Chor-Konzertfotografie:
Alle Blicke nach rechts

Ein Chor in Aktion: Die Gelegenheit, viele konzentrierte Gesichter in einem Bild dynamisch zu vereinen. Es fehlt nur der Fokuspunkt im Vordergrund.

Gospelnight Dresden

Gospelnight Dresden © 2016 Frank Herbrand

Frank Herbrand aus Dresden: Neben den technischen Parametern ist auch manchmal Glück im Spiel, dass sich das Objekt entsprechend verhält, ohne dass der Fotograf Einfluß auf die Szene und die Beleuchtung hat. In der Dynamik des Chores hat in diesem Sinne eine zentrale Person den Kopf fixiert, sodass der Bewegungsdynamik des Chores ein Fixpunkt zur Verfügung steht.

Zum Material: Das verwendete fix Fokus Objektiv hat eine solche Abbildungsqualität, dass ich es meiner Sony Alpha 57 (Affiliate-Link) überlassen habe, um andere Aufnahmen mit meinen Zoom-Objektiven meiner eigentlichen Lieblingskamera Alpha 99 von Sony zu überlassen. Bezogen auf die gewählte Belichtungszeit unter Einsatz eines Statives ist die Pixelgröße des Sensors und die Abbildungsqualität des Objektives gut in Übereinstimmung. Die lange Belichtungszeit war von mir ein Experiment. Und ich bin froh, dass ich mich getraut habe, unter 1/10s belichtet zu haben.

Das Bild gehört inzwischen zu einer veröffentlichten Serie. Obwohl ich mich sehr gefreut habe, dass meine Shots mit dieser Belichtungszeit eine gute Abbildung liefert die Frage, wie optimal die Foto-Spezialisten mein Bild finden und wo noch Spielraum zur Verbesserung bestehen.

Leider haben wir keine Exif-Daten, wir wissen also weder, welche Brennweite Dein Fix-Objektiv, noch, welche Blende und welche Zeit genau du benutzt hast. Wir wissen aber, dass Du mutig unter 1/10s gegangen bist.

Wir sehen in dieser in warmen Brauntönen gehaltenen Farbfotografie einen Chor, der mitten im Gesang mit langer Belichtungszeit ohne Zusatzbeleuchtung abgelichtet wurde. Neben einigen der peripheren Gesichter sind auch einige Hände im Bild zusehen, die verwischt sind. Der Chor bewegt sich offensichtlich, ein Gesicht in der Bildmitte sticht heraus, ein Mann mit Brille, der den Kopf still hält. Die Blickrichtung der meisten Sänger ist gerade noch zu erkennen, sie richtet sich nach vorne rechts. Links im Vordergrund ist eine grosse Kerze zu sehen; bei genauerer Untersuchung sind ausserdem in der dynamischen Menge der Menschen oben links und ungefähr in der Bildmitte von unten zwei Mikrofonständer erkennbar.

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Nachdem ich Deine Angaben zum Bild gelesen habe, dachte ich: Das ist ja schon fast die Besprechung (nur eben, die genauen Aufnahmedaten hätten uns interessiert). Aber dann fiel mir ein, was mich an dem Bild angezogen hat.

Gospelfoto: Alle Blicke gehen in eine Richtung

Die Blicke der Sänger gehen unverkennbar alle in die gleiche Richtung.

Die Menschen hier blicken alle auf die gleiche Stelle im Bild, und die liegt vor der Kamera. Aber dort ist – nichts. Zwar habe ich irgendwann das Gefühl gehabt, ich sähe eine Hand, die einem Dirigenten gehören könnte.

Dann habe ich das Bild in Lightroom in den Schwärzen und Tiefen aufgehellt – und siehe da: hier steht eine Dirigentin, allerdings gehört die Hand nicht ihr:

Gospelfoto mit erkennbarer Dirigentin

Die Dirigentin ist im Originalbild auch nicht als Schema zu erkennen.

Wenn Du also nach Möglichkeiten suchst, wie das Bild zu verbessern gewesen wäre: Hier läge eine. Die Person im Vordergrund spielt eine ausreichend wichtige Rolle, dass man sich auch auf sie hätte konzentrieren und sie so belichten können, dass sie sichtbar wird.

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Allerdings ist das nicht wirklich in der Nachbearbeitung zu machen: Du hättest noch länger, mit einer höheren Empfindlichkeit oder weiter offener Blende Fotografieren müssen. Und zwar heftig: Wenn ich die Dame in Lightroom nur über „Belichtung“ sichtbar mache, muss ich dazu den Schieber 2.5 Blenden nach rechts schieben.

Gospeldetail

Da stossen wir an klare Grenzen. Denn wenn man genau hinsieht, ist jetzt bereits in den Mikrofonen eine Unschärfe (Bewegung? Des Mikrofons oder des Stativs?) zu erkennen. Das ist zwar eine Spitzfindigkeit, aber ich glaube an der Art Deiner eigenen Einschätzung zu erkennen, dass Du auch darauf achten möchtest.

Zu einem Aufhellblitz kann man hier schon angesichts der Farbtemperatur nicht raten, Du hättest einen anderen Weg finden müssen, die Dirigentin einzubeziehen.

Eine spannende, im wahrsten Sinne des Wortes bewegte und bewegende Aufnahme, und fotografisch sicher die interessanteste in Deiner Serie des Gospelabends.

8 Antworten
  1. fherb (Frank) says:

    PS: Hatte übrigens damit gerechnet, dass bei der Besprechung eventuell die Wahl der Bildhelligkeit, also das viele Schwarz und der recht dunkle Gesamteindruck zur Sprache kommt. Ich habe mich bewußt dafür entschieden. Bei sehr vielen Bildern dieser Serie. Zumal die meisten Betrachter das auf Bildschirmen ansehen, die herstellertypisch viel zu „hart“ voreingestellt sind. Wenn Ihr euch da vielleicht nochmal in den Kommentaren äußern könntet, wir Ihr das seht, würde ich mich freuen.
    Viele Grüße
    Frank

    Antworten
  2. fherb (Frank) says:

    Hallo Peter,
    Recht vielen Dank, dass Du das Bild zur Besprechung herausgesucht hast. Auch Danke für den Kommentar von Tilman.
    Dass die Exif-Daten weg waren ist mir nach der Entwicklung auch aufgefallen. Da fehlte ein Haken in meinem Workflow. Es war ein 135mm Zeiss-Objektiv auf APS-C-Sensorformat. Das war die Konfiguration, die ich brauchte, um näher an der Bühne ran, kleine Gruppen der Sänger abzulichten. Auf der Zweitkamera war mein Zoom 28-70. Es war keine Zeit, die Objektive ständig zu tauschen. Mein Auftrag war, die offiziellen Fotos bei 4 von 5 Events des Chores in dieser Saison zu machen. Und da nicht nur gesungen wurde und ich fast immer mit Stativ arbeite (was sich nicht nur bei diesem Bild ausgezahlt hat), geht es da hinter dem Fotoapparat manchmal hektisch zu. Genau wie bei dieser Szene, wo ich mich durch die Menschen erst wieder in eine bessere Position zwängen musste. Das Tele war hier nicht notwendig, weil ich nicht näher ran gekommen wäre. Ich wäre zu tief gewesen, da eine komplette Bühne mit erhöhtem Dirigentenpult in die Kirche gebaut war.
    Dass das Mikrofon leicht unscharf ist, wird an der langen Brennweite liegen. Da reicht die Restschwingung auf dem Stativ bei dieser Belichtungszeit (und etwas Hektik).
    Übrigens habe ich versucht, dieses Motiv bei den darauf folgenden 3 Abenden noch mal und vielleicht besser abzulichten. Ich wusste ja dann, wie in etwa der Ablauf des Abends war. Es stellte sich aber heraus, dass es ein Schnappschuß war. Die mittlere Person, die so ruhig stand, stand nur dieses eine Mal so schön in der Mitte. Denn nur dieser eine Mann war immer so ruhig mit dem Kopf.
    Und stimmt: Die Vignette habe ich extra so gesetzt, dass nichts am Rand ablenken kann, was nicht zur Bildaussage gehört. Das wird ja auch hin und wieder in Euren Besprechungen thematisiert: Auf den Rand aufpassen. Aus dem gleichen Grund sind meine Bilder nahezu immer beschnitten. Ich lasse mich doch nicht vom Seitenverältnis des Sensors erpressen. ;-)
    Und der Dirigent war leider bei diesem Song völlig unbeleuchtet. Technisch hätte ich ihn hinterher aufhellen können, wie Du schriebst, ich habe das aber bleiben lassen, weil sein schwarzer Anzug so stark zu verstärken gewesen wäre, dass das Rauschen dann störend wird bzw. Artefakte bei der Umwandlung in JPG mit Verringerung der Auflösung in HD enstehen können. Das habe ich schon mehrfach in dunklen Bildbereichen gehabt, wenn die Software-Rauschminderung an ihre Grenzen stößt. Da Rauschen meist nicht nach Körnigkeit von Film aussieht, bemühe ich mich immer, das soweit zurückzudrängen, wie es geht.
    Veröffentlicht wurden die Bilder übrigens auf den Webseiten der Gospelnight/Flickr. War mein erster „Auftrag“. Und da sich gern jeder Sänger mal auf einem Bild scharf in der Mitte sehen will, sind an den 4 Abenden einige hundert Bilder enstanden. Also mit Bilder meine ich, was nach der Entwicklung für ausreichend gut befunden wurde. Die SD-Karten haben mehr gesehen. ;-)
    Ich verwende übrigens nie ein Blitzgerät. Die Fälle, wo ich es zum leichten Aufhellen nehmen könnte, sind zu selten. In diesem Fall hier wäre es auch nicht erwünscht gewesen. Statt dessen benutze ich, wann immer es geht, ein Stativ. Das ist dann auch der Grund dafür, dass es dann schnell mal hektisch werden kann, wie oben geschrieben.
    Viele Grüße
    Frank

    Antworten
    • Peter Sennhauser says:

      Sehr erhellend, die Beschreibungen, Frank – danke dafür. Bemerkenswert finde ich Deine Einschätzung, dass die leichte Unschärfe von der Restschwingung des Stativs stammen könnte (Deshalb gibt es in Spiegelreflex-Kameras die „Mirror-Up“ Einstellung, welche die Bewegung in der Kamera reduzieren soll, die sich auf das Gehäuse und das Stativ überträgt, wenn der Spiegel wegklappt) – diese vermutung wollte ich unkenntnis der Brennweite nicht anbringen. Und die Feststellung, dass es sich hier um einen „Schnappschuss“ handelt, möchte ich nicht unterschreiben: Das ist zu abwertend. Es ist ein hervorragendes Bild, das sich unter ähnlichen Bedingungen nicht reproduzieren liess. Aber es ist sehr bewusst entstanden.

    • fherb, Frank says:

      (ich muss mir selbst antworten, Peter, weil unter Deiner Nachricht ein -Antworten–Link fehlt.) … Die Kamera hat gar keinen Klapp-Spiegel mehr. Sony hat den wegrationalisiert. Mindestens ab der Alpha57, die in dem Fall am Objektiv hing. Auch war die „Verwacklungsautomatik“ an. Sony verschiebt den Sensor, anstatt die Linsen. Aber das ist für Handauslösung gedacht. Kann sein, dass das bei ganz niederfrequenten Schwingungen oder langen Belichtungszeiten, die man mit der Hand nicht mehr machen würde, nicht mehr wirkt. Oder aber auch mein Fehler: Das auf dem Stativ nicht abzustellen. Wird oft empfohlen. Kann gut sein, dass nicht das Stativ gewackelt hat, sondern die Automatik. – Das muss ich mal prüfen. Hatte bisher nämlich nie den Eindruck, dass ich das auf dem Stativ besser ausschalten sollte. Eben wegen der Restschwingungen. – Aber das sind schon Extremdetails. Beste Grüße!

      Vor allem auch Beste Grüße an die Sänger der Gospelnight, falls jemand hier vorbei schaut: Zu emotionalen Fotos gehören emotionale Szenen! Und die sind in diesen Fall gar nicht mein Verdienst! :-)

  3. Tilman says:

    Ein interessantes Bild. Ganz große Klasse, Frank! Du hattest leider für die Aufnahme keinen privilegierten Platz, so dass im Vorgrund das Publikum zu sehen ist. Ich finde, dass Du dieses Problem mit der starken Vignette (nehme ich mal an) gut gelöst hast, es fällt erst beim zweiten Hingucken auf. Zusammen mit dem warmen Farbton hat man so den Eindruck, dass ein Scheinwerfer auf diese Gruppe gerichtet war. Der Mann mit dem „starren Blick“ ist fast mittig angeordnet, und die Hände winken gegen die Leserichtung, auf dem goldenen Schnitt ist nur ein schwarzer Schatten einer Dirigentin zu sehen. Hätte man auch anders machen können (siehe Anhang), aber Dein Bild finde ich viel spannender… MfG, Tilman

    gospel2

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    • Peter Sennhauser says:

      Du meinst auch das: „Dazu kommt eine vom Kunden geforderte übermäßig starke Verschiebung in den warmen Bereich (4000K-5000K Einstellwert bei real unter 3000K Scheinwerferlicht). Dazu hat mich dann auch noch die Masse an Material gezwungen, meinen Workflow zu optimieren. Und bei der Masse an Bildern werden dann wiederum Unzulänglichkeiten der Tools offensichtlich und nervend. Diese Probleme werde ich in einem zukünftigen Artikel thematisieren.*

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