Selbstporträt mit Wasser:
Ein langsamer Blitz

Wer kein Modell hat, muss sich was einfallen lassen – ein Selbstporträt unter der Dusche etwa. Diese Fotografie hier besticht als Low-Key-Aufnahme mit extrem nassem Wasser.

Canon EOS 60D, 50mm mit 1/250s bei F/4 mit und  ISO 100, © Manuel Stülten

Canon EOS 60D, 50mm mit 1/250s bei F/4 mit und  ISO 100, © Manuel Stülten

Manuel Stülten aus Hamburg: Ich beschäftige mich seit kurzer Zeit mehr mit der Portrait-/Peoplefotografie und habe im Zuge dessen auf unterschiedliche Weisen mit Wasser herumexperimentiert. Dieses Bild ist ein Selbstportrait, das mehr aus dem Fehlen eines Models entstand. Aufgenommen mit einem Blitz mit Standardreflektor und Wabe (Affiliate-Link) ohne zusätzliche Aufhellung in der heimischen Dusche.

Ein bärtiger junger Mann ist in dunkler Nacht in einen Platzregen geraten: Dieses Schwarz-Weiss-Foto zeigt das Gesicht des Mannes in Rembrandt-Beleuchtung von links. Der Mann blickt direkt in die Kamera. Sein Gesicht trieft von Wasser, das in wahren Sturzbächen vor allem von den Augenbrauen fliesst.

Aus technischer Sicht ist diese Aufnahme mehrfach interessant: Man kann sich fragen, wie Du es geschafft hast, den Fokus genau auf dem Auge zu setzen, und wie Du bei manueller Einstellung zur richtigen Belichtung gekommen bist. Du sagst, dass Du herumexperimentierst, und die Digitaltechnik lässt erfreulicherweise heute solche Experimente zu, bei denen man sich an das Resultat herantastet.

Was auffällt, ist die lange Belichtungszeit mit dem bereits in der Bewegung verwischten Wasser. Was das Bild zu einem guten Teil ausmacht, ist die Mischung der gestochen scharfen Tropfen, wie dem über dem rechten Auge oder des einen Rinnsals von Deiner Stirn, im Kontrast zu den Spritzern, die in der Bewegung völlig verwischt sind. Wenn man etwas kritisieren muss, dann sind es die Glanzstellen im Wasser, die vor allem auf der Stirn flächig werden und vielleicht mit einer anderen Stellung des Lichteinfalls hätten vermieden oder in der Nachbearbeitung eliminiert werden können.

ShowerShotglanz

Mich interessiert aber vor allem der Zusammenhang zwischen Belichtungszeit und Blitz. Eine zweihundertfünfzigstel Sekunde reicht aus, um fallendes Wasser zu verwischen. Aber ich hielt den Blitz für zu schnell, als dass das in so einem Bild möglich wäre:

Immerhin scheinst Du keine weitere Lichtquelle als den Blitz benutzt zu haben (wobei ich annehme, dass es in der Dusche nicht stockdunkel war). Nun ist es aber so, dass ein Elektronenblitz durchaus eine gewisse Dauer anhält. Selbst natürliche Blitze dauern ja lang genug, dass man sie mit Sensoren erfassen und die Kamera noch vor erlöschen des Blitzes auslösen kann.

Tatsächlich ist sogar die Intensität des Blitzes nicht in Form eines höheren Outputs einzustellen, sondern in der gleichen Intensität, aber über einen längeren Zeitraum, erklärt uns jedenfalls Sam in diesem Artikel über Blitz-Abrenndauer in seinem sehr interessanten Blog.

Ich Schliesse aus diesen Ausführungen, dass es innerhalb einer gewissen Bandbreite durchaus möglich ist, „Langzeitblitz“-Aufnahmen zu machen. Und zwar jenseits der Technik, bei welcher die Belichtungsdauer über den Blitz hinaus gestreckt wird und der Blitz so ausgelöst wird, dass er endet, wenn der zweite Vorhang fällt (rear flash). Gehen wir davon aus, dass fallendes Wasser mit 50mm bei einer 800stel Sekunde vollständig eingefroren wäre, dann hättest Du hier mit höherer ISO und/oder weiter geöffneter Blende und entsprechend eingestellter Zeit ein ganz anderes als das triefend nasse Bild erhalten. Vielleicht weiss jemand in der Leserschaft mehr dazu?

Womit ich nicht sagen will, dass diese Aufnahme nicht gefällt, ganz im Gegenteil. der Wassereffekt macht zusammen mit dem Low-Key ein Film-Noir-Foto daraus, das sofort auffällt.

ShowerShothoch ShowerShoteng ShowerShotaugen

Allenfalls kann man sich fragen, ob ein anderer Beschnitt das Gesicht nicht noch wirksamer werden liesse. Die Augenpartie ist nun mal das erste, was man anschaut, und dort hast Du mit den Tropfen einen starken Effekt erreicht, der beispielsweise vom Nackenansatz und der Ohrenpartie eher wieder abgeschwächt wird.

Auf alle Fälle kann man sagen, Du hast ein spannendes Setting für ein Shooting mit Modellen entdeckt. Ich kann mir vorstellen, dass eine Serie solcher Fotos mit verschiedenen Menschen äusserst einprägsam wirken würde.

Fragt sich nur, ob Du deine Modelle so ohne weiteres unter die Dusche kriegst.

 

6 Antworten
  1. Jonny Michel says:

    @dierk: Zum starken Foto hast Du Dich doch schon geäußert. Warum sollte ich das wiederholen? Ich hatte das Foto im Photoshop geöffnet und stark vergrößert. Und da zeigten einige Punkte eine typische Hotpixel-Struktur. Übrigens auch im linken schwarzen Bereich. Dort hatte ich sie zuerst ausgemacht. Mir ist es ja bei dieser kurzen Belichtungszeit auch schleierhaft. Deshalb tippe ich auf einen Sensorfehler.

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  2. Jonny Michel says:

    Viele weißen Flecke auf dem Foto sind aber keine verwischten Wassertropfen, sondern Hotpixel. Die sollten natürliche retuschiert werden. Außerdem wäre zu raten, die Kamera mal checken zu lassen; denn bei der kurzen Belichtungszeit dürften Hotpixel in solch gehäufter Fülle nicht auftreten – außer die Aufnahme ist in der Sauna entstanden.

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    • dierk says:

      das ist eine gewagte Behauptung!

      Es ist zwar eine sehr alte Kamera (von 2002) mit nur 6 MPixel, aber wenn es „Hotpixel“ wären, warum dann nur da, wo angeblitzte Wasserspritzer sind und nicht in dem linken schwarzen Bereich? Von der kurzen Belichtungszeit und ISO 100 ganz zu schweigen.
      https://www.dpreview.com/products/canon/slrs/canon_eosd60

      Du siehst nur diese „hot pixel“, ein starkes Foto siehst du nicht?

  3. dierk says:

    ich kann nur sagen: starkes Portrait, starke Idee und fast perfekte Umsetzung (fast wegen der Flecken auf der Stirn)!!

    Das brutale Seitenlicht passt zu dem Gesicht und dem Ausdruck. Den dunklen Raum links finde ich auch sehr gut, der unterstreicht die hohen Kontraste und die etwas düstere Stimmung noch mehr. Die Schärfe sitzt perfekt! Ebenso die Wassertropfen. Noch einmal: tolle Idee und Umsetzung. Einzig die Überstrahlungen auf der Stirn sind störend, könnten aber sicher leicht aus dem umliegenden Bereich entfernt werden.

    Wenn ich so etwas unter meiner Dusche aufnehmen würde, kämen die Reflexionen von allen Seiten und das Licht wäre langweilig. Hast du die Dusche schwarz ausgekleidet für das Bild oder ist es eine Außendusche, was ich eher annehme?

    Eine manuelle Blitzbelichtung habe ich nicht aus der Beschreibung heraus gelesen. Meine D3 hatte eine Funktion, in der man einen TTL Testblitz auslöste und die Einstellung konnte für die nachfolgenden Bilder gespeichert bleiben. Sollte also mit jedem Blitz kein Problem sein, die Synchronzeit von 1/250 sec. ist bei APS-C sicher normal und jeder Blitz dürfte da auf diese Entfernung kürzer sein.

    Die anderen Ausschnitte gefallen mir weniger, obwohl ich Portraits oft sogar mit dem Makro mache und nah ran gehe. Wie gesagt, der dunkle schwarze Raum links passt für mich gut.

    Komm doch mal nach Reinfeld, ich bin auch immer auf der Suche nach „Opfern“. Studio mit Blitzen und Zeiss 1.4/85mm OTUS und Zeiss Makro Planar 2/100m mit Canon Anschluss sind vorhanden :-)
    Meine Portraits sind hier:
    https://www.flickr.com/photos/dierktopp/albums/72157627967118544

    VG
    dierk

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  4. Werner says:

    Wieder einmal ein starkes Bild! Bildmäßig und technisch wirklich gut. Ist schon toll, wie der Augenfocus auf dem Punkt sitzt. Und ja, die ausgebrannten Stellen auf der Stirn stören schon. Sind vielleicht dem antiquierten Sensor der Canon geschuldet. Vom Beschnitt her würde ich den Vorschlag „Objekt 4 von 5“ bevorzugen, weil dabei die Verhältnisse von Stirn (abgeschnittener Haaransatz) zu Kinn (dafür voller Bart) harmonischer wirken.

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  1. […] meisten beeindruckt haben. Auf dem ersten Platz liegt, wenig verwunderlich, das bereits in einer Kritik gewürdigte Nass-Selbstporträt „Rainshower“. Dicht dahinter folgen ein halbabstraktes Street-Bild, eine Konzeptfotografie, eine grafisch […]

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