Bewegung durch Composite:
Windspiel-Fotografie

Bewegung konnte bisher in der Fotografie entweder eingefroren oder verwischt werden – beides im gleichen Bild war nahezu unmöglich. Jetzt macht die digitale Kombination von Fotos – Composite – viel mehr möglich.

Composite-Blumenfotografie

Composite aus zwei Aufnahmen: Sony Alpha 7, 1/20s bei Blende 4.5 mit 64mm Brennweite und ISO 50, © Ralf Lehmann

Ralf Lehmann aus Dresden schreibt zu diesem Bild: Bewegung in einem Bild festzuhalten empfinde ich als besondere Herausforderung.
Hier hat mich stark wechselnder Wind dazu animiert, mehrere Aufnahmen vom gleichen Kamerastandpunkt zu kombinieren.
Die Bewegung wurde mit 1/25 belichtet. Dann musste ein Moment der Windstille abgewartet werden, um die scharf sichtbaren Blüten aufzunehmen. Diese wurden dann in Photoshop mit Hilfe von Ebenenmasken partiell über die Basisebene gelegt. Mit Blende 4 wollte ich dem Hintergrund seine Schärfe nehmen, trotzdem hat er wegen der leuchtenden Farben für mich eine wichtige Aufgabe im Bild. Am Ende wurde das Bild noch horizontal gespiegelt, obwohl auch die Original-Ausrichtung meiner Meinung nach ihren Reiz hat. Das ist sicherlich Geschmackssache.

Bewegung in der Fotografie: Geht das überhaupt? Klar geht’s, es ging schon immer, und es sorgt für spannende Fotos.

Ich geb’s zu: Ein bisschen wollte ich mit der Behauptung im Lead provozieren. Denn selbstredend hatten die Fotografen in den letzten nicht ganz zweihundert Jahren nicht gefaulenzt und durchaus Wege gefunden, wie man Bewegung und Schärfe in einem Bild ablichten konnte. Eine Variante etwa ist ganz einfach das Blitzlicht, mit dem bei offener Linse ein Augenblick des Geschehens, das gerade als Verwischte Schlieren aufgenommen wird, gestochen Scharf in Szene gesetzt wird, weil es einen Blitz lang heller ist als alles andere. Und selbst das Zusammenfügen mehrere Fotos, was wir heute Composite nennen und in Photoshop dank Ebenen-Technik sehr einfach bewerkstelligen können, war schon machbar und hiess auch zur Zeit der analogen Fotografie Composite.

Blüten im Wind-Foto-Composite

Die eine scharfe Blüte liegt genau im Goldenen Schnitt

Bei der Composite-Technik werden heute in Photoshop zwei Fotografien übereinandergelegt. Dank der Ebenen-Technik kann dabei sehr differenziert Transparenz vom vorderen zum hinteren Foto geschaffen und die beiden Aufnahmen so miteinander kombiniert werden.

Ein Beet kleiner, violett-gelber Blumen neigt sich im spürbar starken Wind vom linken Bildrand gegen die Bildmitte zu.  Mittendrin (und ziemlich im goldenen Schnitt) sind einige Blütenstände scheinbar Stillstehend und scharf abgebildet. Dahinter ist in der Schärfenuntiefe ein Garten mit einer Hecke und weiteren Blumen in anderen Farben gerade noch erkennbar.

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Ich hielt die Composite-Technik bisher für ein Griff in die Trickkiste, der mir zu tief ging und für den ich kaum eine sinnvolle Anwendung ausser „Schau mal, was ich mit Photoshop machen kann“ gesehen habe. Du belehrst mich hier eines besseren: Diese Fotografie zeigt etwas, was ich noch selten auf einer Fotografie gesehen habe, nämlich Bewegung und Stillstand zugleich.

Zur Technik kann ich nicht viel sagen, ausser, dass ich mich frage, mit welchen Einstellungen Du die scharfe Aufnahme der stillstehenden Blüten gemacht hast.  Ausserdem finde ich, die Unschärfe ist genau im richtigen Masse enthalten, um den Hintergrund natürlich wirken zu lassen.

Nicht so sicher bin ich mir in der Komposition bei den Blumen am rechten Bildrand, die unnötig von der Bewegtheit im linken Bildteil ablenken. Ich hätte den Ausschnitt etwas weiter nach rechts geschoben und das Foto ausserdem wahrscheinlich vignettiert, um die Ablenkung ein bisschen zu reduzieren.

Blumen in Bewegung - Composite-Foto

Mit Vignette

Was die Composite-Technik angeht, von der ich wenig bis nichts verstehe, weil ich selber erst einzelne Fotos mit Ebenen kombiniert habe, fallen mir dennoch die Stile der Blüten in der linken Bildhälfte negativ auf, die ein Halo aufweisen und das Bild als Konstrukt entlarven. Ich weiss nicht, wie sich das hätte vermeiden lassen, aber wenn ich an Deiner stelle nochmals daran arbeiten würde, dann wäre es das, was ich zu verbessern versuchen würde.

Composite-Foto, Problemstelle

Problemstelle

Ansonsten ein Bild voller Dynamik, das die heftigen Windböen nahezu fühlbar macht.

11 Antworten
  1. dierk
    dierk says:

    Der linke Teil des Bildes gefällt mir.
    Auf der rechten Seite stören mich die gelben und roten Blüten im Hintergrund sehr. Ich hätte auch wie Peter den Blick durch etwas Vignettierung in die Mitte gelenkt.
    Wie Peter habe ich auch gleich daran gedacht, so etwas mit Blitz zu machen. Müsste ich mal ausprobieren.
    Aber auch so ist die Technik für mich gut gelungen.
    Mich würden die Daten für die kurze Belichtung interessieren oder sind es die gleichen Daten nur eben Windstille?

    BTW: unter dem Bild steht 640mm Brennweite

    Antworten
    • Ralf Lehmann says:

      Hallo dierk,
      wieso da 640mm stetht, kann ich nicht sagen.
      Die obere Ebene wurde mit einer Sony A7II bei Brennweite 64mm, Blende F/4,5, 1/25 Sek. belichtet, ISO 50 war eingestellt.
      Habe wenig Blitzerfahrung. Sicherlich ist es damit möglich, einen „Bruchteil“ der Bewegung „einzufrieren“. Ob es auch bei den damals herrschenden Lichtverhältnissen machbar gewesen wäre, kann ich nicht so gut beurteilen.
      Viele Grüße
      Ralf

    • Peter Sennhauser says:

      Warum da 640 statt 64mm steht? Ich kann das schon sagen: Weil ich einen Typo reingepflaumt habe. Sorry!

  2. Ralf Lehmann says:

    Hallo Peter,

    hatte zwischen Deinem Satzteil „Ich hätte den Ausschnitt etwas weiter nach rechts geschoben“ und dem Bildausschnitt einen Zusammenhang hergestellt, der nicht existiert – sorry, das war ein Missverständnis. Trotzdem gefällt mir auch der Ausschnitt, selbst wenn es eine eher zufällige Auswahl ist.

    Viele Grüße
    Ralf

    Antworten
    • Tilman says:

      Mein erster Versuch… lustig, man hat unheimlich viele Möglichkeiten die Ebenen zu kombinieren.

      0

    • Ralf Lehmann says:

      Hallo Tilman,
      ja, da gibt’s unendliche Möglichkeiten. Entscheidend ist die gute Aufnahmeplanung und -durchführung.
      Hier noch ein kleines Beispiel, bei dem ich die auf einem sehr stabilen Stengel stehende Blüte (Fackellilie) in Bewegung versetzt habe, sie schwingt dann langsam aus, was ich mit 1,6 Sek. Belichtungszeit aufgenommen habe. Darüber dann wieder die scharfe Aufnahme … .
      Viele Grüße
      Ralf

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    • Tilman says:

      Super Foto, Ralf ! Ja, man muss schon etwas Erfahrung haben, um sich bereits bei der Aufnahme vorstellen zu können, wie das Kombinieren hinterher aussieht. Oder sich halt überraschen lassen ☺ Viele Grüße, Tilman

  3. Ralf Lehmann says:

    Vielen Dank für die Bildkritik, freue mich sehr darüber!

    Die Schnittvariante gefällt mir ausgesprochen gut! Die scharf abgebildete Blüte steht noch mehr im Mittelpunkt des Interesses. Hatte wegen des Wind-Bezugs eine „luftigere“ Darstellung gewählt, damit die Bewegung viel Raum hat, aber Konzentration ist meistens gut und hier auf jedenfall sinnvoll.

    Dass das Bild als Konstrukt erkennbar ist, halte ich sogar für gut. Fotoexperten gibt es Hinweise, die den normalen Bildbetrachter aber wahrscheinlich nicht stören (jedenfalls habe ich keine Hinweise dazu erhalten, das Bild ist gerade in einer Ausstellung zu sehen ;-).

    Die obere Ebene wurde mit einer Sony A7II bei Brennweite 64mm, Blende F/4,5, 1/25 Sek. belichtet, ISO 50 war eingestellt (sorry, das hätte ich gleich dazu schreiben solllen).

    Deine Meinung, dass Photoshop-Techniken nie nur aus Selbstzweck (oder der Korrektur von Aufnahmefehlern) genutzt werden sollten, teile ich. Hier hatte ich das Bildergebnis schon bei den Aufnahmen im Kopf, da war PS das Mittel, zum ZIel zu kommen. In diesem Fall finde ich es sehr erfreulich, über solche Mittel relativ einfach verfügen zu können.

    Viele Grüße und nochmals Danke
    Ralf

    Antworten
    • Peter Sennhauser says:

      Hallo Ralf
      Verstehe nicht, welche Beschnittvariante Du meinst – ich schlage keinen beschnitt vor, ich finde Deine Komposition perfekt! Das letze Bild soll nur den Problempunkt beim Stängel zeigen.

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