Dynamik-Foto:
Durch den Kanal rauschen

Dieser Urlaubs-Schnappschuss vermag auf einfache Weise das Gefühl einer Gondelfahrt in Venedigs engen Kanälen zu vermitteln. Etwas Bewegungsunschärfe macht den ganzen Unterschied.

Gondelfahrt in Venedig

Gondelfahrt in Venedig – Sony A58, 1/25s bei Blende 11 mit 18mm Brennweite und ISO 100 © Tobias Traxl

Tobias Traxl aus Lauterbach: Das Bild habe ich in Venedig aufgenommen, mit der Absicht die engen Wasserstraßen Venedigs und die, im Gegensatz zu den öffentlichen Plätzen, ruhige Atmosphäre des Wassers einzufangen. Entstanden ist es im Sommer 2016 während einer Jugendfreizeit.

Eigentlich ist in dieser Fotografie nicht arg viel zu sehen. Und trotzdem gelingt ihre Hauptaufgabe – der Transport von Emotion – erstaunlich gut: Die Betrachterin hat nicht nur das Gefühl, in einer Gondel zu sitzen, sondern auch, übers Wasser geschaukelt zu werden. Warum?

Du hast diese Fotografie zwar als „Architekturfoto“ eingereicht, aber das ist sie eindeutig nicht – auch wenn es verschiedene Architektur-Kategorien gibt. Wir sehen in der Farbaufnahme den vorderen Teil einer venezianischen Gondel auf einem tiefgrünen, engen Stadtkanal; sie scheint links einer Klinkerstein-Hauswand entlang zu fahren, von rechts öffnet sich der Kanal in einem Y nach links hinten im Bild. Im mittleren Hintergrund sind die Hauswände sonnenbeschienen.

Du hast hier mit einem Zoom von 18-55mm auf der Sony Alpha 58 (Affiliate-Link) und damit einem Cropfaktor von 1,5 gearbeitet. Das bedeutet, dass die Brennweite von 18mm ungefähr einem Weitwinkel von 27mm im Kleinbildformat entspricht. Eher ungewöhnlich sind die andern Einstellungen – in den dunklen Kanalschluchten hätte ich die Empfindlichkeit auf wenigstens ISO 200 angehoben, und die Blende 11 ist bei einer Weitwinkelaufnahme auch nicht nötig, auch eine weiter geöffnete Blende würde noch ausreichend Schärfentiefe liefern. Mit diesen beiden Anpassungen hättest Du eine kürzere Verschlusszeit erzielt, was bei solchen Lichtverhältnissen und der Fotografie aus der Hand kritisch ist. Bezogen auf die sonnenbeschienene Hauswand ist das Bild auch deutlich überbelichtet.

Und mit einem 25stel würde ich unter fast gar keinen Umständen noch aus der Hand fotografieren. Die Viertelsekunde birgt zwei Gefahren:

  1. Diejenige, dass Du mit einer zittrigen Hand das ganze Bild verwackelst, was es schlicht unbrauchbar macht.
  2. Und die, dass sich im Bild etwas bewegt und dadurch in Bewegungsunschärfe verwischt wird. Diese Gefahr wird umso grösser, je länger die Brennweite ist, mit der Du arbeitest.
Kinofilm-Standbild-Effekt

Genau das ist hier passiert: An den Rändern links und rechts ist deutlich zu erkennen, wie die Backsteine der Mauer sich in der Bewegung parallel zu den Mauerfugen und hin zum Fluchtpunkt des Bildes auflösen. Nur: In diesem Bild ist das ein, wenn nicht der gewinnbringende Effekt.

Tempospuren: Bewegungsunschärfe am Bildrand links

Tempospuren: Bewegungsunschärfe am Bildrand links

Es ist einer von drei Punkten, die für mich das Gefühl auszulösen vermögen, dass ich mich auf der Gondel und in Bewegung befinde:

  • Der nur an den Bildrändern verwischte, an den Augen vorbeihuschende seitliche Bildinhalt vermittelt Geschwindigkeit.
  • Die Verkippung des ganzen Bildes nach rechts, mit der die Lage der Gondel ausgeglichen wird, macht uns zum Bestandteil des Gefährts.
  • Das Breitbildformat von 1:1.8 ergibt den Kino-Effekt und weckt den Eindruck eines Standbilds aus einem Blockbuster.
Die Verwinkelung des Bildes

Die Verwinkelung des Bildes

Ohne diesen Effekt hielte ich das Bild für nicht sonderlich gelungen; will heissen, wenn Du meine ursprünglichsten Ratschläge befolgt und die Empfindlichkeit hochgestellt und die Blende geöffnet hättest, wäre just die Essenz, nämlich das Bewegungsgefühl, verloren gegangen.

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Daneben hast Du mit der Lichtspiegelung auf der Gondel und der blauen Plane zwei Blickfänge, die dem Vordergrund zu etwas Spannung verhelfen. Interessant macht das Bild aber eindeutig der räumliche Effekt, der von der Bewegung und der in die Bildtiefe führenden Kanalanlage lebt. Insofern ist die Komposition mit der Gondel in der linken Drittelung und dem sich Diagonal zur Bildebene öffnenden Kanal sehr gelungen.

Ein Wermutstropfen ist dennoch die überbelichtete Hauswand im Hintergrund. Aber alles kann man bei einem solchen Schnappschuss einfach nicht haben.  Ich habe die Highlights zurückgenommen (was die Überbelichtung nicht ganz korrigieren kann), den Rotstich mit einer Anpassung des Weissabgleichs abgeschwächt und mit einer leichten Vignette den Tunnel-Effekt zu verstärken versucht.

Foto aus der Gondel in Venedig

Leichte Vignette, weniger Rot

3 Antworten
  1. Tilman says:

    Eine super Bild, Tobias. WOW! Und eine sehr lustige Besprechung Peter… ja, was man alles hätte besser machen können… Belichtungszeit, Bild schief… doch dann hätte das Bild keinen Wert mehr… und so geht das bei mir weiter. Die überbelichtete Wand und der Rotstich drücken für mich das Sommergefühle aus, die Hitze, es ist Sommer, Venedig… yes… die Farben dürfen ruhig knallig sein. Die Vignette macht die Bewegungsunschärfe unbedeutend. Für mich ist das Original klar besser. Mit freundlichen Grüßen, Tilman

    Antworten
    • Peter Sennhauser says:

      Ich sage eigentlich genau das, was Du hier nochmals aufzählst, Tilman. „wenn Du meine ursprünglichsten Ratschläge befolgt und die Empfindlichkeit hochgestellt und die Blende geöffnet hättest, wäre just die Essenz, nämlich das Bewegungsgefühl, verloren gegangen.“ Das gilt auch für die Verkippung, und genau deswegen mache ich ja überhaupt darauf aufmerksam. Über die Vignette kann man diskutieren. Den Tunneleffekt erwähne ich nicht ausdrücklich, den finde ich aber auch wichtig.

    • Tilman says:

      Hallo Peter, ich habe Deinen Artikel sowohl gelesen als auch verstanden☺ Ich fand nur lustig, dass man auch Deine „ernst“ gemeinten Verbesserungsvorschläge (Überbelichtung, Rotstich) in Frage stellen kann… auch diese „Fehler“ haben für mich ihren Charme.

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