Abendsonne auf Sizilien:
Abstrakt durch Licht

Urlaubsfoto ganz anders: Wer genau hinsieht, findet selbst in den Aussenwänden des Bungalows der Unterkunft ein spannendes Spiel von Formen und Farben.

Abendsonne

Abendsonne auf Sizilien – Hausteil, © Rolf Kretzschmar

Rolf Kretzschmar aus Aachen schreibt zu diesem Bild: Der Titel sagt, was das Foto zeigt. Es wurde ohne Stativ fotografiert. Das Motiv (abgesetzter Kamin am gemieteten Bungalow) hatte ich schon einige Tage beobachtet. Meistens störten Wolken die räumliche Klarheit.
An diesem Spätnachmittag stimmte es für mein Empfinden.

Urlaubsbilder sind gerne eher etwas für Instagram – wir selbst haben vielleicht noch vor Augen, was wir beim Anblick der Szene empfunden haben; was aber oft nur bleibt ist ein Schnappschuss, der schnell ad acta gelegt wird. Aus diesem Grund habe ich meine Kamera mittlerweile eher nur noch für Momente wie diesen dabei, den Du hier eingefangen hast. Sie ist gewissermaßen mein Skizzenblock und nicht unbedingt dafür gemacht, einen Augenblick im Urlaub einzufrieren, sondern wie hier ein davon abgesetztes Motiv zu erkunden.

Im Foto waren leider keine EXIF-Daten mitgeliefert, also kann ich mich diesbezüglich nicht weiter äußern. Wohl äußern kann ich mich über die Nachbearbeitung.

Die Bestellung einer Premium-Bildbesprechung ist die Garantie, dass Deine Fotografie binnen fünf Tagen von uns besprochen wird. Du erhältst die Kritik ausserdem als ansprechend formatiertes PDF zugesandt. Jetzt anfordern!

Du hast uns Deine Aufnahme versehen mit einem dicken weißen Rand eingereicht, der gleich einem Passepartout das eigentliche Foto einrahmt. Dieses hast Du noch zusätzlich mit schwarzen Linien versehen.

Ich weiß persönlich nie, was ich als Betrachter mit solchen digitalen Rahmen machen soll. Dein Motiv wirkt dadurch nicht stärker, es gewinnt nichts hinzu. Natürlich respektiere ich Deine Entscheidung, aber als Anregung: lass ihn weg.

Für die weitere Analyse des Fotos habe ich, so oder so, den Rahmen abgetrennt.

Was auch immer Du als Programm für das Hinzufügen des Rahmens benutzt hast, Du scheinst sonst nicht viel mit der Aufnahme gemacht zu haben. Es ist mir entschieden zu blass, auch als Abstrakt. Du hast dieses Himmelblau und das Goldgelb im Foto angelegt, aber Du hast sie nicht ausgearbeitet.
Mit erhöhtem Kontrast und Farbsättigung sähe das Bild so aus:

sizilien1

Bei näherer Betrachtung sieht man, dass Du die gelbe Stelle praktisch in der Bildmitte (hellblau) angeordnet hast (Goldener Schnitt in rosa, Drittelregel in grün). Die Mauern (graue Flächen) dominieren fast zwei Drittel des Fotos.

sizilien2drittel

Durch die Art der Aufnahme wird aus dem Motiv ein Abstrakt. Man sieht nicht mehr das Gebäude, man sieht nur noch die Flächen und Linien. Auch aus diesem Grund hätte ich den Kontrast und die Farbsättigung angehoben, denn Du hast sonst nichts, was das Bild trägt.

Die leicht kippende Linie links verstärkt zusätzlich den abstrakten Charakter des Fotos. Hättest Du eine Architekturaufnahme angestrebt, wäre das Kippen als Mangel anzusehen.

Wegen der sehr spartanischen Komposition fallen mir zwei Dinge sofort auf: oben ist ein Teil eines großen dunklen Flecks zu sehen (roter Pfeil). Nicht viel davon, aber genug, um ihn zu bemerken. Weiterhin verläuft in der Spitze des blauen Dreiecks ein kleiner Strich (blauer Pfeil).

sizilienprobleme

Tatsächlich handelt es sich wohl bei letzterem um ein Teil des Daches, und man könnte argumentieren, dass Dein Foto dadurch gewinnt, weil es noch mehr visuelles Interesse bedeutet. Ich denke jedoch nicht.

Ich habe erst einmal das Fleckfragment oben weggestempelt. Die nächste Frage, die sich sodann stellt, ist eben die der kleinen Linie. Meines Erachtens ist sie nicht genug vorhanden, um etwas beizutragen.Aus diesem Grund habe ich auch sie entfernt, mit diesem Ergebnis:

sizilienklonen

Wie erwartet fällt ihr Fehlen nicht auf, und ich würde sie entsprechend eliminieren. Man könnte die Aufnahme jetzt so lassen, oder noch ein paar Schritte weitergehen.

Die fokussiert.com-Bildkritik ist die Besprechung einer von Leserseite eingesandten Fotografie. Sie zeigt Tipps und Tricks zu Technik, Komposition und Nachbearbeitung. Sie wollen dabei sein? Reichen Sie Ihre Fotografie ein. Oder buchen Sie eine private Kritik.

Erstens einmal gibt es links am Gebäuderand einen sehr dünnen, hellen Strich, hervorgerufen durch den Lichteinfall:

Dieser Strich findet sich rechts nicht, also habe ich ihn als dunkles „Echo“ mit hineingebracht:
Weil Du hier mit Geometrie spielst, wie auch mit Komplementärfarben, braucht der helle Strich nach meinem Empfinden ein Gegenstück, so, wie das Blau im Gelb/Orange oder die Farben an sich abgehoben gegen das beinahe Graue der Mauern. Auch diese Veränderung mag vielleicht nicht wirklich bemerkbar sein, aber jetzt wäre das Foto für mich fast perfekt.

siziliengelbelinie sizilienecho

Das einzige, was ich noch geändert habe, ist die Farbsättigung der eigentlichen Wand zurückzunehmen – aber nicht so, dass daraus Color Key wird:

sizilienkontrastundsaettigung

Wenn Dir das Bild in Farbe so gefällt, würde ich hier aufhören. Es ist gut so, wie es ist, und ich könnte es mir eingerahmt an einer Wand vorstellen.

Oder Du gehst noch einen Schritt weiter und verwandelst es in Schwarzweiß:

siziliensw

Auch das hat seinen Reiz, aber es ist ein vollkommen anderes Foto. Ich persönlich habe ein Faible für Monochromes; es kommt deshalb letztlich auf Deinen Geschmack an.

8 Antworten
  1. Peter Sennhauser says:

    Ich habe das Bild unabhängig von Sofie begutachtet und bin zu den genau gleichen Schlüssen gekommen, was etwa die gelbe Linie angeht und die Sättigung der Farben. Was ich explizit betont hätte, ist just die schräge Linie, die das Bild nebst andern Dingen eben genau von einem Architekturfoto abhebt.
    Ich finde dies eine aussergewöhnliche Fotografie und ich halte die komplementärfarben für grundlegend wichtig – insofern hier kein Monochrombild.

    Antworten
  2. Schwarzer Wald says:

    Ein schönes abstraktes Architekturdetail. Das der Himmel blauer gezogen wird, verstärkt nochmal.
    Ich empfinde die hellen Wandflächen im Original aber für das graphische Motiv aber deutlich passender als die Dramatisierung der Farben drr Abendsonne. Das verkitscht m.E. die flächige Komposition unnötig.
    Eine Begradigung wäre technisch sicher richtig. Ich fürchte aber, das Bild würde an Spannung verlieren.

    Antworten
  3. Werner says:

    Es ist ja alles Geschmacksache und meine Version hat mit „Abendsonne“ auch nicht mehr viel zu tun, aber ich hätte es einfach etwas dramatischer angelegt. Auch wollte ich sehen, wie es aussieht, wenn die senkrechte Linie gerade gerückt wird. Man möge mir meine Schludrigkeiten beim PS-Stempeln vergeben, aber allzuviel Zeit wollte ich hier ebenfalls nicht investieren.

    abendsonne-sizilien

    Antworten
  4. Dana says:

    Ein gutes Foto, das von seinen Linien lebt.
    Was ich aber in der Besprechung vermisse, ist die Begradigung. Das erste, was an dem Foto störend auffällt, ist meines Erachtens nicht der Rahmen oder die flaue Bearbeitung, sondern die schiefen senkrechten Linien.
    Oder sehe ich da was falsch?

    Antworten
    • Sofie Dittmann
      Sofie Dittmann says:

      Wenn es ein Architekturfoto wäre, hättest Du vollkommen recht. Das vorliegende ist jedoch ein Abstrakt, und Rolf hat uns verraten, dass er das Original absichtlich so verzerrt hat, es war ursprünglich fast gerade.

  5. Werner says:

    Monochromes gefällt mir prinzipiell immer besser als zu Buntes. Aber in der Umsetzung von Peter S. ist der untere Teil zu sehr im Schatten abgesoffen – die schräge Kante in der Mitte unterhalb vom Orange – , so dass die Proportionen nicht mehr stimmen. Fazit: Objekt 8 von 9 ist das Optimum.

    Antworten
    • Sofie Dittmann
      Sofie Dittmann says:

      Aber Peter hat das hier garnicht besprochen. :( Ich hab mir ganz ehrlich nicht mehr die Mühe gemacht, an der Monochromversion noch weiter herumzuspielen. Es würde mich interessieren, was Du draus gemacht hättest – vielleicht magst Du ja was einstellen.

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Wollen Sie an der Diskussion teilnehmen?
Feel free to contribute!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *