Buick-Hochzeit:
Ein Spiegel ohne Inhalt

Bei Detailfotografien muss klar sein, was das Motiv ist, was es anzuschauen gilt – sonst wird die Aufnahme zum unfreiwilligen Wimmelbild.

Nikon D5200 Aufnahmedaten: 1/400s bei Blende 5/1 mit 250mm Brennweite und ISO 500 @ Patrick Geldmacher

Nikon D5200 Aufnahmedaten: 1/400s bei Blende 5/1 mit 250mm Brennweite und ISO 500 @ Patrick Geldmacher

Patrick Geldmacher aus Mühltal schreibt zu diesem Bild: Ein Freund von uns hatte für seine Hochzeit einen tollen, alten Buick mit dem das Brautpaar ein- und ausfuhr. Dieser war mit Blumen geschmückt, wie auf dem Bild zu sehen.

Deine Beschreibung trifft den Nagel auf den Kopf: Wir sehen, dass da ein Auto mit Blumen geschmückt ist. Aber mehr sehen wir nicht. Das kann nicht sein.

Diese Farbfotografie zeigt die Flanke eines Autos in Fahrtrichtung auf der rechten Seite, im Bildzentrum ist der verchromte, kreisrunde Rückspiegel zu sehen. In diesem spiegelt sich der weisse Hochzeitsschmuck, der in Schleifen (Affiliate-Link) leicht überbelichtet auch am verchromten Türgriff zu sehen ist. Über die Windschutzscheibe, hinter dem Rückspiegel, scheint ein grosses Blumenbouquet zu führen. Die Motorhaube und der Hintergrund verschwimmen in dieser Aufnahme in der Schärfenuntiefe.

Hochzeitsbuick mit Über- und Unterbelichtung

Hochzeitsbuick mit Über- und Unterbelichtung

Zu diesem Bild fallen mir zuerst zwei Dinge auf, was die Technik angeht: Es ist für eine Aufnahme dieser Art mit sehr langer Brennweite und entsprechend geringer Schärfentiefe aufgenommen. Und es ist nicht ganz sauber belichtet, außerdem scheint es einen Farbstich zu haben. –

Schauen wir uns die Belichtung in Lightroom an: Wenn man dort im Bearbeiten-Modus im Histogramm die Ecken oben links und rechts anklickt oder die Maus drüber hält, werden im Bild alle Flächen ohne Zeichnung im Schwarzen und weissen Bereich angezeigt. Das sind die über- und unterbelichteten Bildteile, wobei unklar ist, ob sie das bei der Aufnahme waren oder erst nach der Bearbeitung.

Hier ist leicht zu erkennen, dass die Aufnahme vor allem ausgebrannte Stellen (überbelichtete) aufweist an Orten, wo das nicht sein darf: Die weisse Schleife im Vordergrund ist neben dem Rückspiegel ein Blickfang in dieser Komposition, aber sie ist völlig ausgebrannt und gibt deswegen nichts mehr zum Ansehen her. Dass einige Stellen des Bildes zu dunkel sind, ist nicht weiter schlimm: Echtes, zeichnungsfreies Schwarz schadet dem Gesamteindruck viel weniger als ausgebrannte Stellen.  Abgesehen davon lassen sich etwas zu dunkle Stellen in RAW- Aufnahmen meistens eher noch aufhellen und bringen dann doch noch Zeichnung zu Tage, als die weissen Flecke, in denen keine Information mehr steckt: JPG reduziert den Tonwertumfang (Helligkeitswerte), die der Sensor aufnimmt, von einigen Tausend auf 256 und wird dabei in den meisten Fällen den Massstab nach dem absoluten Weiss (zeichnungsfreie helle Flächen) ausrichten. Deswegen werden auf der dunklen Seite Helligkeitswerte gekappt, die durchaus noch aufgenommen wurden und im RAW-File der Aufnahme drin sind.  Wir reden von 1-3 Blenden mehr Umfang, den die Raw-Datei zeigt als ein JPG.

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Anders gesagt heisst das: Wenn man die Belichtung einer Aufnahme im Histogramm der Kamera kontrolliert, sollte dieses eher am dunklen als am hellen Ende „anschlagen“. In den beiden Bildern oben siehst Du rechts, dass der grosseteil der weissen Pixel ganz am rechten Rand nicht direkt an diesem anlehnt, sondern einen winzigen Abstand hat.

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Hier hättest Du also eine etwas kürzere Belichtungszeit manuell einstellen, die Belichtungskorrektur benutzen oder mit mittenbetonter Messung ungefähr auf die Schleife messen können.  Die Nikons haben übrigens einen Bildschirm-Modus, der unmittelbar nach der Aufnahme alle Bildbereiche blinken lässt, die überbelichtet, sprich weiss ohne Zeichnung sind. Das ist etwas weniger genau als das Histogramm, aber viel einfacher u verstehen und sofort zu sehen: Eine blinkende Stelle im Bild ist mit wenigen Ausnahmen ein No-Go und heisst, mach die Aufnahme nochmals mit leicht verkürzter Belichtungszeit.

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Hier kommen wir zur Blende: Du hast mit einer mittleren Blende bei sehr langer Brennweite fotografiert, und ich frage mich, warum. Denn hier mischen sich auch die Fragen nach der Technik und der Komposition. Ich finde hier im Schärfenbereich der Aufnahme einen Rückspiegel ohne interessanten Inhalt und ein Blumenbouquet, das aber irgendwie auch nicht das Motiv zu sein scheint.

Als Betrachter frage ich mich also, was Du mir zeigen willst: Eine geringe Schärfentiefe wird dazu benutzt, das Augenmerk des Betrachters auf eine Stelle im Bild zu lenken.

Du willst uns aber eigentlich den Oldtimer zeigen, das Auto mit seinen Linien, seinem Chrom und dem so andersartigen Design – nur sehen wir das nicht, denn der grösste Teil davon liegt vorne und hinten in der Unschärfe, was des Fotografen Methode ist mir zu sagen „dieser Bildteil ist nicht so wichtig, das habe ich nur in den Ausschnitt genommen, um den Kontext zu zeigen.“  Das kannst Du sagen, aber dann musst Du wissen, was Du mir denn zeigen willst. Hier wäre es die weisse Rose im Bouquet, und mit Verlaub, die ist nicht besonders interessant. Oder es ist der Rückspiegel, aber in dem ist gar nichts zu sehen.

Wenn es Dir aber um das Auto und die Linie mit den Spiegelungen ging, dann hättest Du die Blende für diese Aufnahme schliessen und die Schärfentiefe erhöhen müssen. Auch dann hätte das hier nicht so richtig funktioniert, weil die Schlaufe und die Blumen dem Bildeindruck entgegenwirken. Aber es wäre mehr „Auto“ und weniger „Hochzeit ohne Brautpaar“ gewesen.

Und wenn Du Zeit und Zugang zum Brautpaar hattest, wäre eine durchaus denkbare Variante gewesen, das Paar so zu positionieren, dass es im Spiegel zu sehen wäre. Dann ginge das ganze schon wieder in eine andere Richtung.

Hier aber haben wir ein Wimmelbild vor uns, in dem ich das Motiv suche, aber nacheinigen Sekunden entscheide, dass es keines gibt. Das ist schade.

4 Antworten
  1. Patrick says:

    Hallo Herr Sennhauser,

    ich nehme ihre Kritik als Ersteller des Bildes in vollem Umfang an. Es handelt sich um eines meiner ersten Bilder mit meiner gebraucht erworbenen Kamera und ich war sehr interessiert zu verstehen was ein Profi davon hält. Ich kann aus ihrem Kommentar sicher einiges mitnehmen und lernen. Ich versuche mich in den nächsten Bildern daran zu erinnern und es besser zu machen.

    p.s. der Farbstich kommt sicher von meiner nachträglichen Bearbeitung. Diese war wohl ein wenig zuviel.

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    • Peter Sennhauser says:

      Hallo Patrick! Wir duzen uns hier, weil wir alle auf Augenhöhe sein wollen – Du bist sehr gut unterwegs, lass Dir nicht von zu vielen Leuten dreinreden. Nimm aus Kritik mit, was Du nachvollziehen kannst, aber hol Dir soviel Kritik und Feedback von anderen Leuten wie möglich.

  2. Werner says:

    Ja, das ist mal wieder so ein Fall, bei dem der* Fotograf* ein für ihn* interessantes Motiv sieht, aber fototechnisch nicht in der Lage ist, dieses für den* Betrachter* adäquat rüber zu bringen. Ich denke, das ist uns allen schon oftmals so ergangen. Du siehst eine Szene die dich fasziniert, schaust nicht auf Brennweite-Blende-Ausschnitt, drückst ab – und hast die Szene noch voll im Gedächtnis, und denkst, der Betrachter* sieht das Umfeld genau so, wie du es gesehen und im Gedächtnis gespeichert hast. Funktioniert aber leider, wie oben besprochen, nicht. Deshalb ist die Kritik von Peter S. voll berechtigt.
    Zur Belichtungsmisere: Bei den ach so tollen DSLRs sieht man das Ergebnis (meist) erst im Nachhinein. Spiegelreflex war mal eine tolle Entwicklung, ist aber, von ein paar Sonderfällen (z.B. Autofocus bei schnellen Sportarten) abgesehen, überholt. Bei modernen Systemkameras ist die Bildwirkung der Belichtung, auch über das „vor-der-Auslösung-Histogramm“, im Voraus zu sehen!
    PS – der/die/das * ist der gender-neutral inaccuracy geschuldet.

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