Ameisen-Dinner:
Wie gross ist ein Makrofoto?

Makrofotografie will Kleines möglichst gross abbilden. Ein hochwertiger, grosser Sensor tut dies aber etwas weniger stark als ein kleiner. Und es ist nur eine mässig gute Idee, das Foto nach der Aufnahme weiter zu vergrössern.

Ameisen beim Fressen Makrofotografie

Canon EOS 50D mit Tamron SP 90mm F/2.8 Di VC USD MACRO1:1 bei Blende 9, Belichtungszeit 1/125, 90.0 mm und ISO 800. © Markus Kellmann

Markus Kellmann aus Harpstedt schreibt zu diesem Bild:  Das Foto der Ameisen ist mir diesen Sommer gelungen. Nachdem ich lange erfolglos versucht habe sie an ihrem Loch zu fotografieren, habe ich einen Trick angewendet, um sie länger in Ruhe vor mir zu haben. Ich habe einen Tropfen Sirup auf die Steine geträufelt…und schon waren sie da…und blieben auch.

Was ist der Vergrösserungsfaktor eines Makro-Objektivs? Und was ist ein formatfüllendes Motiv? Dieses Bild wirft solche Fragen auf.

Farbfotografie fressender Ameisen: Wir sehen im Bildzentrum zwei Tiere, die an einem roten Berg in der rechten Bildseite zu fressen scheinen. Das vorne in der Schärfentiefen-Ebene liegende Tier spiegelt sich in der roten Masse, die bei genauem Hinsehen eine Flüssigkeit mit grosser Oberflächenspannung zu sein scheint.

Hier herrscht kein Zweifel, wie er gelegentlich bei „Minitaturaufnahmen“ aufkommt, die sich dann als Fake Tilt/Shift erweisen: Wir befinden uns in einer sehr, sehr kleinen Welt. Der Hinweis darauf ist nicht nur die extrem geringe Schärfentiefe, wie das eben bei Fake/Tilt-Shift aus normalen Objekten Miniaturen macht. Hier ist es namentlich auch die rote Masse in der rechten Bildhälfte, die spürbar eine enorme Spannung aufweist.

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Das macht den Reiz dieser Fotografie aus, die mit einem (echten) Makroobjektiv mit Abbildungsmasstab 1:1 aufgenommen wurde.

Belichtung und Schärfe sind gelungen, die Spitzlichter auf den beiden Tieren modellieren sie ganz gut als dreidimensionale Objekte, sie erhalten ein erlebbares Volumen, das die Flüssigkeit mit den Lichteffekten und der Spiegelung verstärkt.

So weit so gut: Es ist nicht einfach, mit einem Makro mit verhältnismässig langer Brennweite (90mm wie dein Tamron SP 90 (Affiliate-Link) hier) die Schärfe sauber einzustellen. Dass Du an einem sonnigen Tag fotografiert hast, tut der Aufnahme ebenfalls keinen Abbruch, weil das Motiv im Schatten liegt und zu harte Kontraste nicht aufgetreten sind – man könnte sogar sagen, es dürfte in der Nachbearbeitung etwas nachkontrastiert werden.

Die Komposition ist ebenfalls gut gelungen, die Wiederholung der Ameise in der Unschärfe des Hintergrunds verstärkt den virtuellen Raum und macht ihn fassbar.

Artefakte im Bild zeugen von der Ausschnittsvergrösserung.

Artefakte im Bild zeugen von der Ausschnittsvergrösserung.

Was dann aber bei genauerem Hinsehen auffällt, sind Artefakte wie die Schuppen vom Weichzeichner am Hinterkörper und Farbaberrationen in den Lichtreflexen – klare Hinweise darauf, dass wir hier einen stark vergrösserten Ausschnitt des Originalbilds ansehen, und die Auflösung von rund 1300 mal 1000 Pixel verstärkt die Annahme, dass Du deutlich aus einem Bild gecroppt hast.

Das ist auch nichts anderes als logisch, denn Dein Objektiv ist erklärtermassen mit einem Abbildungsmasstab von 1:1 ausgestattet. Das heisst nicht, dass die Ameise in exakt der realen Grösse in der Aufnahme abgebildet werden wird – kann es ja nicht, weil das Bild aus Pixeln besteht, deren „reale“ Kantenlänge niemand wirklich kennt: Man kann es vergrössern und verkleinern, wobei die Dichte der Bildpunkte grösser oder kleiner wird.

Der Abbildungsmasstab (hier hervorragend erklärt von Andreas Hurni) sagt vielmehr lediglich, welches Verhältnis die Grösse eines Objekts vor der Linse in ihrem Abbild am Ende des Strahlengangs auf dem Film oder Sensor in der Kamera hat. Ein „echtes“ Makroobjektiv hat dabei in der Regel einen Masstab 1:1. Was aber heisst das? Wie gross wird eine Ameise dann im Bildausschnitt?

Das kommt darauf an, wie gross der Sensor ist. Je kleiner der Sensor, umso mehr von seiner Fläche füllt das Abbild der Ameise – sie nimmt mehr Anteil der Bildfläche ein als bei einem Vollformat-Sensor. Rein Theoretisch haben also Kompaktkameras mit kleinen Sensoren für die gelegentliche Makrofotografie die Nase vorn, weil sie durch den Cropfaktor ohnehin bereits eine Vergrösserung mitbringen.

Das alles lässt keine exakten Aussagen über die „Vergrösserung“ des Motivs im ausgedruckten Bild zu, denn der Ausschnitt kann bei entsprechender Auflösung ja durchaus beschnitten und aufgeblasen werden.

Es erklärt aber, weshalb ich hier mit grosser Sicherheit sagen kann, dass Du genau das mit Deiner Aufnahme gemacht hast, und damit auf Bildqualität zugunsten der Vergrößerung der Ameise verzichtest: Der Sensor Deiner Canon EOS 50D ist ein APSC-Sensor, der bei Canon 24mm breit ist (gegenüber Vollformat mit 36mm Breite). Die Ameise, die Du abgelichtet hast, dürfte nur wenige Millimeter lang sein, der Grösse des Tropfens Sirup nach zu schätzen – sagen wir 5 Millimeter. Demnach kann sie bei einem Abbildungsmassstab von 1:1 in Deinem vollen Bildformat rund einen grosszügigen Viertel der Bildbreite ausmachen – aber nicht wie hier die Hälfte. Ich schätze demnach, dass Du Dein Bild um zwei Drittel beschnitten hast, wenn nicht mehr, um neben dem Nahaufnahme-Effekt den Makro- oder Vergrösserungseffekt zu steigern.

Das geht aber hier zu Lasten der Qualität über die Auflösung, zumal die Eos 50D „nur“ 15 Megapixel bringt, und das ist schade. Die Alternative, um eine stärkere Vergrösserung bei der Aufnahme und damit ohne Auflösungsverlust hinzukriegen, sind Distanzringe oder Balgengeräte.

Das gesagt: Mir gefällt Deine Ameise sehr, und der Trick mit dem Sirup sorgt für einen tollen Grössenvergleich.

1 Antwort

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  1. […] kleine Details gross zu inszenieren, gibt es die Technik der Makro-Fotografie: Nahaufnahmen in einem Massstab von 1:1 oder grösser. Allerdings muss man dazu rechtzeitig erkennen, dass das Motiv ein Makro-Objekt […]

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