Geschichten im Kopf:
Keine Kritik nötig

Ein Bild wirkt nicht durch tot-optimierte Tonwerte und Farben mit schärfsten Konturen inhaltsloser Fotos, sondern dadurch, dass seine Bilder eine Geschichte erzählen.

Ohne eine Spur von Reue verließ Frau Emma den Tatort!

Ohne eine Spur von Reue verließ Frau Emma den Tatort!

Franz Schmied aus Ottensheim schreibt zu diesem Bild: „war baden!“

Eingereicht unter der Rubrik „Bildjournalismus“, stach mir dieses Bild unter einer breiten Masse von Fotos ins Auge, ohne dass ich auf den  Namen des Autors geschaut hätte.

Ein typischer „Franz“, dachte ich, als ich das Bild sah! Franz kenne ihn schon seit ein paar Jahren aus den sozialen Medien, wie facebook und der fotocommunity, habe ihm aber leider persönlich noch nie gegenübergestanden.

Was bedeutet „typisch“? Franz Schmied, wir berichteten schon mal über ihn und seine Bilder, prägt eine deutliche Handschrift (symbolisch gemeint). So deutlich, dass seine Bilder aus der Masse von Bildern hervorstechen und erkannt werden. Sein Wiedererkennungsfaktor ist hoch!

Nicht durch tot-optimierte Tonwerte und Farben mit schärfsten Konturen inhaltsloser Fotos, sondern dadurch, dass seine Bilder eine Geschichte erzählen. Hier braucht man keine Kameradaten: „Mit welcher Blende und Belichtungszeit hast du das fotografiert? Bei welchem ISO-Wert? Mit DER Kamera?“

Alles egal! Ob so fotografiert oder in Photoshop montiert: Hier zählt NUR das Bild in seiner Wirkung.

Die Bildtitel sind bei Franz Schmied genauso wichtig wie der schwarze Trauerrand um dieses Bild oder abgesoffene Schwärzen. Situationkomik machen seine Bilder zum Hingucker, abseits jedes Fotowettbewerbs oder DVF-Gehabes (Deutscher Verband für Fotografie).

Alleine der Titel „Ohne eine Spur von Reue verließ Frau Emma den Tatort!“ legt eine ganze Story ins Bild.

Ein auf der Wiese liegender Sonnenbader wird zum „Opfer“ und eine vorbeilaufende Gestalt mit Tasche zu „Frau Emma“, der Täterin. „Job erledigt, ich zieh dann ab“, ist das was ich jetzt hier reininterpretiere, doch das ist Ansichtssache; interpretieren kann jeder wie er will bei einem typischen „Franz“.

Bildkritik: Kann ich keine abgeben, denn das Bild ist und bleibt so, wie Franz es „gemacht“ hat. Ob’s gefällt oder nicht.

So ist das bei Kunst.

Was haltet ihr von solchen Bildern abseits des Mainstreams?

7 Antworten
  1. Oliver Korb says:

    Mehr von solchen Bildern. Das Foto regt zum Überlegen an: Schnappschuss oder inszeniert, bearbeitet oder nicht, u.s.w.u.s.f. An so einem Bild bleibt man hängen, schaut zweimal, dreimal hin. Technisch perfekte Bilder brauche ich evtl. im Katalog oder für Dokumentationszwecke. Meistens sind die aber gähnend langweilig.

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  2. Michael Gündling says:

    Ja, ein tolles Bild, ein auffälliges Bild, ein aus der Masse heraus fallendes Foto, ohne Frage. Ich kann mich auch nicht der suggestiven Kraft dieser Aufnahme entziehen!

    Dazu keine Kritik, aber zwei Bemerkungen, die sich eher auf meinem persönlichem Geschmack beziehen: Ich finde auffällige Bilder nicht per se ein Qualitätsmerkmal. Insbesondere dann, wenn der Betrachter zu stark auch mit photographischen Mitteln manipuliert werden soll. Bilder sind zum Betrachten da, und für den Betrachter muss Raum bleiben, Feinheiten zu entdecken, Beobachtungen zu machen – und ja, auch für sich ein Bild zu interpretieren. Dazu die nächste Bemerkung: Ich finde den Bildtitel furchtbar, er engt meine Vorstellung, meine Phantasie ein, er will zeigen, wie ich ein Bild zu interpretieren habe. Deshalb mag ich „offene“ Titel oder eben gar keine.

    Deshalb mag ich feinere Fotografien, die nicht sofort ins Auge springen. Es ist eine Tendenz unserer Zeit möglichst aufzufallen, ein Bestreben aus der Masse heraus zu stechen. Aber das verweilende Betrachten, um damit dass zu entdecken, was Roland Barthes das „Punctum“ nannte, das bleibt auf der Strecke.

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    • Carsten Schröder
      Carsten Schröder says:

      …natürlich hat jeder Stil seine Berechtigung und nur weil ein Bild „anders“ ist als andere, ist es auch nicht automatisch ein gutes Bild.
      Hier ist, meiner Meinung nach, der Bildtitel (ausnahmsweise) Bestandteil des Bildes. Interpretationen im Rahmen des Bildes/Titel sind Phantasie des Betrachters.

  3. Heiko says:

    Ich schließe mich sowohl Carsten (nur das Bild in seiner Wirkung) als auch Peter (hätte ich nicht gesehen) an. Ich weiß nicht, ob man das „fotografische Auge“, dieses intuitive Erkennen einer passenden Situation, trainieren kann (wenn ja, darf ich ja noch hoffen…). Aber das Erzählen ganzer Geschichten einem einzigen Bild finde ich bewundernswert. Mir öffnet sich eine ganze Welt hinter diesem Bild. Was hat dazu geführt, das Frau Emma an einem Tatort zugegen ist? Zufall, Geldgier, Eifersucht? Steckt gar das Haupt des Mannes in ihrer Handtasche, die groß genug dafür scheint? Wie wird es mit ihr weitergehen? Hat sie ihre Flucht präzise geplant? Oder stellt sie sich der Polizei? Oder ist sie nur eine Zeugin, die ihr Wissen für sich behalten wird?

    Das alles finde ich viel „gehaltvoller“ als technische Perfektion. Ich habe vor einiger Zeit die sehr schönen Bilder auf 500px.com oder der Heise Fotogalerie immer wieder betrachtet. Nach einer Weile habe ich damit aufgehört, ohne richtig zu wissen warum. Es scheint mir jetzt klar, dass das daran lag, dass es sich um leere Hochglanz-Hüllen handelt (am ehesten macht mMn „Pixelmaedchen“ in der Heise Fotogalerie noch eine Ausnahme davon). Technisch perfekt ausgeführt, Blende, Belichtung, Fokus, Ausschnitt – alles ohne Makel. Aber eben auch ohne Geschichte. (Vielleicht habe ich aber einfach nicht richtig geschaut – wer gute Gegenbeispiele nennen kann, könnte ja hier im Forum Hinweise geben?).

    Für mich ist das ein tolles Bild, weil es Witz hat.

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    • Carsten Schröder says:

      Ja, da hast du Recht!
      Vieles kann man aber durch Übung erlernen. Ich versuche in meinen Kursen und Workshops immer den Blick auf das Motiv zu schärfen. Man läßt sich oft von der Umgebung und durch „Schnelligkeit“ der Aufnahme irritieren. Läßt man sich auf ein Motiv ein und übt Geduld, was natürlich nicht bei allen Fotos funktioniert, wird die Bildqualität besser. Nutzt man ein Stativ, obwohl man es eigentlich nicht benötigt (unsere Kameras können ja heute technisch schon sehr viel), werden die Fotos qualitativ viel besser! Eine bewußtere Motiv- bzw. Bildausschnittswahl und mit Stativ auch ein entschleunigtes fotografieren, bringen mehr als jede neue Kameratechnik.
      Alleine schon sich z.B. in einer Stadt auf EINEN Platz zu stellen und 10 (oder 15) Motive von diesem Standpunkt aus zu suchen und bildlich umzusetzen, schärft das Auge ungemein.
      Probiers mal in einer ruhigen Minute aus.

  4. Peter says:

    Mir gefällt so etwas, auch weil ich es selber wahrscheinlich nicht zusammenbrächte und (vor allem) nicht sähe. Mir fällt in Facebook-communities auf, dass beispielsweise Landschaftsfotos nur noch „ins Irreale übersteigert“ gezeigt werden, was nicht meine Sache ist.

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