Street-Fotografie:
Schärfentiefe Spiegelung

Die Diskussion über die Street-Fotografie ist in vollem Gange: Hier eine Aufnahme, die keine Gesichter zeigt, dafür technische und kompositorische Fragen nach der Schärfentiefe aufwirft.

Street-Fotografie Rushhour

Canon PowerShot G7 X Mark II – 1/20s bei Blende 2.8 mit 36mm Brennweite und ISO 200 © Michael Wagner

Michael Wagner aus Lilienthal schreibt zu diesem Bild: Ein regnerischer, trister Abend in Hannover, die Menschen eilen nach Hause, in den leeren Geschäften sind die Schaufenster noch erleuchtet. Diese Stimmung wollte ich im Bild festhalten und wählte den Bildausschnitt mit der Pfütze, in der sich das Schaufenster spiegelt. Die Umsetzung in SW soll die triste Stimmung des Regenabends verstärken.

Wo setze ich bei einer Spiegelung den Fokus: Auf das Objekt, das spiegelt, oder das, das sich darin spiegelt? Wie ist dabei mit der Schärfentiefe umzugehen?

Ganz offensichtlich ist es möglich, Street Fotografie zu machen, ohne die Menschen, die man fotografiert, zu zeigen. Wir haben mehr als ein schönes Beispiel für solche Bilder – das hier gehört neu dazu.

Auf einem Gehsteig gehen Menschen vor einem hell erleuchteten Schaufenster vorbei. Die Kamera zeigt in diesem Schwarz/Weiss-Bild aber die Szene nur von der Hüfte abwärts – die Beine stecken in dicken Stiefeln und eilen über den nassen Asphalt – vier Beinpaare von rechts nach links, wenn ich richtig gezählt habe. Im Vordergrund der Aufnahme Spiegelt eine Pfütze das Schaufenster im Hintergrund.

Mit einem Zwanzigstel und mit offener Blende hast Du hier die Bewegung der Menschen am Abend verwischt eingefangen: Ich gehe davon aus, dass das aus der Hand geschehen ist; die Schärfe ist hinreichend, die Belichtung stimmt, wenn man die hellen Stellen des Schaufensters als Massstab nimmt.

Diese Fotografie will und kann nichts anderes als Stimmung transportieren: nasskalte, eilige Fussgängerstimmung. Die Komposition ist gelungen, gemessen an dem, was Du beabsichtigt hast.

Die Verkippung nach links ist vielleicht nur für mich ein Problem – mich stören offensichtlich falsche Winkel immer, egal, welches fotografische Genre.

Unverkippt: -1.9 Grad

Unverkippt: -1.9 Grad

Andernorts haben wir hier schon die Meinung gelesen, dass in der Streetfotografie Unzulänglichkeiten die Authentizität betonen. Lassen wir das also stehen.

Die fokussiert.com-Bildkritik ist die Besprechung einer von Leserseite eingesandten Fotografie. Sie zeigt Tipps und Tricks zu Technik, Komposition und Nachbearbeitung. Sie wollen dabei sein? Reichen Sie Ihre Fotografie ein. Oder buchen Sie eine private Kritik.

Ähnliches könnte für die Spiegelung in der Pfütze gelten, die durch den auf die Beine oder dahinter gesetzten Fokus bereits in der Vordergrund-Unschärfe liegt. Du hast hier indes schon an einer unerwarteten Stelle eine Unschärfe: Die Beine der Menschen sind durch die Bewegung unscharf, dort, wo ich den Fokus gesetzt erwarten würde.

Schärfenbereiche: der Fokus liegt im Bereich F, der Vordergrund (V) und der Hintergrund (H) sind unscharf. Eine Alternative wäre es gewesen, den Fokus auf die Spiegelung im Vordergrund (und damit wahrschcinlich auf die Distanz zum Hintergrund) zu setzen.

Schärfenbereiche: der Fokus liegt im Bereich F, der Vordergrund (V) und der Hintergrund (H) sind unscharf. Eine Alternative wäre es gewesen, den Fokus auf die Spiegelung im Vordergrund (und damit wahrschcinlich auf die Distanz zum Hintergrund) zu setzen.

Deswegen hätte ich in einem zweiten Anlauf den Fokus auf die Pfütze gesetzt: Sie ist das offensichtlichste Motivobjekt, auf das ich meine Aufmerksamkeit richte. Man könnte jetzt auch argumentieren, dass die Schärfe auf dem Schaufenster in der Pfütze hätte gesetzt werden können, was virtuell die gleiche Distanz von der Kamera hat wie das reale Schaufenster und damit zu einem Schärfe-Bereich mitten in der Unschärfe des Vordergrunds würde – aber leider ist die Pfütze selber auch schon so bewegt, dass ich nicht sagen kann, ob der gespiegelte Hintergrund darin scharf ist oder nicht. Grundsätzlich ist das aber eine Variante, mit der man spannende Spiele treiben kann – wenn man Spiegelungen als Fensterrahmen in eine Distanz benutzt, die so gar nicht existiert.

Deine Absicht hast Du meines Erachtens erreicht. Die Fotografie liefert die Stimmung, die Dir wichtig war.

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