Waldweg:
Fotografisches Haiku

Der Wald ist uns lieb, aber als Fotomotiv eine echte Herausforderung: Man sieht ihn vor lauter Bäumen nicht. Dennoch gibt es Linien und Möglichkeiten für eine Komposition.

Waldweg in Schwarz-Weiss

Aufgenommen mit: Canon EOS 40D + Tokina 12-24 mm f/8.0; 1/160s; ISO 200; 12,0 mm

Dirk Altehoefer aus Wittenbach: Waldweg. Bearbeitet mit RawTherapee. Umwandlung in sw; Kontrast angepasst und dann das Format von 3:2 auf 4:3 zugeschnitten.
So wollte ich die Bildaussage verdichten.

Es ist schwierig, Wald gekonnt zu fotografieren (Affiliate-Link). Einmal, weil man sich gezwungenermaßen auf etwas konzentrieren muss, was aber eben ob der Bäume schwerfällt. Und außerdem, weil das Auge an nichts wirklich hängen bleibt. Man schwimmt visuell im Grünen, und das kann sehr schnell langweilig werden. Ich selbst fotografiere deshalb nicht oft Wald – ich möchte immer irgendwie jemanden mitten hineinstellen. Aber davon unten mehr.

Die EXIF Daten liegen hier etwa im Bereich dessen, was ich so erwartet hätte. Trotzdem Du an einem schattigen Ort fotografiert hast, war genug Licht in der Szene, dass Du kein Stativ benötigt hast. Ich möchte mich statt dessen auf Komposition und Bildaussage konzentrieren, denn die finde ich hier wesentlich interessanter.

Sieht man sich Dein Foto näher an, bestätigt sich, was auf den ersten Blick bereits angedeutet wird: der Waldweg und damit der Fluchtpunkt befinden sich schmack in der Mitte (hellblau; natürlicher Horizont in gelb, Goldener Schnitt rosa, Drittel in grün).

komposition2

Durch die Schwarzweißumwandlung entstehen interessante Flächen und Muster, die alle irgendwie interagieren, und dass Dir das auffiel, verrät ein gutes Auge, und auch eines für die Schönheit im Alltäglichen.

Waldfotografie komposition4

Du schreibst, Du wolltest die Bildaussage durch den Beschnitt verdichten. Lange habe ich mir überlegt, ob mir dieses Foto irgendetwas sagt, und wenn ja, dann was.

Man sieht auf den ersten Blick einen schmack in der Bildmitte verlaufenden Waldweg. Beim zweiten Hinsehen dann die erwähnten Muster und Linien. Ansonsten ist die Szene leer.

Spontan fiel mir ein Haiku von Basho ein:

„Diesen Weg
geht niemand
an diesem Herbstabend.“

Ich finde, das trifft es ganz gut, wenn es auch hier nicht Herbst ist, und auch nicht Abend. Es sieht still aus in Deinem Bild, sonst ist dort keiner, und das muss Dich dazu bewogen haben, das Foto zu machen.

Das Haiku von Basho wird unterschiedlich gedeutet, je nachdem, von welcher kulturellen Warte aus der Lesende kommt. Schon allein das Wort „niemand“ will man automatisch zu „niemand sonst“ erweitern, denn der „Sprecher“ ist ja implizit mit in der Szene. Niemand sonst ging diesen Weg, nur Du.

Leider zieht mich das Bild mit Ausnahme der interessanten Schattenspiele sonst optisch nicht weiter in seinen Bann. Für Dich ist es sicherlich mit besonderen Gefühlen oder Erinnerungen verbunden, für die andern Betrachter aber nicht. Die Tatsache, dass es für mich abgerundeter gewesen wäre, hätte sich beispielsweise doch noch irgendwo eine einsame Person im Foto befunden, heißt aber nicht, dass das hier ein schlechtes Bild wäre. Es zeugt nur von unterschiedlichen ästhetischen Präferenzen.

Fotografieren sollte man erst einmal für SICH, und dass mir das Foto von der Bildaussage her nur relativ etwas sagt, bedeutet nicht, dass jemand anderem etwas vollständig anderes dazu einfällt. Immerhin kam mir ja das Heiku in den Sinn, und das ist doch etwas. Ich bin einfach kein besonders meditativer Typ, denke ich.

Ich mag Leute, ich fotografiere gerne Porträts, und vor allem auch Chaos und Verfall. Weder das eine noch das andere ist in dieser Aufnahme vorhanden. Deshalb wohl ist sie mir zu still.

Will sagen: jede Meinung ist immer eine individuelle, kein allgemeines Urteil. Mach weiter so (mit ein paar Vorschlägen, siehe unten).

Die Bestellung einer Premium-Bildbesprechung ist die Garantie, dass Deine Fotografie binnen fünf Tagen von uns besprochen wird. Du erhältst die Kritik ausserdem als ansprechend formatiertes PDF zugesandt. Jetzt anfordern!

Eigentlich gibt es nicht wirklich etwas, was ich an dieser Aufnahme verändern würde bzw. was man noch verändern kann. Oben rechts gibt es einen kleinen Fleck, den man wegstempeln könnte, und auch finde ich die Baumstämme rechts etwas zu sehr an den Rand geklebt.

Es kommt auf Dich an, wie penibel Du hier sein willst, was den Fleck angeht. An den Baumstämmen rechts kann man wahrscheinlich nichts mehr ändern, denn der von Dir erwähnte Beschnitt fand wohl in der Vertikalen statt.

Auf jeden Fall würde ich das nächste Mal der Randkontrolle mehr Zeit widmen. Bei einem Foto wie diesem fallen solche Dinge sofort auf, weil die Komposition so spartanisch ist.

Unwillkürlich wandert der Blick nach rechts, und da kleben dann die Stämme. Wenn Du noch mehr Aufnahmen von der Szene gemacht hast, kannst Du versuchen, rechts noch etwas dazuzufügen, damit es mehr Raum zum Atmen gibt.

Im sprichwörtlichen Wald-vor-lauter-Bäumen Muster und Linien zu finden, zeigt mir, dass Du ein gutes Auge hast. Dieses gilt es, weiter zu schulen. Ich könnte mir auch gut vorstellen, dass Du aus diesem Thema eine ganze Serie machst, auf diesem Bild aufbauend.

14 Antworten
    • Sabine Münch says:

      Gegenlicht… ich liebe es. Bin mir bei diesem Bild allerdings grad sehr unsicher, was ich empfinde. ;-)
      Ich glaube, mir fehlt der Boden… zur Erdung. Keine Ahnung. Muss mal länger wirken lassen. Danke!

  1. dierk says:

    Danke Sabine und Boerge

    Bei diesem Bild kommt noch ein ganz anderer Aspekt zum Tragen. Ich war nur mit dem 75mm unterwegs und hatte eigentlich andere Bildideen von Details im Kopf. Doch viele Bilder, die ich sah, waren für eine kürzere Brennweite geeignet. So passiert es mir öfter und ich mache dann einfach mehrere Bilder in der Art wie für Panoramen, oft aber dann mehrreihig. So war es auch bei diesem Motiv. Es besteht aus 2×2=4 Aufnahmen aus der Hand. Ergebnis ist ein beliebiger Blickwinkel unabhängig von der verwendeten Brennweite und natürlich eine beliebig höhere Auflösung.

    stitched panorama, hand held, 2x2 images

    Antworten
    • Sabine Münch says:

      Hierbei denke ich noch um den Text herum. ;-) Was meinst du mit beliebigem Blickwinkel? So viele Aufnahmen sind es ja nicht bei 2*2, also doch eher beschränkt auf einen Blickwinkel, oder nicht? Bei einer größeren Reihe… kann ich mir schon eher vorstellen, was gemeint sein könnte.
      Die Feinheiten in Strukturen und Tonwerten durch den Schnee sind beeindruckend. Sicher ausgedruckt ein Hingucker.
      Das Infrarotbild kopfüber hat es mir angetan. Dieser Himmelsgucker… Kann man deine Bilder käuflich erwerben? Ich glaube, das hätte ich gern irgendwo bei mir hängen, um es immer wieder anzusehen.

    • dierk says:

      @Sabine
      vielen Dank :-)
      Ich biete zwar keine Bilder zum Kauf an aber bitte doch die Moderation um meine email.

      Zu dem 2×2 Stitch.
      Es sollte hier nur beispielhaft zeigen, dass man sich so helfen kann, wenn man von einer bestimmten Postion einen größeren Blickwinkel haben möchte, als es das Objektiv hergibt. Ich habe natürlich auch viele mehrreihige Panos, die könnten aber vielleicht von einem Versuch abschrecken. Wichtig ist dabei, dass man sehr viel Überlappung einbaut und genügend „drum herum“. Wenn man nachher zu Hause festgestellt, dass Bildteile fehlen, ist das ganze Bild unbrauchbar und sehr ärgerlich (hatte ich natürlich auch schon).

      Dazu nun doch noch ein Beispiel mit 135mm und f/2 (wieder Brenzier Methode) und 3×4=12 Bildern aus der Hand.

      A7R with  Nikkor 135mm/2.0 AI-S@f/2, stitch of 12 images @f/2

    • Sabine Münch says:

      Vielen Dank für das weitere Bildbeispiel und deine Erklärung, Dierk. Leider kann ich unter dem Beitrag nicht weiter antworten. Vermutlich sprenge ich hier gerade die Kommunikationsmöglichkeiten. ;-)
      Auch ein interessantes Bild mit dem Baum, der sich in den Weg stellt… Mir scheint, ich muss die Brenizer-Methode auch mal einsetzen, gefällt mir gut. Bislang hat sie mich nicht ganz so sehr gereizt, so dass sie immer wieder auf meinem Kopf verschwand.

      Gern bitte ich die Moderation um deine E-Mail. :-)
      Liebe Moderation, wenn ihr mitlest, lasst ihr mir bitte Dierks Kontakt zukommen? Dankeschön.

  2. Boerge says:

    Ich finde, Dierk hat wunderbare Ideen für das Fotografieren des Waldes geliefert. Infrarot ist jetzt nicht nach meinem Geschmack, trotzdem sehr interessant. Mir gefallen das Nebelbild und das Bild, welches mit der Brenizermethode entstanden ist, sehr gut. Die S/W Umsetzung, auch des Bildes von Dirk Altehoefer, finde ich als Möglichkeit im Winter und Sommer passend, während wir uns nun einer Jahreszeit nähern, bzw. uns schon in ihrem Anfang befinden, welche nach Farbe schreit – dem Herbst.

    Antworten
  3. Sabine Münch says:

    Tolle Bilder, die zeigen, wieviel in einem Wald steckt. Fotografisch. Sonst sowieso. Danke für die Anregungen und Ausblicke. Ich liebe den Wald, aber er überfordert mich bisweilen. ;-)
    Die Infrarotaufnahmen, der Nebel, die stark aufgehellten Blätter, so viele Aussagen. Und dann diese Naht, wie eine Nabelschnur, die sich aufwärts windet…

    Grüße, Sabine

    Antworten
  4. dierk says:

    Durch echte Infrarotaufnahme (Kamera ist auf IR umgebaut) kommen Waldbilder fast immer sehr ätherisch leicht durch die fast weißen Blätter.
    Hier mit der Pano-Funktion der Kamera mit Weitwinkel (entspr. 15mm) im Hochformat aufgenommen.

    NEX7-IR infrared with Sony 10-18/4 OSS, panorama function

    Antworten
  5. dierk says:

    noch ein Beispiel durch Hervorheben eines Baumes
    Sehr altes 6×6 Farbnegativ, gescannt und S/W bearbeitet.
    Blätter können sehr gut in der Bearbeitung z.B. in LR oder Nik Silver Efex stark aufgehellt werden bis zu einem IR Efekt.

    analog 1992

    Antworten
  6. dierk says:

    Mein erster Gedanke – ist mir zu dunkel, die Bäume haben keine erkennbare Struktur (auf kalibriertem Bildschirm)
    Du schreibst „Kontrast angepasst“, ich meine, zu diesem Licht-Motiv würde eine leichter abgestimmte Grauabstufung besser passen (muss ja nicht das ganze Zonensystem drin sein).

    @Peter, du schreibst
    „Es ist schwierig, Wald gekonnt zu fotografieren. Einmal, weil man sich gezwungenermaßen auf etwas konzentrieren muss, was aber eben ob der Bäume schwer fällt. Und außerdem, weil das Auge an nichts wirklich hängen bleibt.“

    Das trifft auf dieses Bild sicher zu, muss aber nicht so sein. Ich habe meine Waldbilder daraufhin angesehen und würde gerne dazu Beispiele zeigen, was ich meine. Ist sicher sinnvoller, als eine Beschreibung zu versuchen.
    Leider geht nur immer ein Bild pro Post.

    Man kann durch offene Blende Details wie besondere Bäume herausheben.
    Hier noch verstärkt durch 85mm bei f/1.4 und gestitcht aus 8 Bildern (auch manchmal Brenizer Methode genannt)

    Brenizer method, DOF studies, f/1.4

    Antworten

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Wollen Sie an der Diskussion teilnehmen?
Feel free to contribute!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *