Architekturfoto in Draufsicht:
Leben in MyZeil

Architektur muss nicht streng dokumentarisch inszeniert werden, man kann sie auch zu einem Hauptelement einer Komposition machen, die durchaus auf situative Szenen setzt. Die müssen dann aber auch einen gewissen Raum erhalten.

Architekturfotografie aus der MyZeil-Mall in Frankfurt

Nikon D3100, 1/60 bei Blende 4 mit 18mm Brennweite und ISO 100, © Markus Geier

Markus Geier: Architektur-Highlight im MyZeil-Shopping-Center in Frankfurt am Main

Ein Architekturfoto (im Sinne der Dokumentation) ist diese Farbfotografie auf den ersten Blick nicht für mich, auch wenn Du damit vor allem Architektur zeigen wolltest. Und auch, wenn das Shoppingcenter in Frankfurt offenbar spektakuläre Architektur bietet, wie der virtuelle Rundgang zeigt. Da steckt auch noch aktives Leben drin, das aber aufgrund der gewählten Technik ein wenig an den Rand gedrängt wird. 

Diese Farbaufnahme zeigt den Blick entlang einem verglasten oder verspiegelten Hauptträger über mehrere Stockwerke hinab in das, was als Foyer eines Kaufhauses gelten kann. Die Säulenkonstruktion ragt aus der Bildmitte in die obere Bildhälfte mit leichtem links-Gewicht, darunter schwingen sich die gelben Balustraden zweier unter uns, aber über dem Foyer liegender Geschosse bogenförmig von links durch die obere Bildmitte nach rechts. In der unteren linken Bildhälfte ist der Aufgang aus einem noch tiefer liegenden geschoss mit einer Rolltreppe voller Menschen knapp zu sehen.

Diese Fotografie fängt den Blick nicht mit einer sofort erkennbaren Architektur-Komposition, sondern zunächst mit dem starken Kontrast, den dominanten Formen und der perspektivisch ins Bild hinein (oder hinab-) reichenden Zentralkolumne und den knalligen Farben. Die simple Kombination eines starken Dreiecks mit einem Oval ist sehr eingängig.

myzeilflaechen

 

Die Kameraeinstellungen, die Du gewählt hast, funktionieren hier, werfen aber Fragen auf. Zum Beispiel die, warum Du, wo Du doch ziemlich eindeutig durchgehende Schärfe wolltest, mit der relativ weit offenen Blende 4 gearbeitet hast. Bei 100 Iso hätte es hier auch für eine aus der Hand aufgenommene Fotografie noch Spielraum gegeben, die Blende zu schliessen.

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Eine andere Frage ist die Belichtungszeit von einer sechzigstel Sekunde, wie angedeutet wahrscheinlich dem Umstand geschuldet, dass Du die Kamera in Händen gehalten hast: Denn mit einem Stativ hätte sich hier auch mit einer längeren Belichtung das Leben im Bild entweder so verwischen lassen, dass es lebendiger und dynamischer wirkt, oder dass es umgekehrt praktisch ganz aus dem Bild verschwindet. Dazu gleich mehr.

myzeilgolden

Was sehr gefällt, ist die grafische Komposition der Bögen aus den gelben Geländern, die sich elegant durchs Bild schwingen und zusammen mit dem zentralen Säulenkomplex, dessen Schwung uns entgegenkommt,  ein fast schon organisches Gebilde mimen, das sich sofort auch sehr tief ins Bild hinein erstreckt. Die Räumlichkeit ist immens, allerdings wird sie durch die relativ starke Vignette wieder abgeschwächt, mit der die aus den Tiefen des Untergeschosses herauffahrenden Menschen fast ganz abgedeckt werden.

Überhaupt, die Vignette: Ich frage mich, ob sie hier nicht im Wege ist. das Augenmerk muss in dieser Aufnahme weder durch Schärfentiefe noch durch Lichtführung auf das Bildzentrum gelenkt werden, das besorgt allein die Komposition und die gut angelegte Linienführung.

 

Nach diesem ersten grafischen Eindruck interessiert mich als Betrachter aber das Leben in den Hallen, die Menschen unter uns, ich möchte sie sehen, ihre Bewegung erfassen, ihr Tun in diesem Gebäude aufleben lassen. Das verhindert die Vignette wirksam, indem sie jedes halb sichtbare Gesicht abdeckt und die Figuren zu weiteren dunklen Objekten unter den Accessoires des Fotos macht.

Das ist eindeutig Absicht, und es funktioniert auch recht gut, ich frage mich bloss, ob nicht eine zweite Ebene in dem Bild eigentlich erwünscht ist und es die Komposition nicht nur erträgt, sondern ob sie nicht dadurch auch unterstützt würde.

Hier sind die dunklen Bereiche aufgehellt und die Vignette abgeschwächt.

Hier sind die dunklen Bereiche aufgehellt und die Vignette abgeschwächt.

Deshalb habe ich versucht, die Vignette mal wegzunehmen.  Dabei habe ich festgestellt, dass weite Teile der dunklen Bereiche der weiter unten liegenden Geschosse im Schwarz absaufen – mit einer lokalen  Aufhellung habe ich versucht, die Stellen, wo sich Menschen tummeln, eher wieder hervorzuheben.  Ich finde, das Bild legt damit noch etwas zu.

2 Antworten
  1. Karl Schillinger says:

    Betreff : Architekturfotografie
    Da muß man den Amateurfotografen schon sagen, daß es zwei Arten von Architekturfotografie gibt.
    Nämlich einmal die exakte Darstellung der Architektur, manchmal sogar im gewünschten Massstab, für die Archivierung z.B. als Baudokumentation und für den Denkmalschutz. Meistens analog und S/W. Sodann gibt es die freie, eigene Fotografie, die aus den künstlerischen Vorgaben des Architekten eigene Vorstellungen entwickelt und darstellt. Oft sind dann die künstlerischen Fotografien ausdrucksstärker als die Architektur selber und der Betrachter ist begeistert von der kreativen Umsetzung und Gestaltung des Fotografen.

    Antworten
    • Peter Sennhauser says:

      Danke Karl, absolut richtiger Hinweis: Ich wollte in die Richtung noch etwas ausfürhlicher werden, hab’s dann aber vergessen.

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