Langzeit-Belichtung aus der Hand:
Flatterhaft

Was wir angesichts der digitalen Technik häufig vergessen: Dass man auch mit diesen Kameras spannende Langzeit-Aufnahmen, Mehrfach-Belichtungen und andere kreative „Fehler“ machen kann.

Möwen in Langzeitbelichtung

Nikon D5500,1/4s bei Blende 18 mit 105mm Brennweite und ISO 100 © Ingrid Steinmel

Ingrid Steinmel aus Kriftel schreibt zu diesem Bild: Aufgenommen bei Sonnenuntergang in Ahlbeck auf Usedom mit einer Nikon D5500 mit AF-S Nikkor 18 – 105 mm. Eine Frau warf von der Seebrücke aus Brotstückchen in die Luft und ich habe einige Aufnahmen von den Lachmöwen, die nach dem Brot gejagt haben, gemacht. Dieses Bild gefällt mir besonders gut, weil zwei der Vögel noch erkennbar sind, der Rest aber nur noch schwirrende Formen vor einem tiefblauen Meer. Die Bildaufteilung ist unter den Umständen Glücksache, von daher konzentriert sich das Geschehen in den oberen zwei Drittel. Mich würde interessieren, ob ich es mit der Nachbearbeitung hinsichtlich der Farben übertrieben habe.

Ich hatte diese Ausnahme markiert und wollte sie schon für später reservieren, wenn ich wieder an einem kalibrierten Bildschirm sitze. Schliesslich fragst Du nach den Farben. Und die wollte ich nicht am Notebook-Computer im Zug beurteilen. Und dann dachte ich: Kann man es denn mit der Farbe übertreiben?

Wir sehen in dieser Farbfotografie einen oder zwei Vögel, möglicherweise Tauben oder kleine Möwen, in Mehrfach- und/oder Langzeitbelichtung. Sie fliegen offenbar von rechts nach links, wobei die Bewegung der nur schemenhaft in ihren Flügelschlägen erkennbaren Vögel in einem Bogen zuerst nach oben, dann eher nach unten links im Bild verläuft.

Ich möchte zwei Dinge zu dieser Fotografie anmerken.

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Erstens, ich freue mich immer wieder, wenn erkennbar wird, dass wir mit unser ganzen cleveren Technik noch immer sehr kreativ mit „Fehlern“ umgehen können. Eine Langzeitbelichtung aus der Hand, noch dazu von heftig bewegten Vögeln, würde man als Kameratechniker als dumme Idee bezeichnen. Wenn  man dann aber das Resultat sieht, wird plötzlich manifest, das Fotografie nicht nur gestochen scharf abgebildete „Realität“ sein muss. Und vor allem auch, dass das In-Kauf-Nehmen oder sogar bewusster Einsatz von „falschen“ Einstellungen sehr spannende Resultate zeitigen kann. Nachdem meine kleine Pocket-Kompakte anlässlich gelangweilten Herumfotografierens beim Zwischenstopp in einem Flughafen nicht mehr scharf stellte, habe ich entdeckt, dass der Effekt eine Art unscharfen Bokehs mit den vielen bunten Lichtern im Gebäude hochspannende Aufnahmen ergab. Als der Autofokus plötzlich wieder funktionierte, hatte ich grösste Mühe, die richtigen falschen Einstellungen zu reproduzieren, um das ursprüngliche Ergebnis hinzukriegen. Schlussfolgerung: Mehr ausprobieren, nichts für falsch halten!

Die zweite Bemerkung geht in eine ähnliche Richtung. Du fragst, ob Du es mit den Farben übertrieben hast – und ich frage, ob man das überhaupt kann. Denn die eigentliche Frage ist die nach dem Masstab. Übertreibt es Gerhard Richter mit den Farben? Oder Vincent Van Gogh? Untertreibt es Rembrandt? Angesichts meiner Landschaftsfotografien werde ich immer wieder gefragt, ob es „dort so ausgesehen“ habe. Ja, natürlich! Für mich jedenfalls, und deswegen habe ich die Farben in der Nachbearbeitung aus dem flauen, objektiven Datenberg der RAW-Aufnahme in das verwandelt, was ich zuvor gesehen habe.

Einfache, kurze Antwort auf Deine Frage: Ich finde nicht, dass Du es übertrieben hast; viel wichtiger aber ist, dass Du selber das für Dich sagen kannst. Ich finde die Aufnahme spannend, auch wegen der Farben, die auf den ersten Blick reduziert scheinen und auf den zweiten und dritten sehr reich sind.

Und dann doch noch eine dritte Bemerkung: Wenn mich etwas stört an der Aufnahme, dann eher der angeschnittene Bogen, der zu erkennen ist, also doch die Komposition. Natürlich ist die mehr oder weniger Glückssache bei solchen Aufnahmen – aber Du hattest ja sicher viel Gelegenheit für eine Wiederholung. Ich hätte das so lange probiert, bis eine Verteilung der Vögel im Bild mir wirklich perfekt erschienen wäre.

3 Antworten
  1. Ingrid Steinmel says:

    Hallo Peter, vielen Dank für die freundliche Bildbesprechung. Du hast völlig Recht, ich schaue mir zu selten die Ergebnisse auf dem Kameradisplay an, um dann an einer Idee dranzubleiben. Andererseits: wenn ich das gleich gesehen hätte, hätte ich es vermutlich mit dem Urteil „unscharf“ gleich wieder gelöscht. Auf jeden Fall habe ich dadurch eine Menge dazugelernt. Was die Farben angeht, die Raw-Version war heller und flauer, vor allem die Farbe des Wassers. Ich habe dann probeweise die Auto-Tonwertkorrektur von Photoshop Elements angewendet, was ich normalerweise nicht tue und war vom Ergebnis total überrascht. Soviel dazu, auf jeden Fall ein spannender Ansatz, den ich weiter verfolgen werde.
    Herzliche Grüße
    Ingrid

    Antworten

Trackbacks & Pingbacks

  1. […] eben habe ich noch erklärt, mit der Farbe könne man nicht falsch liegen, wenn man eine Absicht verfolge. Und jetzt das: Ein Farbstich via Weissabgleich geht gar […]

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