Urlaubs-Fotografie:
Frühstücks-Stillleben

Fotografen haben es im Urlaub nicht leicht: Ausspannen – oder tolle Fotos machen? Leider entsteht daraus häufig ein Gewissenskonflikt. Dieses Stillleben bringt ihn zum Ausdruck.

Urlaubsfoto Charco Azul

Sony A7II, 28mm, f8.0, 1/200s. JPEG straight outta camera, lediglich auf 33% skaliert. © Bernhard Mayr

 

Bernhard Mayr aus Uttenreuth schreibt: Wie viele Menschen photographiere ich gerne im Urlaub. Mir ist es wichtig, (mindestens) ein Photo zu machen, das für mich DIESEN Urlaub symbolisiert, das die Atmosphäre, die ich erlebt habe, einfängt. In diesem Fall eine tiefe, heitere und frische Ruhe, wenn man aus dem kalten Winter kommt und ein paar Tage Freiheit (nicht nur Freizeit) hat. Das Bild ist aufgenommen in unserer Unterkunft in einem Haus am Meer (der Ort heißt Charco Azul), aufgenommen gegen Mittag an Silvester. Ich weiß, dass das was der Photograph beim Betrachten seines Bildes empfindet, sich nicht immer automatisch auf andere Betrachter überträgt. Mich interessiert wie ein Betrachter, der den Rest des Ortes nicht kennt, das Bild empfindet, und ob und ggf wie der gewünscht Eindruck besser heraus gearbeitet werden könnte.

Wie wirkt das Bild? Warm, freundlich, friedlich, ruhig, nach Siesta und Meeresluft und lauem Lüftchen. Und ein bisschen unordentlich:

Wir sehen in einer Farbfotografie über einen Frühstückstisch  auf Holz hinweg durch drei Fenster in einem wohl südlichen Haus auf eine Meeresfläche, die Sonne scheint von rechts in tiefem Winkel in den Raum. Das mittlere der vertikal schiebbaren Fenster aus hellem Holz ist gut geöffnet. Der ganze Farbton des Bildes ist ein warmes Braun und die goldenen Sonnenstrahlen einer Morgen- oder Abendsonne, was mit dem blauen Meer und dem von weissen Wolken teilweise bedeckten blauen Himmel in Komplementärfarben angenehm kontrastiert.

Technisch ist diese Aufnahme sauber belichtet, bei einer Blende 8 bleibt die Schärfe vor allem im Raum und auf dem Frühstückstisch, die leichte Unschärfe in der Ferne des von leichten Wellen aufgewühlten Meeres hält uns hier und schafft den Eindruck eines lauen Lüftchens, das von draussen herein weht.

Die Aufnahme ist abgesehen  von den Dingen auf dem Tisch fast symmetrisch, was zunächst dank der beiden versetzten Stühle im Vordergrund nicht auffällt.

Insgesamt schafft die Komposition in ihrer eigenartigen inhaltlichen leere eine angenehme Stimmung und lädt uns ein, das Motiv abzuschreiten und ans Fenster zu treten: Die Ruhe und die Weite werden unmittelbar transportiert und geben dem Bild eine Leichtigkeit, für die man ihm seine Spannungslosigkeit schnell verzeiht. Um deine Frage zu beantworten: Ich glaube, die entspannte Atmosphäre dieses Ortes kommt durch das Bild enorm gut zum Ausdruck und überträgt sich auf jede Betrachterin.

Ich würde behaupten, dass das aus der Kombination von Licht und Raum und der Szenerie resultiert. Wir sehen ein eindeutiges Urlaubs-Szenario, und noch dazu eines, das wir uns fast alle wünschen: Meerblick, weiches, warmes Licht, kein Zeitdruck. Fast werden wir eingeladen, am Tisch oder in einem der beiden Stühle im Hintergrund am Fenster Platz zu nehmen. Fast.

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Hätte man es besser machen können? In Detailpunkten sicher. Rein fotografisch stören mich die Spiegelungen auf den Zeitschriften rechts auf dem Tisch. Und inhaltlich setzen sie ein Signal, dass sich hier jemand lesend aus der Gemeinschaft abgesetzt hat – ich hätte sie verschwinden lassen. Das gleiche gilt für einige weitere, nicht eindeutig identifizierbare Gegenstände auf dem Tisch. Ich hätte ihn keinesfalls abgeräumt: Er soll nicht steril wirken, sondern einladend, benutzt, gelebt.

Urlaubsfotografie: Nicht zu realistisch bleiben.

Problemzonen: Zu viel Realismus ist ungemütlich.

Dann hätte ich, so das mit der Brennweite irgendwie möglich gewesen wäre, beide Stühle an den Fenstern und den Kronleuchter möglichst ganz in die Komposition integriert. Und schliesslich hätte ich die stürzenden Linien oder die Verkippung des Bildes, erkennbar am linken Rand, korrigiert. Stilleben sind meistens sehr sorgfältig arrangierte Szenerien, die wie zufällig wirken sollen. Schmutziges Geschirr, Spar-Packungen und das Brot ganz am Tischrand, wie auch der Toaster auf dem kaum zu sehenden Beistelltisch im Hintergrund, das sind zivilisatorische Kollateralschäden in diesem Bild, die man entfernen könnte.

Das Stilleben würde einladen dazu, sich hinzusetzen und eine Tasse Kaffee zu trinken – anstatt dazu, die schmutzigen Tassen ab- und den Tisch aufzuräumen.

Vielleicht wäre hier zwar ein etwas gar zu perfektes Bild entstanden, das wie eine Werbebroschüre wirken könnte: Dann müsstest Du wieder ein bisschen Imperfektion in die Komposition bringen, bis das Verhältnis stimmt. Im Moment ist das Gegenteil der Fall: Das Bild wirkt wie ein Schnappschuss nach dem Frühstück, für den sich der Fotograf keine Sekunde Zeit genommen hat, um noch etwas anders hinzulegen.

Diese Sekunde entscheidet darüber, ob das Bild wirklich richtig gut wird oder wie ein Schnappschuss wirkt, der eine Stimmung ausdrückt, den man aber nicht an die Wand hängen möchte. Und genau das ist häufig das Dilemma in den Urlauben, jedenfalls in meinen. Es stellt sich die Frage, ob ich jetzt einfach schnell abdrücken und die Situation dokumentieren, oder soll ich noch ein wenig mehr Einsatz investieren soll und dabei riskiere, dass die Spontaneität des Eindrucks verlorengeht. Das kann nämlich auch immer passieren, und dann hat man weder die tolle Fotografie noch die stimmige Dokumentation.

Ich habe hier das Bild gerade gestellt, die Aussen-Szenerie etwas kontrastreicher gemacht und eine leichte Vignette eingefügt.

Urlaubsfoto Charco Azul

Gerade gestellt und leicht vignettiert.

2 Antworten
  1. Tilman says:

    Ein tolles Bild, Bernhard. Es ist freundlich, warm… aber nicht nur ein Ferien-Schnappschuss, ich gucke es mir gerne an ohne den Ort zu kennen und sehne mich nach weniger grauen Wetter☺ Apropos grau… die Vignette, Peter, geht gar nicht (lol). Das Zimmer wirkt viel dunkler, unfreundlicher… und die Korrektur der Perspektive… ehrlich gesagt, die Fenster wirken steriler auf mich. Ansonsten eine tolle Besprechung, danke dafür.

    Antworten

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