Fotografie schärfen:
Gegen falsch gesetzten Fokus hilft’s nicht

Wenn ein Foto unscharf ist, kann man es schärfer machen? Ja und nein. Eine leichte verwackelte Aufnahme kann heute vielleicht durchaus geschärft werden. Ein falscher Fokus dagegen ist ziemlich endgültig. Und bisweilen ist das gar nicht so wichtig.

Feuer am Himmel: Wolkenfotografie von Heiko Rau

NIKON D3000 1/125s bei f4.2 mit 62mm Brennweite und ISO 250 „..and fire in the sky…“ © Heiko Rau

Heiko Rau aus Hattenhofen: Neulich abends hat sich mir am Himmel diese Szene geboten. Die tiefstehende Sonne beleuchtete isolierte Wolkenfetzen unter der dunkleren Wolkendecke, sodass ein starker Kontrast entstand. Ich habe umgehen die Kamera hervorgeholt und drauflos fotografiert. Da ein ordentlicher Wind ging, musste alles schnell gehen und ich habe nicht einmal die Einstellungen überprüft. Im Nachhinein habe ich gesehen, dass die Vollautomatik ausgewählt war.

Das Bild habe ich nachbearbeitet. Die Helligkeit habe ich weit heruntergenommen und die Sättigung leicht erhöht.

Dabei ist mir allerdings aufgefallen, dass das Bild – für meinen Eindruck – nur als Vorschaubild gut aussieht, spricht in recht kleiner Auflösung.

Schon wenn ich es auf normale Desktop-Größe bringe, verliert es stark. Von der Idee, das als Poster drucken zu lassen, habe ich mich also verabschiedet. Ich denke, dass alles im Bild schlicht unscharf geworden ist. Das wundert mich etwas, denn obwohl aus der Hand gemacht, sollte eine 1/125 Sekunde nicht zu solcher Unschärfe führen, oder? Zudem habe ich bei aller Eile doch zumindest darauf geachtet, dass der Fokus der Kamera mir den Wolkenfetzen als „scharf“ gemeldet hatte.

Ich habe überlegt, das Bild noch zu beschneiden, bin allerdings nach einigem Herumexperimentieren mit dem Original-Ausschnitt zufrieden. Doch es bleiben für mich zwei Fragen: kann jetzt noch etwas getan werden, um das Bild auch für höhere Auflösungen zu retten (meine Versuche mit Schärfung, etc. waren alle nicht von Erfolg gekrönt)? Und was könnte ich beim nächsten Mal besser machen, damit das Bild gleich besser wird?

Ist das Bild unscharf? Und wenn ja, wie scharf ist normalerweise die Kante einer Wolke?

Diese Farbfotografie zeigt einen stürmischen Himmel mit dunklen Regenwolken, vor denen ein Wolkenfetzen von der tief stehenden Sonne so beleuchtet wird, dass er aussieht wie eine Flamme.

Tolle Situation, schön gesehen, gar nicht schlecht fotografiert und mit Abdunkelung der Aufnahme verstärkt. Mit dieser Einschätzung wirst Du Dich nicht zufrieden geben, also schauen wir genauer hin (und hoffen auf viele Meinungen und Experteneinschätzungen): Du bist der Ansicht, das Bild ist unscharf, und fragst, ob Du das nachträglich ändern oder vorgängig besser hättest machen.

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Da stellt sich zunächst die Frage, ob das Bild wirklich unscharf ist. Immerhin ist das, was Du da fotografiert hast, eine Wolke vor anderen Wolken. Wolken sind Wasserdampf, also winzige Tröpfchen, die in der Luft schweben und ständig in Bewegung sind. Solche Wolkenfetzen wie die hier abgebildeten sind typischerweise kondensierte Tröpfchennebel, der soeben wieder in den gasförmigen Zustand übergeht. Wie scharf ist die Kante einer Dampffahne? Haben solche Wolken „scharfe“ Kanten?

Unschärfe kann zwei Gründe haben:

  • Der Sensor der Kamera wurde, während er ein Bild aufzeichnete, bewegt. Oder das gesamte Motiv vor der Kamera hat sich bewegt. Das ist Bewegungsunschärfe.
  • Die Optik vor dem Kameraverschluss war so eingestellt, dass sie das Licht nicht an der Stelle richtig gebündelt und ein „scharfes“ Bild auf den Sensor geworfen hat, wo es beabsichtigt war, sondern es gestreut hat. Das ist ein falsch gesetzter Fokus. Die Unschärfe resultiert aus einer (kreisförmigen) Streuung der Lichtstrahlen statt einer punktgenauen Bündelung.

Die Auswirkungen der beiden Unschärfen dürften ähnlich sein – statt als Punkt auf dem Sensor wird eine Punkt des Motivs als Wolke von Punkten abgebildet.  Bei der Bewegungsunschärfe ist dabei möglicherweise eine Art „Linie“ von Punkten aus dem einen Motivpunkt geworden, weil er sich während der Aufnahme in eine bestimmte Richtung bewegt hat. Typischerweise „verlaufen“ dabei auch die Kanten von Flächen, statt eines eindeutigen Kontrasts ergeben sich weichere Verläufe.

Kann man also aus einem unscharfen Bild oder einem, in dem die Schärfe an der falschen Stelle liegt, mittels Software ein scharfes Foto machen?

Kurze Antwort: Nein. Was nicht da ist, kann nicht verbessert werden.

Längere Antwort: Manchmal, in begrenztem Umfang, vor allem bei Bewegungsunschärfe.

Photoshop-Verwacklungsfilter

Hoffung für unscharfe Bilder: Der Verwacklungsfilter

Denn besonders hier kann, wenn die Bewegung sehr eindeutig ist, der Ausgangspunkt der Bewegung festgestellt und die „überflüssigen“ Pixel des einen Motivpunkts weggerechnet werden (wobei sie mit etwas ersetzt werden müssen aus der Umgebung, was die Aufgabe auch nicht leichter macht). Grobes Beispiel: In einer Sternenspur-Fotografie ist eigentlich klar, wo der Stern zu Beginn der Aufnahme stand. Eine Software könnte jetzt also ausgehend vom runden Stern am Anfang des Strichs alle gleichfarbigen Bildpunkte des „Schweifs“ dieses Sterns wegrechnen und durch dunklen Himmel ersetzen.

Etwas in der Art, nehme ich an, erledigt die Funktion „Verwacklung reduzieren“ unter „Filter“, „Scharfzeichnungsfilter“ in Photoshop. Ich habe sie auf Deine Aufnahme angewandt, und zwar mit ziemlich gesteigerten Werten in den Schiebereglern, und das ist dabei herausgekommen:

Feurweolken am Himmel, mit herausgerechneter Verwacklung.

In Photoshop mit „Verwacklung reduzieren“ nachbearbeitet: Die Software findet offensichtlich eine Bewegungsunschärfe.

Hier stellt sich jetzt die Frage, die man sich als Fotograf eigentlich nicht stellt: Ist das das, was da oben am Himmel war, oder ist das das, was Du gesehen hast? Anders gesagt: Hast Du das Bild verwackelt, oder lag da wirklich so viel Bewegung in der Wolke, dass in einer 125stel Sekunde mit Brennweite  95mm (KB-äquivalent) die Unschärfe sichtbar wurde? Photoshop „weiss“ das natürlich auch nicht und geht davon aus, dass schwach kontrastierende Kanten Unschärfe und, da ich den Verwacklungsfilter anwende, wohl eben Verwacklungen sind – und tut was dagegen.

Hier der Vergleich in der Vergrösserung, rechts das Ursprungsmaterial:

Links die Wirkung des Anti-Verwacklungs-Filter von Photoshop, etwas übertrieben angewandt.

Links die Wirkung des Anti-Verwacklungs-Filter von Photoshop, etwas übertrieben angewandt.

Das funktioniert bisweilen recht gut, hat anderswo aber üble Artefakte oder eigenartige Effekte zur Folge, die Funktion ist mit Vorsicht zu geniessen und sicher kein Standard-Mittel, um verwackelte Fotos zu Fine-Art-Werken zu machen.

Der Verwackelungs-Filter funktioniert bisweilen recht gut bei leicht unscharf wirkenden Fotos.

Jetzt kommt der zweite Punkt: Allgemeine Unschärfe, die flächig und weichen Kontrasten über grosse Bildteile besteht, lässt sich nicht „reparieren“. Denn anders als bei der linearen Bewegungsunschärfe gibt es ja keinen Anhaltspunkt, welche Pixel die „richtigen“ sind.

Zwar gibt es die verschiedensten Schärfe-Tools in jeder Bildsoftware. Aber die sind nicht dazu gedacht, eine unscharfe Aufnahme in den Fokus zu bringen. Sie dienen vielmehr dazu, die bereits in der Aufnahme von der Fotografin sehr bewusst an einer Stelle in der Aufnahme mit dem Fokus gesetzte Schärfe im Prozess von Bearbeitung und Druck so zu erhalten, wie sie gewünscht war.

Schärfe-Tools in Bildsoftware sind nicht gedacht, einen falsch gesetzten Fokus zu reparieren. Das können sie nicht.

  1. Da wäre zunächst die Aufnahme-Schärfe, die aus den Pixeln der vom Sensor erfassten Bilddaten besteht. Diese Schärfe wird von den Kameraprozessoren meistens bis zu einem gewissen Grad abgeschwächt, um weichere Übergänge in den JPGs zu liefern: Kantenglättung und weitere Funktionen verhindern unerwünschte Effekte des Umstands, dass das Bild auf dem Sensor ein Mosaik aus einfarbigen Pixeln ist.
  2. Im kreativen Prozess der Bildnachbearbeitung sorge ich als Fotograf für die Kreative Schärfung, möglicherweise entgegen den Algorithmen, die in der Kamera irgendwelche Durchschnittswerte wählen. Mit Hilfe der entsprechenden Filter werden hie vor allem die Kanten wieder stärker hervorgehoben, indem die Kontraste beim „Schärfen“ verstärkt werden. Dabei besteht die Gefahr, des Guten zu viel zu tun, was Heiligenscheine und Halos zur Folge hat.
  3. In einer dritten Stufe sollte die Fotografie schliesslich für den Druck oder die Darstellung am Bildschirm geschärft und für das Medium angepasst werden. Je nach Bildschirm  (Apples Retina-Pixelmonster zeigen etwas ganz anderes als Monitore mit einer sehr viel geringeren Pixeldichte) oder Papier ist es angezeigt, die „Schärfe“ weiter anzuheben oder zu reduzieren.

Und jetzt zurück zu Deiner Fotografie: Ich weiss nicht, ob sie unscharf ist. Ich frage mich aber auch, ob das angesichts des Motivs wichtig ist.

Bedeutend ist, dass Du das Motiv gesehen, fotografiert und so nachbearbeitet hast, dass es dem entspricht, was Du gesehen hast oder zeigen willst. Zusammen mit dem von Dir gewählten Titel ein spannendes Bild.

2 Antworten
  1. Mark Piontek
    Mark Piontek says:

    Vielen Dank an Heiko Rau für das eingereichte Bild. Für mich stellt in der hier dargestellten Auflösung die Schärfe kein Problem dar. Ich habe aber auch die Wolke nicht live gesehen.
    Wie Peter in der Bildkritik schon festgestellt hat, besitzt eine Wolke keine scharfen Kanten.

    Der Eindruck von Schärfe in einem Foto ist allerdings nicht allein von der klaren Darstellung einer Kante sondern auch vom Kontrast an der Kante abhängig. Genau das ist der Angriffspunkt an dem die meisten Nachschärfungsalgorithmen ansetzen: Sie detektieren Kanten im Bild und erhöhen dort partiell den Kontrast.
    Es könnte daher auch durch Anhebung des Kontrasts im Bereich der hellen Wolken im Vordergrund z.B. mit Hilfe der Gradationskurve der Schärfeeindruck im Bild erhöht werden. Der Vorteil der Gradationskurve liegt darin, dass der Kontrast durch erhöhen der Steilheit auch selektiv für einen bestimmten Helligkeitsbereich angewendet werden kann.

    Genau die Helligkeit ist in Heikos Bild der Punkt in der sich die Wolke im Vordergrund vom Hintergrund klar unterscheidet. Es ist also recht einfach möglich, den Kontrast nur für die helle Wolke, aber nicht für den dunklen Hintergrund anzuheben. Der Hintergrund soll ja weiterhin unscharf wirken.

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  2. Heiko says:

    Hallo Peter,

    „[…] schön gesehen, gar nicht schlecht fotografiert […] ein spannendes Bild.“ – da bin ich als Gelegenheitsknipser doch äußerst zufrieden. Vielen Dank!

    Du stellst noch die Frage zur Diskussion, ob die Schärfe in diesem Bild überhaupt wichtig sei. Nachdem ich Deine Bearbeitung mit den „reduzierten Verwacklungen“ gesehen habe, lautet für mich persönlich die Antwort: ja.

    In Deiner Bearbeitung herrscht dann in dem Bild eine Situation, wie bei einem Portrait: der Hauptakteur ist scharf, der Hintergrund versinkt im Bokeh (also in einem klassichen Portrait-Bild, nicht in meinem Bild). Das verleiht dem Bild noch etwas Tiefe, finde ich. Und es lenkt durch den Schärfe/Unschärfe-Kontrast den Blick nochmal mehr auf das eigentliche Motiv. Und so wirkt es für mich auch nicht nur als Vorschaubild, sondern auch in größeren Abmessungen viel besser.

    Ich nehme für mich mit, dass ich es das nächste Mal mit dem „Sport-Modus“ der Kamera versuche, der ja die kürzeste Verschlusszeit sucht.

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