umkehrung ist ebenfalls möglich) und eine gewisse Distanz zu den beiden Individuen herzustellen. Die sind sehr effektiv auf diesen Horizont aufgesetzt und im rechten Drittel, etwas ausserhalb des Goldenen Schnitts arrangiert. Genug um Bildinnern, um sie isoliert wirken zu lassen und den Gegensatz zu betonen, aber zum Glück nicht mittig.

Wenn man die verschiedenen Bildschnitt-Massstäbe über das Bild legt erkennt man, dass die Bäume sehr genau in der Mitte der Goldenen Spirale liegen. Das entspricht hier auch dem Fluss des Blicks eines Betrachters, von unten links im Bogen über den bewölkten Himmel, der ein Dreieck nach unten rechts bildet, dort hinab zu den Bäumen.

Problemzonen: Schmutz, Wolken-Leck, Strassenrandmarkierung.

Problemzonen: Schmutz, Wolken-Leck, Strassenrandmarkierung.

Im Ausschnitt sind derzeit einige Problemzonen zu erkennen: Zunächst oben links ein Sensor- oder Objektfleck, den wegzuklonen sich lohnen würde, und die gerade noch zu erkennende leichte Streifbewölkung, die wie ein Leck am Bildrand wirkt. Das Wölklein über den beiden Bäumen könnte man als spannenden Kontrapunkt bezeichnen.

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Ich bin sicher, dass mir heftigst widersprochen wird, wenn ich dafür plädiere, den ganzen Ausschnitt gleichmässig zu verengen, um diese Wolke auszulassen. Und schliesslich ist unten links eine Strassenmarkierung mitten im Grasland zu sehen, die mit dem leichten Beschnitt ebenfalls eliminiert würde.

Beschnitt in der bestehenden Komposition

Beschnitt in der bestehenden Komposition

Die allegorische Bildaussage verführt erin bisschen zu Spielen mit noch stärker grafischer Anmutung – Schwarz-Weiss etwa; aber ich bin der Ansicht, das hat die Aufnahme nicht nötig, im Gegenteil, sie wirkt dann rasch wie eine Montage: Der Silhouettencharakter ist gegeben, man muss ihn nicht weiter verstärken.

Schwarz-Weiss-Umwandlung mit Blaufilter

Allerdings habe ich gewohnheitsmässig den Regler „Klarheit“ im Register „Präsenz“ etwas nach rechts hin zu stärkerem Detailkontrast gezogen, was ich mit meiner Landschaftsfotografie meist tue. Hier aber stellt sich heraus, dass mehr Konturen in den Wolken das Bild ausgleichen, statt das Motiv herauszuheben: Ich habe deshalb herumgespielt und den Regler nach links gezogen, die Wolken damit sehr luftig und weich werden lassen und halte das für einen gangbaren Weg.

Jedenfalls eine gelungene Aufnahme mit dem Zeug zum Grossformat-Druck.

Weichgezeichnete Wolken, leichter Beschnitt.

Weichgezeichnete Wolken, leichter Beschnitt.

8 Antworten
  1. kirsten says:

    jetzt bin ich doch ein wenig beruhigt, dass ich den cropfaktor richtig im kopf gehabt hatte – ich war beim lesen irritiert, habs aber dann nicht mehr hinterfragt…. ;-)

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  2. alexpicturegraphix says:

    Ich empfinde die Komposition als absolut gelungen und die Bearbeitungsschritte als abschließend. Wirklich tolles Foto und ich schließe mich Peter an: das muss man erst mal entdecken. Etwas was mir selbst leider viel zu oft ab geht. Einzig den Linsenfleck sowie die Straßenmarkierung hätte ich entfernt. Und zusätzlich, wahrscheinlich, noch die einzelne Wolke in Verlängerung des rechten Baumes.
    Eins nur @Peter, die Oly 10 Mk II hat, wie alle Oly´s, keinen APS-C-Sensor sondern bedient das MFT-Format. Der Crop-Faktor liegt damit bei 2 und die Brennweite (auf Kleinbild) bei 80mm.

    Viele Grüße

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    • alexpicturegraphix says:

      Insgesamt scheint da aber ein bisschen was mit der Bezeichnung der verwendeten Kamera durcheinander gekommen zu sein… Canon/Olympus/EM5 Mk II/EM10 MkII

    • Peter Sennhauser says:

      Danke, Alex, Du hast vollkommen recht – ich habe die Bezeichnungen und den Cropfaktor durcheinander gebracht. Ist jetzt korrigiert.

  3. kirsten says:

    @dierk, ich finde jede diskussion anregend, und praktisch am bild ist das wesentlich effektiver, als theoretisch ;-) – von daher: feel free…

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  4. dierk
    dierk says:

    Es ist doch interessant, wie viele Sichtweisen und Ansichten zu so einem „einfachen“ Bild möglich sind!

    Noch interessanter wäre es, wenn hier nicht nur geguckt (konsumiert) wird sondern auch andere Meinungen in Kommentaren kommen würden, also „Feel free to contribute!“

    Peter, heute war hier der Himmel, den du emulieren wolltest und ich habe das mal aufgenommen (aber leider nicht so schöne Bäumchen gefunden :-)
    Leider wird es auch nicht den Preis erzielen wie Andreas Gursky (als besonderes Beispiel für so einen Himmel):
    http://www.stilpirat.de/das-teuerste-foto-der-welt-andreas-gursky-rhein-ii/

    Bei mir geht es eben nicht ohne Wolken
    https://c1.staticflickr.com/3/2909/13432404375_f954c008c6_b.jpg

    https://c1.staticflickr.com/1/438/19451246766_d030aa6478_b.jpg

    img2016_07_16_144340

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  5. dierk
    dierk says:

    ich hätte eine etwas längere Brennweite genommen oder etwas näher ran. So etwa wie bei dem Bild „Beschnitt in der bestehenden Komposition“.

    Und dieses Bild ist natürlich ideal für S/W, vielleicht sogar mit Pol-Filter (habe ich aber auch meistens nicht dabei).

    Peter, das du einen Blaufilter eingesetzt hast, überrascht mich sehr. Den habe ich noch nie verwendet, da er das Blau des Himmels völlig auswäscht. Ich nehme bei solchen Bildern immer einen starken Rot-Fliter (natürlich eine Emulation in z.B. Nik Silver Efex oder LR) und mit Nik dunkle ich das Himmelsblau durch UPoint Masken noch weiter ab. So habe ich es hier gemacht. Ich liebe dramatische Wolken, die habe ich durch Ansel Adams entdeckt :-)

    Ich habe nur das bearbeitete Bild speichern können, nicht das Original, und weiß auch nicht, ob es Kirsten recht ist, wenn an den Bildern „gefummelt“ wird. Bitte ggf. löschen, Peter!
    VG
    dierk

    OLYMPUS DIGITAL CAMERA

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    • Peter Sennhauser says:

      Hat mich auch überrascht, Dierk, aber mir gings genau darum, den Himmel auszuwaschen: In der „Umkehrversion“ wird der Himmel nämlich so dunkel, dass er die beiden Bäume konkurrenziert. Die überdramatisierten Wolken sind meiner Ansicht nach zu oft missbraucht worden, um eine langweilige Landschaft zu pfeffern. Hier sind die Bäume die Protagonisten, und die Wolken dürfen assistieren, sollen aber nicht mehr tun. Aus dem gleichen Grund finde ich die Umwandlung in S/W hier überflüssig, die „natürlich“ wäre: Wenn doch schon Silhouette vorhanden ist, muss man sie nicht noch durch den Entzug der Farbe betonen. Anders gesagt: Die von Dir gezeigte Version ist just das, was „zu erwarten“ wäre, ich finde aber Motiv und Komposition so stark, dass sie einen anderen Weg gehen können. Und ich fand’s bemerkenswret, dass Kirsten den Weg bereits gegangen ist.

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