Falscher Weissabgleich:
Fehler sind keine Kunst

Ein falscher Weissabgleich stört den Eindruck fast immer. Fehler werden erst zur Kunst, wenn sie bewusst eingesetzt werden.

Stadtansicht in Blaustich

Panasonic Lumix DMC-FZ150 mit 1/1000s bei Blende 5 mit 27mm Brennweite und ISO 100

Wolfram Witzel aus Pfinztal: im Rahmen einer Foto-Exkursion entstand dieses Foto. Fasziniert und zugleich erschreckt hat mich die Monotonie moderner Architektur, dort wohnen tatsächlich Menschen. Bei der Aufnahme habe ich leider nicht bemerkt, dass ich den Weißabgleich der Kamera auf „Kunstlicht“ eingestellt hatte (Anfänger ;-) ). Bei der Betrachtung am Bildschirm finde ich aber, dass die „Kälte“ der Wohnbebauung gerade verstärkt wird.

Grade eben habe ich noch erklärt, mit der Farbe könne man nicht falsch liegen, wenn man eine Absicht verfolge. Und jetzt das: Ein Farbstich via Weissabgleich geht gar nicht.

In dieser Farbfotografie sind mehrere Reihen gleichförmiger Balkone zu sehen, die sich wie Stufen vom Betrachter weg in den blauen Himmel hinauf einer Fassade entlang türmen.

Diese Intention dieser Aufnahme erschliesst sich sofort: Du lässt mit dem Bildausschnitt keinen Zweifel daran, dass Dich die Wiederholung der Balkone und ihre Homogenität fasziniert. Technisch gesehen ist diese Aufnahme, wahrscheinlich kurz nach dem Mittag entstanden, korrekt belichtet, sauber ausgerichtet und trotz relativ weit geöffneter Blende dank dem leichten Weitwinkel ohne Schärfenverluste in relevanten Bereichen.

Die Motivwahl ist, wie gesagt, sehr eindeutig, was man an der Komposition vielleicht bemerken kann, ist der kleine Teil blauen Himmels oben links, der die Unendlichkeit der Reihe und die Wiederholung durchbricht. Vielleicht hätte es Sinn gemacht, wenn Du Dich so bewegt hättest, dass die zweite Reihe in die Diagonale geschoben würde und dadurch ein Bildausschnitt ohne das Stück Himmel entsteht.

Mir gefallen solche Vexierbilder, egal was die Aussage ist, und sie sind vor allem in architektonischer Umgebung zu finden. besonders reizvoll können sie werden, wenn minimale Abweichungen – wie  Anzeichen von in den Gebäuden lebenden Menschen – feine Unterschiede zeichnen, die es zu entdecken gilt.

architektur-hamburg

Ich habe kürzlich in Hamburg diese Fassade in einem Innenhof fotografiert, mit dem Verzerrungs-Korrektur-Werkzeug gerade gestellt und einen Ausschnitt gewählt, der fast totale Gleichförmigkeit ausdrückt – nur wenn man genau hinguckt erkennt man, dass das nicht das immer gleiche Fenster ist.

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Bis hierhin bin ich mit Dir unterwegs.

Jetzt aber zum Weissabgleich: Uns allen ist es schon passiert, dass wir diese Einstellung vergessen haben – allerdings vertraue ich fast ausnahmslos auf die Automatik – eine der wenigen, die ich gerne nutze. Letztlich setze ich in Lightroom in der Regel den Weisspunkt direkt im Bild auf ein weisses Objekt, und damit hat sich die Geschichte. Das hättest Du hier auch tun können.

Die falsche Einstellung an der Kamera, die eine durchgehend falsche Farbgebung zeitigt, halte ich aber nicht für ein anwendbares Stilmittel. Zumal dann nicht, wenn es nicht bewusst eingesetzt wurde, sondern „gerade so passt“. Der Effekt ist einfach zu flächig, zu eindeutig ein technischer Fehler, der selbst von Leuten als solcher erkannt wird, die nicht wissen, was ein Weissabgleich ist – für sie ist es ein Blaustich,  wie er bei Drucken langsam entsteht, die lange dem Sonnenlicht ausgesetzt waren.

Damit liesse sich vielleicht mit viel Mühe, sehr gezieltem Einsatz und verschiedenen Aussagen in einer Fotoserie eine künstlerische Aussage produzieren. Aber bei einem einzelnen Bild ohne weitere Eingriffe zur Abstraktion ist es nichts anderes als eben ein falsch gesetzter Weisspunkt.

Fazit: Gut gedacht, aber ich bleibe bei meiner Empfehlung, hilfreiche „Fehler“, wenn man sie als Effektmittel entdeckt hat, in dieser Wirkung auszuloten und zu erforschen und erst dann einzusetzen. Einmalige Zufallstreffer wirken fast immer dilettantisch.

7 Antworten
  1. Boerge says:

    Ich finde, bei diesem Bild würde eine Umsetzung in Schwarz-Weiß die Monotonie der Architektur hervorheben und das Stückchen Himmel würde eventuell nicht besonders auffallen.

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  2. dierk
    dierk says:

    bei einer Aufnahme in RAW kann der Weißabgleich ohne Probleme nachträglich korrigiert werden, hier würde die Einstellung auf Tageslicht sicher sofort das richtige Ergebnis bringen.
    Ich hätte auch das Stück Himmel oben weggeschnitten.
    Probleme mit dem Weißabgleich: ich hätte das Bild in S/W gemacht, dann gibt es das Problem nicht :-)

    Peter, dein Bild ist der Innenhof vom Chilehaus in Hamburg.
    Hier ist eine andere Perspektive davon:
    https://www.flickr.com/photos/dierktopp/28815835226/in/album-72157657025184083/

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  3. Christian Fehse says:

    Das mit den Farben geht alles – nur denke ich, das hier den blauen Farbstich wirklich nicht besonders „hilft“. Mein erster Gedanke war: wenn alles blau ist, geht zum Beispiel das kleine Stück Himmelchen in dem ganzen blau unter. Kalt finde ich gut hier, aber diese Balkone sind selber ansich schon kalt genug, würde ich sagen.
    Ich habe die Idee versucht umzukehren. Die Farben stark in den warmen Bereich gezogen (so sah es da bestimmt auch nicht aus) und den Kontrast verstärkt, um das Bild noch grafischer zu machen. Die warmen Farben bilden jetzt einen Kontrast zu der kalten Architektur – was dem Bau aber auch nicht hilft freundlicher zu werden. Allerdings bleibt so der Himmel erhalten. Ist dadurch natürlich ein anderes Bild geworden.

    stadtansichta

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