Curling-Mitzieher:
Gesichter interessieren mehr als Steine

Bewegungsunschärfe als Stilmittel ist namentlich bei Sportfotografien beliebt. Wesentlich ist dabei, dass die Bewegung mit dem richtigen Objekt mitgeht. Das ist nicht zwingend der Ball, Puck oder Stein. Im Gegenteil.

Zwei Curling-Spieler auf dem Eis. Nikon D800 mit 210mm bei 1/8s und Blende 8, ISO400. © Guy Goetzinger

Zwei Curling-Spieler auf dem Eis. Nikon D800 mit 210mm bei 1/25s und Blende 8, ISO400. © Guy Goetzinger

Guy Goetzinger aus Dättwil: An der Curling WM in Basel versuchte ich die Bewegung ins Bild zu bringen. Dazu zog ich die Kamera mit und fixierte den ins Ziel gleitenden Stein.

Bewegung ist in diesem Bild, das ist mal gesagt. Die Dynamik funktioniert vor allem deshalb so gut, weil es Dir „nicht gelungen“ ist, mit dem Stein mitzuziehen – in der Bewegung scharf abgelichtet hast Du dagegen das Gesicht des Spielers, und das ist doch sehr viel interessanter!

Wir sehen in einer von vielen horizontalen Linien geprägten Sport-Farbfotografie zwei in roten Shirts gekleidete Curling-Spieler von rechts nach links vor blauem Hintergrund durch den Rahmen gleiten. Sie wischen das Eis vor dem Stein, ihre Bewegung ist durch Unschärfe erkennbar, allerdings sind der Arm des uns abgewandten und das Gesicht des uns zugewandten Spielers scharf und gut erkennbar. Der Curling-Stein selber ist leicht unscharf; der Hintergrund des Bildes besteht aus die Gleitrichtung des Steins betonenden Linien und einem Schriftzug in verwischter Punktmatrix, der uns einen Hinweis auf den Ort gibt; ausserdem sind links oben zwei sehr verwischte Figuren erkennbar, eine davon ein Fotograf, die andere diesem zugewandt ein Zuschauer.

Das Gesicht ist scharf, der Curlingstein ist in Bewegung.

Das Gesicht ist scharf, der Curlingstein ist in Bewegung.

Lass mich den provokativen Einstieg erklären. Ich sehe hier im Blog einige Mitzieh-Fotografien, die meisten aus dem Sportbereich, und sie sind häufig auf das eine Objekt ausgerichtet, um das es in Wettkämpfen geht: Den Ball, den Puck oder das Zentrum eines Rennrads. Aber was uns als Zuschauer am Sport interessiert, ist neben dem Resultat, für das der Ball oder Puck steht, doch vielmehr die Emotion, die Anstrengung, das Heldentum der Sportler. Was uns interessiert sind die Gesichter der Akteure. So auch hier: Die Konzentration des hinteren Spielers, seine in dieser Linienreichen Umgebung einzig auf den Eisfleck vor dem Stein ausgerichteter Blick, die Spannung seines Oberkörpers: Das ist spannend, der Stein kann da rutschen, so lange er will – der zeigt keine Emotion oder auch nur Anspannung.

curlingvektoren

Ich bin der Ansicht, dies sei ein sehr gelungenes „Mitzieh“-Sportbild, weil es das Gesicht des Spieler zeigt. Und weil alles drumherum zum Effekt beiträgt:

Denn hier sind so viele Elemente, die den Bewegungseffekt unterstützen: Sämtliche Linien in der Komposition funktionieren wie Vektoren für den gleitenden Stein, die Farbkontraste vom Rot der beiden Spieler zum komplementären Dunkelblau sind ein Volltreffer, und die leichte Ablenkung durch den Schriftzug, das kleine rote Echo im Schweizerkreuz oben links und die beiden unscharfen Figuren sorgen für zusätzliche Dynamik, für Spannung und interessante Details.

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An der Komposition kann man meiner Ansicht nach nur gerade den mangelnden Raum für die beiden Figuren links oben bemängeln, aber das hattest Du wahrscheinlich nicht wirklich in der Hand, buchstäblich, beim Mitziehen mit einer Fünundzwanzigstelsekunde. Also ist vielleicht eher davon zu reden, dass es ein Glücksfall ist, dass die beiden ganz im Frame sind. Die Gewichtung mit den beiden Spielern unten rechts dagegen ist gelungen, die Bewegung kriegt so im negativen Raum Platz, um sich zu entfalten.

Was die Technik angeht, frage ich mich, was passiert wäre, wenn Du statt mit dem Blendenautomat (Zeit fix eingestellt, Kamera wählt Blende) mit dem Zeitautomat (Programm A, Kamera wählt Zeit passend zur eingestellten Blende) die ISO-Empfindlichkeit zugunsten einer weiter geöffneten Blende (das 200-500er Objektiv geht ja bei 210mm auf Blende 5.6) gesenkt hättest, oder dabei vielleicht auch eine etwas kürzere Zeit ausprobiert hättest. Diese Dinge kann man natürlich erst nach einer oder zwei Testaufnahmen umstellen, wenn man weiss, auf welche Werte die Kamera sich einpendelt, um eine korrekte Belichtung zu erhalten. Für einen Sportfotografen, der ganz bestimmte Spieler ablichten muss, ist das kein gangbarer Weg.

Was die Belichtung angeht, hätte ich auch eher erwartet, dass Du mit einer zentrumsgewichteten oder sogar einer Spot-Messung auf die Spieler und nicht mit der Matrix-Messung operiert hättest. Das ist allerdings ein zusätzlicher Erschwernisgrad, denn dann hättest Du in der Bewegung zuerst die Belichtung auf einen der Spieler messen und mit dem Belichtungsspeicher fixieren müssen, ohne gleichzeitig den Fokus zu setzen – ich nehme an, dass Du hier mit kontinuierlichem Fokus und einem im Frame rechts bei den Spielern gesetzten Feld vorgegangen bist.

curlingentzerrt

Was ich an der vorliegenden Aufnahme allenfalls noch machen würde, ist einzig der Versuch, die untere Linie genau parallel zum Bildrand in die Horizontale zu bringen. Das gelingt nicht allein mit einer Drehung, sondern mit einer leichten Horizontalen Verzerrung um 14 Einheiten nach rechts – und dennoch geht das weiter zu Lasten des Raums neben den beiden Zuschauern oben links. Ausserdem habe ich die Tiefen des ganzen Bildes ganz leicht angehoben, um die Spieler in den schwarzen Hosen gegen den Dunkelblauen Hintergrund abzuheben.

4 Antworten
  1. G. Goetzinger says:

    Vielen Dank für die detaillierte Bildkritik.
    Aus der vorausgehenden Serie, hatte sich herausgestellt, dass die 1/25s am besten zur Bewegungsgeschwindigkeit der Curler passt. Dies war der Entscheid für Blendenautomatik.
    Sicher wäre eine zusätzliche Serie mit Spotmessung interessant als Vergleich. Ich hatte mich auf die Matrixmessung mit +2/3 Bel.-Korrektur eingeschossen, was wie du erwähnst der einfachere Weg ist.
    Guy Goetzinger

    Antworten

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