Winterfotografie:
Die Sonne im Eis

Manche Dinge sprechen in einem Foto ganz für sich selbst, ohne dass man dazu noch viel Aufhebens um das Drumherum macht.

Eischollen in einer Kuhtränke vor der Sonne

Kamera: Fujifilm X-T10 1/350s bei Blende 13 mit 50mm Brennweite und ISO 400 © Steffen Deimann

Steffen Deimann aus Aachen schreibt zu diesem Bild: Dieses Bild habe ich am 30.12.2016 gemacht bei einem Spaziergang durch das Brander Feld bei Aachen. Meine Absicht war, die wärmende Sonne und gegenüber das kalte Eis zu stellen, und dass doch beide gleichzeitig da sein können. Selbst die kleinen Eisschollen wirken auf besondere Weise schön und lassen den Sonnenschein sehr schön reflektieren.

Hm. Irgendwo in dieser Fotografie ist ein Bild. Aber wo nur…?

Eine Farbfotografie mit der frontalen Sonne im obersten Drittel zeigt uns den Blick über eine sehr dicht beim Fotografen liegende Wasserfläche. Diese ist in der vordergründigen Unschärfe tiefschwarz und offenkundig gefroren; im Mittelteil des hochkant-Bildes sind Stücke einer gebrochenen, recht dichten Eisschicht zu sehe, in denen sich die Sonne spiegelt. Im obersten Bildteil gegen die Sonne hin sind nach rechts in der Diagonalen verlaufend ein Zaun anhand der Zaunpfähle erkennbar. Rechts ragen einige Äste eines Buschs ins Bild.

Du hast mit der Fuji XT10 (Affiliate-Link) fotografiert, deren APSC-Sensor (das ist die gleiche Sensorgrösse wie die DX-Nikon-Spiegelreflex, eine Stufe unter dem Kleinbild-Vollformat und für eine Systemkamera wie die Fuji beachtlich gross) bei 50mm Brennweite ungefähr das Bild eines 75mm-Objektivs auf einer Kleinbildkamera aufnimmt. Anders gesagt, Du hast zwar ein Normalobjektiv auf der Kamera gehabt, aber der Bildausschnitt entspricht dem eines Teleobjektivs.

Weil ausserdem dein Fokuspunkt – die Eiskanten – recht nahe bei der Kamera lagen, hat sich trotz der relativ kleinen Blende 13 ein starker Unschärfe-Effekt in den Tiefen des Bildes entwickelt, den wir bei Aufnahmen wie dieser ja auch schätzen. Dass Du die Empfindlichkeit der Kamera auf 400 ISO eingestellt hattest, ist der dunklen Vordergrundfläche geschuldet – die direkt abgelichtete Sonne besteht zwar im innersten aus einer ausgebrannten, also vollkommen zeichnungsfreien Fläche, aber das stört nicht, wenn dafür nirgends im Bild ein Schatten ebenfalls total abgesoffen, das heisst zeichnungsfrei schwarz ist.

Reduktion durch Ausschnitt

Reduktion durch Ausschnitt

Soviel zur Technik: Du hast eigentlich alles ziemlich richtig gemacht, wenn das, was Du im Bild vor allem zeigen wolltest, das Eis in der Bildmitte ist. Du hast es korrekt belichtet und mit der Schärfe, respektive der Schärfentiefe, so freigestellt, dass man es unweigerlich genauer untersucht.

Wenn man übrigens genau hinsieht, erkennt man das Lens Flare, die Blendenflecke, etwas rechts unter der Sonne: Ein Effekt, der bei gewissen Lichteinfällen bei jeder Kamera auftreten kann, und der aus einer Spiegelung des Lichts auf den einzelnen Linsen des Objektivs und der Begrenzung der Blende besteht. Man kann ihn unter Umständen durch Abschatten des Objektivs mit einer Sonnenblende oder der Hand, aber auch mit Filtern vermeiden, allerdings bei solchen direkten Gegenlichtaufnahmen nur eher schwer.

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Mir ist das Bild ins Auge gesprungen, aber wenn ich sehe, wie sorgfältig Du die Eischollen isoliert hast, frage ich mich, warum Du sie nicht gleich zum einzigen Motiv gemacht hast: Sie zeigen ganz allein, dass sie auch in der Sonne existieren können, wie Du beschreibst, denn die Sonne bringt sie überhaupt erst zum leuchten. Der schwarze Vordergrund im Bild trägt, schon aufgrund seiner Unschärfe, nichts wesentliches mehr zum Bild bei; die Sonne und die Pfähle im Hintergrund sind ebenfalls optisch nicht wichtig, und Deine wortreiche Erklärung zeigt nur, dass Du selber eine Begründung suchst, warum sie im Bild sein müssen – ich kenne das gut, es ist die Hemmung, ein Bild auf das Maximum zu reduzieren. „Aber man muss doch noch sehen, dass…“, denkt man, dabei muss man gar nichts sehen ausser dem Motiv.

Noch enger beschnitten...

Noch enger beschnitten…

Ich habe das Bild deswegen in einem zweiten Durchgang noch weiter beschnitten, und siehe da: Schon fast ein Makro, wirken die hinterleuchteten Eisstücke sogar mit dem Blendenfleck noch viel attraktiver: So gibt es viel zu sehen in dem Bild, die Lichtbrechung zu ergründen und die hundertfache Repetition der Sonne in den kleinen Glanzlichtern zu finden. Ich habe zudem die Ecken des Bildes mit einer sogenannten „Vignette“ in Lightroom ein bisschen abgedunkelt.

Und ganz zuletzt habe ich noch eine Vergrösserung des zentralen Bildausschnitts angelegt, der mir persönlich am besten gefällt. Zwar ist der Zaun nicht mehr zu erkennen. Aber die Sonne, die ist dutzendfach vertreten, und das Eis ist eine Welt für sich.

Viele kleine Sonnen prangen im Eis.

Viele kleine Sonnen prangen im Eis.

Toll, dass Du das gesehen hast. Vielfach steckt das Bild eben irgendwo in der Fotografie drin. Die Übung und das geschulte Auge führt dazu, dass man es schneller erkennt – und den Ausschnitt von Anfang an entsprechend wählen kann.

9 Antworten
  1. Stephan says:

    Tolle Aufnahme! Der Hintergrund mit der Sonne und dem Zaun stört allerdings etwas, den würde ich auch wegschneiden. Den unscharfen Vordergrund würde ich nicht oder nicht komplett opfern. Auch wenn man da eigentlich nichts sieht, ergibt sich doch ein schöner Kalt-Warm-Kontrast in den Farben. Und der Verlauf von Dunkel- zu Hellblau gibt dem Foto räumliche Tiefe.

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    • Peter Sennhauser says:

      Danke für das Beispiel – das habe ich mir auch überlegt, es dann aber verworfen. Ich finde einfach, für diesen Beschnitt müsste mehr Schärfe im Vordergrund liegen.

    • Stephan says:

      Da das Foto im Ausschnitt sowieso etwas ins abstrakte bzw. malerische geht stört die fehlende Schärfe nicht so sehr. Okay, dass ist jetzt mein sehr subjektiver Eindruck. Stellen Sie sich einfach vor, Sie sind weitsichtig und ohne Brille ins Wasser gefallen :-)
      Aber klar, Unschärfe im Vordergrund ist immer etwas problematisch, da gebe ich Ihnen recht.

    • dierk
      dierk says:

      wie Stephan stören mich auch in dem Bild besonders die Äste oben rechts und weiter zu viel dunkler unscharfer Vordergrund und eigentlich auch die Zaunpfähle.
      Das Bild von Stephan ist eine tolle Interpretation des Ausgangsbildes.

      Es ist zwar ganz anders als dieses Bild, aber ich möchte euch auf eine traumhafte Serie von Eis(bergen) aufmerksam machen:
      Melting Giants von cole thompson photography
      http://www.colethompsonphotography.com/MeltingGiants.htm

      Das Beste, was ich in der Art bisher gesehen habe!

  2. Steffen R. says:

    Ich schließe mich Peter an. Ob der Beschnitt ganz so arg ausfallen muss wie im letzten Bild bin ich mir allerdings nicht sicher. Ich könnte mir auch eine Variante vorstellen wo der Zaun im Hintergrund gerade noch zu erkennen ist. Insgesamt denke ich allerdings, dass der Beschnitt gerade die Reflexion der Sonne im Eis westentlich stärker zur Geltung kommen lässt.
    Viele Grüße
    Steffen R.

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  3. Ambitious says:

    Ich finde das Ausgangsbild toll, und sehe keine Notwendigkeit, auf das Maximum zu reduzieren. Das stark beschnittene Bild gefällt mir zwar auch sehr gut, hat aber eine ganz andere, allerdings nicht zwingend eine bessere Aussage, meiner Meinung nach. Ich jedenfalls fühle mich in der oberen Aufnahme sehr aufgehoben und wäre gern selbst dort gewesen, was mir beim aufs Eis reduzierten Ausschnitt nicht so geht.

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  4. Tilman says:

    Eine wirklich sehr lehrreiche Besprechung, Peter. Vielen Dank dafür. Mir gefällt das Bild mit Beschnitt auch viel besser, die letzte Variante ist fantastisch. Im Original wurde man irgendwie nur von der Sonne geblendet. Nicht verstanden habe ich Deine Anmerkung zu ISO 400, Peter. Steffen hätte doch auch mit ISO 200 (Grundempfindlichkeit der Kamera) und 1/150 s fotografieren können? Danke auch für Dein tolles Bild, Steffen!

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