Streetfotografie:
„Framed“

Manche Bilder brauchen nicht viele Worte. Hier würden es Stichwörter auch tun.

Strassenfotografie aus Ulm.

Fuji X-T1, 1/30s ISO 200 bei Blende f/6.4 mit 23mm Brennweite (35mm umgerechnet). © Kevin Pilz

Kevin Pilz: Ich komme aus Ulm und liebe Street Fotografie. Ich habe ein Projekt gestartet: My Hometown. Hier möchte ich beweisen, dass man nicht unbedingt Reisen muss um Street zu betreiben. Street kann man theoretisch im Hinterhof betreiben und muss nicht nach Paris. Falls man zuhause nicht kreativ ist, wird man es wohl kaum in Paris schaffen…Zudem werde ich in diesem Projekt nur mit 35mm fotografieren. Dieses Foto ist spontan entstanden und heisst Framed, da der Fußgänger perfekt von der zweiten Türe eingerahmt wird. Ich wollte dem statischen Hintergrund durch die Bewegungsunschärfe etwas Spannung verleihen.

Ein Bild wie die Illustration aus einem Roman der Jahrhundertwende. Ein bisschen schwarz, und zugleich mit einem Pfefferkorn.

Zu sehen ist eine Altstadtgasse mit dem typischen Bogen-Kopfsteinpflaster und einer Hauseingangs-Partie in sehr eigenartigem Schnitt: Die zweistufige Eingangstüre aus schwerem Holz in einem Tür“bogen“, der eben kein solcher ist, sondern in eine geschwungene Scheitelspitze verläuft. Links von der Türe ist ein weiteres Türfeld, schaler und ohne Stufen; unmittelbar davor geht, nur als unscharfer Schattenriss in der Bewegung zu sehen, ein Mann in Mantel und vermeintlich mit Hut vorbei.

Das ist nun mal ein Bild, bei dem ich die Umsetzung in Schwarz/Weiss restlos verstehe und begrüsse. Mehr als Schattierungen von Hell und Dunkel braucht diese Aufnahme nicht. Sie hat alles, was eine gute Fotografie ausmacht: Räumlichkeit, Widersprüche, geheimnisse, Dynamik, Rätsel und Ästhetik.

Die Ansicht der Gasse wäre schon ohne den vorbegehenden Mann ein Motiv, wenn auch eines, das ich nicht exakt im rechten Winkel ablichten würde. So aber passt alles: Die diffuse Beleuchtung, die eigentlich nur die Fassade hinten erfasst, schafft ein Bühnenbild, das Kopfsteinpflaster den Raum davor und der einsame Mann mit dem zügigen Schritt den Akteur eines Kammerspiels, dessen erster oder letzter Akt gerade zu Ende geht.

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Mich würde interessieren, wie genau das zustande kam: Hast Du die Szene gesehen und erkannt, dass Du einen Akteur davor brauchst (wir hatten diese Street-Diskussion eben grade und jemand hat erwähnt, dass Ming Thein offensichtlich so vorgeht, eine gute Lichtsituation zu finden und auf das Geschehen darin zu warten), oder war das mehr der in Streetfotos oft vermutete Zufall?

Ausgesprochen gut ist dabei die Haltung des Mannes, der mit zügigem Schritt genau in deine Drittelssekunde hineingegangen ist: Nicht jeder Augenblick bei Gehen eines Menschen wirkt gleich dynamisch, hier ist der ideale Moment abgebildet, in dem das Gewicht nach vorne verlagert wird, der Fuss aber noch in der Luft und unscharf ist – mehr Bewegung kann man in dieses Moment nicht hinein bringen.

deshalb ist auch die Haltung der Figur mein eigentliches Highlight an dieser Aufnahme, das „gerahmte“ durch den zweiten Türbogen ist eher zufällig, nebensächlich und, ehrlich gesagt, zu Glück nicht ganz perfekt, sonst wirkte es aufgesetzt.

Ein klein wenig stören mich die Sprayer-Tags an der linken Türe und an den Klingelschildern. Sie sind vielleicht für den einen oder andern Betrachter das Pfefferkorn, welches das Bild aus der Szenerie einer Buddenbrooks-verfilmung aus den dreissiger Jahren herausreisst und die Gegenwart mitten in das Bild hineinrammt.

Mich stört aber vor allem der Tag links an der Türe, weil der Mann davor in der Unschärfe zu sein scheint, obwohl diese von der Bewegung herrührt. Das wirkt verwirrend und ich würde es deswegen wegklonen.

Schwarzer Mann in Streetfotografie

Die Tags weggeklont – ist das zuviel des Guten?

Ein wirklich tolles Bild, zu dessen Entstehung uns Kevin hoffentlich noch ein bisschen mehr sagen wird.

11 Antworten
  1. Henrik Lauber says:

    Das gefällt mir. Ich könnte mir auch gut vorstellen, dass der Fußgänger vor der rechten Tür fotografiert worden wäre. Dann hätte er im Bild noch mehr Raum in Bewegungsrichtung vor sich.

    Antworten
    • Kevin Pilz says:

      Danke für deinen Kommentar! Ich habe mich auf Grund des Kontaktes bewusst gegen die Rechte Türe entschieden-da Winter ist sind die meisten Leute dunkel angezogen und wären recht nicht zu sehen gewesen…aber der Punkt mit der Räumlichkeit stimmt natürlich…Viele Grüße, Kevin Pilzl

  2. dierk says:

    Hallo Kevin,
    ich kann mich dem Lob nur anschließen!
    Im Gegensatz zu dem Schnappschuss, den wir vor einigen Tagen hier diskutiert haben, sehe ich bei diesem und vielen anderen Bildern von dir, dass du die Aufnahmen richtig geplant haben musst. Hier mit einer langen Zeit zu arbeiten, ist eine gute Idee. Wenn der Man scharf gewesen wäre, hätte man sicher nur ihn gesehen.

    Mir gefällt die S/W Bearbeitung sehr, Kontraste und Vignette passen prima. Nur die Schrift auf der Tür stört etwas. Die schrecklichen Briefkästen zeigen, dass dies ein aktuelles Bild ist, in der Bearbeitung von Peter unten ohne diese kann das Bild auch vor 100 Jahren entstanden sein. Es haben beide Versionen ihre Berechtigung, finde ich.

    Ich kann nur jedem, der dies Bild gut findet, raten, sich auch die anderen Bilder von dir anzusehen (klick auf den Namen).

    Dann mache ich noch etwas Werbung für dich (es stört dich hoffentlich nicht?)
    Die Bilder von Dachau und was du dazu schreibst, sind sehr lesens- und bedenkenswert!
    http://www.stevehuffphoto.com/2016/09/29/against-oblivion-by-kevin-pilz/

    Und das alles nach nur gut drei Jahren Fotoerfahrung, Chapeau!
    VG
    dierk

    Antworten
    • Kevin Pilz says:

      Guten Morgen Dierk,

      vielen Dank für Deinen Kommentar- ich fühle mich geehrt! Ich habe hier Dein Profil gesehen (Fotografen im Fokus) und solch ein Lob von jemanden wie Dir, mit solch einer langen Fotografen-Erfahrung zu bekommen, das haut mich echt um! Danke für deine „Werbung“. Das stört mich nicht in geringster Weise. Die Reportage „Against Oblivion“ habe ich geschrieben um auf die gegenwärtige politische Situation aufmerksam zu machen. Das ist mein politischer Beitrag für eine hoffentlich demokratisch bleibende Zukunft.

      PS: ich habe das Bild mittlerweile angepasst: ich habe den Tag entfernt da er mich nach lesen dieser Kritik wirklich gestört hat – aber die Briefkästen belassen wie sie sind. Diese sind für mich der elementarte Anachronismus in diesem Bild (der Tag eigentlich auch). Die finale Version ist auf meiner Homepage zu sehen:
      https://www.kevinpilzphoto.com/portfolio/street/

      Vielen Dank nochmals für Deine Worte!

      Kevin

    • dierk says:

      Hallo Kevin,
      ich fotografiere wie du und sicher die Meisten hier aus Leidenschaft, also kein Fotograf und erst recht kein Grund zum „Umhauen“ :-)
      Was du nach der kurzen Zeit mit dem Medium daraus machst, finde ich bemerkenswert, wie du vielleicht auch in flickr bemerkt hast.
      Street ist, sicher auch mangels Gelegenheit in meiner kleinen Stadt, nicht mein Thema.
      Bei deinen Bildern sehe ich, dass du dir vorher Gedanken über das Bild gemacht hast und die S/W Bearbeitung mit den starken Kontrasten passt super zu den Motiven!
      Viel Glück
      dierk

  3. Stefan Jeschke says:

    Mir kam sofort Cartier Bressons wohl beruehmtestes Bild in den Sinn: http://i.imgur.com/JsTHOcz.png
    Die Sprayer-Tags sind mir auch unangenehm aufgefallen (das nahe der Brust hatte insbesondere eine Wichtigkeit im Bild, die ihm mMn nicht zustand). Aber die Briefkaesten haette ich im Bild behalten, da sie die rechte Bildhaelfte etwas bereichern und das Bild zeitlich einordnen (was ich hier gut/interessant finde).

    Viele Gruesse,
    Stefan

    Antworten
    • Michael Gündling says:

      Ja, ich bin ganz Stefans Meinung. Wunderschönes geheimnisvolles Bild, dass beim Betrachten viel Emotionalität erzeugt. Und ja, Sprayer out, Briefkästen in. Ein Verweis auf die Gegenwärtigkeit verstärkt diesen Moment des Vergangenen noch!

  4. Kevin Pilz says:

    Hallo Peter,
    zuerst einmal möchte ich Dir für Deine Worte danken und sagen, wie sehr mich Eure Homepage inspiriert meine Bilder kritisch zu betrachten.
    Das hier besprochene Bild ist eigentlich ein Glücksfall. Ich war unterwegs um zu fotografieren, doch leider habe ich an diesem Tag nichts „gesehen“. Ich war schon dabei aufzugeben, als mir diese beiden Türen ins Auge gestochen sind. Ich wusste augenblicklich, dass ich eine sich bewegende Person brauche um meine Bildidee umzusetzen. Also habe ich mich in dieser schmalen Gasse in die gegenüberliegende Hofeinfahrt gekniet und gewartet. Es hat eine Weile gedauert bis die für mich perfekte Person durch die Gasse lief (ich glaube es war eine halbe Stunde). Und ja, die Person hat einen Hut getragen.
    Viele Grüße,
    Kevin Pilz

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  1. […] Ein Schnappschuss ist es deswegen meiner Ansicht nach nicht: Du hast die Szenerie gesehen, richtig komponiert und sozusagen mit etwas Glück eine Protagonistin erwischt, die es ausfüllt. Das ist die gleiche Situation wie in der Streetfotografie. […]

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