Poetische Fotografie:
Ein Wintertraum

Bilder, die Geschichten wachrufen, verdienen einen Titel. Diese Aufnahme aus einer ganzen Serie heisst „ins.Wasser.Gehen“ und wirkt wie der Print aus einem Traum.

Blue Hour-Lake Constance. © Florian Fahlenbock

Canon EOS 5D Mark III Aufnahmedaten: 6s bei Blende 16 mit 24mm Brennweite und ISO 100 © Florian Fahlenbock

Florian Fahlenbock aus Markdorf schreibt zu diesem Bild: Diese Bild entstand im Rahmen einer Serie die in den letzten Wochen am gefrorenen Seeufer des Bodensee entstanden ist. An dem Abend war es bitter kalt daher war das nicht gefrorene Wasser glas klar und man konnte die im Wasser liegenden Schwellen unglaublich gut sehen. Der Titel „Ins.Wasser.Gehen“ soll eigentlich eine Geschichte generieren. Gewünscht von mir ist, dass jeder Betrachter seine eigene Geschichte zu dem is Wasser führenden Weg entwickeln kann. Manch einer vielleicht eine melancholische, manch einer vielleicht eine fröhliche. Ich denke das Bild lässt viel Freiraum sich seine Gedanken zu dem Abgebildeten zu machen. Die Bilder der Serie sind, im Gegensatz zu dem hier gezeigten, 1:1 beschnitten und mit Rahmen versehen, um eine gleichbleibendes Format zu erhalten. Meiner Ansicht nach ist dieses Bild das stärkste aus der Serie.

Der Titel „Ins.Wasser.Gehen“ soll eigentlich eine Geschichte generieren. Florian wünscht sich, dass jeder Betrachter seine eigene Geschichte zu dem ins Wasser führenden Weg entwickeln kann.

Peter bat um Unterstützung – und ich will es hier mit einer Besprechung einmal versuchen. Die wird etwas anders aussehen, als ihr es gewöhnt seid.
Es ist hoffentlich nicht zu sehr anmaßend, wenn ich als Amateur das Bild von einem Profi kommentiere.

Ins.Wasser.Gehen – für den „eiligen Leser“ die Kurzform: Im wahrsten Sinne des Wortes ein traumhaftes Bild, Florian!

Was mir daran gefällt:

Du wünscht dir „dass jeder Betrachter seine eigene Geschichte zu dem ins Wasser führenden Weg entwickeln kann. Manch einer vielleicht eine melancholische, manch einer vielleicht eine fröhliche. Ich denke das Bild lässt viel Freiraum sich seine Gedanken zu dem Abgebildeten zu machen“

Genau so geht es mir. Ich blicke in eine endlose blaue Weite. Als Angelpunkt für das Auge dient das Eis im Vordergrund auf dem Betonklotz. Darum herum wandert mein Blick über die Steine am glasklaren Grund, dann in die Tiefe zu den anderen Betonklötzen, dem Pfahl und an dem hellen Streifen am Grund in die Unendlichkeit am Horizont. Der Horizont ist sehr wichtig, sonst würde man sich vollkommen in dem Blau verlieren. Das Licht ist eigentlich gar kein Licht, es kommt von überall oder nirgends. Ich wünsche mir das Bild in 2m Größe an der Wand oder in einer Ausstellung und würde mich dann davor setzen und meditativ hinein begeben.

Ich stimme dir zu, es ist auch für mich das stärkste Bild der Serie.

Wie du schreibst, sind die Bilder auf deiner Webseite auf 1:1 Seitenverhältnis beschnitten. Bei dem Bild hier kommt für mich die endlose Weite durch den freien Raum links und rechts mehr zur Geltung, das 1:1 Format begrenzt den Blick zu sehr. Auch die Ausrichtung auf die Mittellinie passt gut dazu, sie wird durch den Pfahl unterbrochen und nicht langweilig.

In der Situation bieten sich noch weitere Aufnahmen aus einer tieferen Perspektive und mit längerer Brennweite an, z.B. dass das Eis etwas zu einem Eisberg werden kann. Das wäre natürlich eine ganz besondere Perspektive, näher ran an das Eis und fast vom Wasser aus, dann hast du einen richtigen Eisberg – und kalte Füße :-)

Zur Technik:

  • aufgenommen mit Canon EOS 5D Mark III (Affiliate-Link) und 22,3 MP Vollformat-Sensor
  • mit Objektiv 24-70mm bei 24mm, Blende 16 und 5 Sekunden Belichtungszeit in Einstellung Manuell, es sieht wie knapp belichtet aus
  • die Aufnahmezeit von 17:20 Uhr am 23.1.2017 lässt darauf schließen, dass es schon recht dunkel gewesen sein muss
  • ein normaler Weißabgleich (z.B. auf das Eis) hätte die besondere mystische blaue Stimmung zerstört (s. unten).
  • die Belichtungszeit von 6 Sekunden dürfte auch kleine Wasserbewegungen unsichtbar machen
  • dafür musste wohl die Blende 16 benutzt werden, die aber zu stärkeren Einbußen bei der Schärfe durch Beugung führt
  • durch den zu der Zeit wohl schon recht dunklen Himmel gibt es offensichtlich auch keine Reflexionen des Himmels auf dem Wasser, es sieht fast aus wie mit einem Pol-Filter aufgenommen
  • es sieht nach einer leichten Vignette durch die Bearbeitung in Lightroom aus, die gut zu der Bildaussage passt
Fotografie mit Eis: Bodensee im Winter

Der Pfahl (hier wegretuschiert) gibt dem Bild eine besondere Aufteilung. Ohne ihn verläuft sich der Blick zu schnell im Unendlichen.

Bodensee im Winter

Wie oben angesprochen hier dies Bild mit dem Weißabgleich auf das Eis, die besondere Stimmung ist weg, es wird ein langweiliges und normales Bild vom Wasser.

Bodensee-Foto in Schwarz-Weiss

Neben der besonderen Stimmung in Blau bietet sich dieses Motiv natürlich auch für S/W an

Zu dem letzten Bild möchte ich noch die Bilderserie „Melting Giants“ von  Cole Thompson empfehlen,
sie ist das Beste, was ich in der Art bisher gesehen habe.

Ich empfehle besonders die anderen Bilder der blauen Serie auf der Website von Florian und dann auch noch die Landschaften in Schwarz/Weiss.

14 Antworten
  1. Lehmann says:

    Lieber Dierk,

    Ich danke Dir für Deine freundliche und motivierende Resonanz, Du triffst die richtigen Worte! Mir fallen zu vielen Bildern hier viele Gedanken und Überlegungen ein, doch versuche ich es tatsächlich zu vermeiden, Bilder die mir aus welchem Grund auch immer nicht zusagen, zu kommentieren.
    Denn manches gefällt einfach nicht und wie so vieles ist meistens eine subjektive Sicht- und Herangehensweise damit verbunden.
    Bei mir persönlich kommt noch eine Hochsensibilität dazu, die der Eine mit „überempfindlich“ betitelt, der andere gar nicht weiss was das ist geschweige denn bemerkt.
    Nichts desto trotz ist es eine Fähigkeit und gleichsam eine Unfähigkeit, zumindest was die Zwischentöne und diversen Reizüberflutungen betrifft, in allen verstellbaren Sinnesreizen.
    Das einfach mal zu mir.
    In diesem Bild von Florian sehe ich einen wunderbaren, möglicherweise auch unbeschreiblichen Moment des Innehalten, ein Ankommen, in die Ferne schweifen, verweilen, ein Ruhen im Augenblick, eine Anregung zur Entspannung…Und das ist ja auch „normal “ und menschlich, dass nicht
    JEDE (R) zu diesen Wahrnehmungen Zugang hat.
    Ich finde es ein sehr gelungenes Motiv und über Geschichte und Geschmack lässt sich bekanntlich streiten!
    Ich lasse das Streiten und gehe IN DAS BILD!!!!!
    Schönen Gruss Paula

    Antworten
  2. Florian says:

    Hat eigentlich jemand auch die Besprechung gelesen oder habt ihr nur das Bild angeguckt?

    Ich mag nicht zickig wirken, aber das Bild als gefällig zu bezeichnen ist so ähnlich wie es als nett zu beschreiben; und nett ist die kleine Schwester von Scheiße. Was prinzipiell ein Eindruck sein kann den man von dem Bild hat. Dann sollte man es auch so Benennen.

    Es geht aber darum, dass ihr lange suchen könnt nach der Geschichte im Bild. Es gibt sie schlicht nicht wenn ihr sie nicht dazu erfindet. Manch einer kann das sehr gut mit solch minimalistischen Kompositionen, manch einer kann es nicht. Vielleicht mag sich auch der eine oder andere nicht darauf einlassen. Alles gut! Aber wie gesagt. ihr findet die Geschichte, wenn, dann in Euch, nicht im Bild
    (klingt jetzt etwas esotherisch/therapeutisch…so ist es nicht gemeint)

    Auf jeden Fall spannend zu lesen wie es anderen mit dem Bild geht -also kommentiert nur weiter so!

    Herzliche Grüße in die Runde
    Florian

    Antworten
    • Richard says:

      Die Existenz einer Geschichte wird meistens als Bedingung für gutes Foto gesehen. Ich frage (nicht zum ersten Mal) nach der Notwendigkeit, muss eine Geschichte unbedingt sein? Und wenn sie dann aber so individuell ist, wenn sie nur in den einzelnen Köpfen existiert dann warum sprechen wir überhaupt darüber? Was ist das für ein Kriterium, das eigentlich in Wirklichkeit nicht gibt? Um irgendwas zu erfinden braucht man kein Foto, die Zwerge oder die berühmte weiße Mäuse kann man überall sehen, man macht die Augen zu, die Fantasie wird … Um ein Foto sehen zu können muss man aber die Augen aufmachen, weit aufmachen.
      Ehrlich, ich verstehe das mit der Geschichte im Foto nicht.

    • Lehmann says:

      Lieber Florian
      Klare, ehrliche und sinnvolle Gedanken.
      Gut und konstruktiv formuliert.
      Mutig!!!!!
      Paula

  3. thomas says:

    Hallo dierk
    Ich habe lange und wiederhohlt Dein Bild betrachtet. Keine genaue Ahnung warum, hat es doch ein gewisses Interesse geweckt. Normaler Weise kann ich nichts mit minimalistischen Bildern anfangen, da ich immer auf der Suche nach Geschichten bin. Die ist, wenn überhaupt, eben nur minimal in Deinem Bild vorhanden. Also bleibt mir nichts anderes übrig, den Kopf auszuschalten und dem Bauch die Entscheidungsgewalt zu überlassen und der sagt: Blau ist meine Farbe. Dein Blau ist schön!
    Nur, mir ist es zuwenig, nicht ausreichend. Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass Bilder wie Deins mir recht schnell langweilig werden. Auf der suche nach Begrifflichkeiten die Dein Bild für mich beschreiben könnten, fällt mir eigentlich nur eins ein: Gefällig. Was prinzipiell nicht schlecht oder falsch ist, nur eben nicht ausreichend für mich.
    lg

    Antworten
    • Richard says:

      Hallo Thomas!
      Nach dem Spruch: „Gutes Foto muss Emotionen erwecken“ kommt hier ein weiterer: „Ein Foto muss Geschichte erzählen“. Beide sehr oft gehört und gelesen aber noch nie habe ich rationale und nachvollziehbare (verständliche) Erklärung gefunden.
      Was bedeutet das eigentlich?

    • Richard says:

      „Wenn ich die Geschichte in Worten erzählen könnte, bräuchte ich keine Kamera herumzuschleppen.“
      (Lewis W. Hine)

      Ich glaube, für die Geschichten hat man Literatur und Poesie. Fotografie ist eher ein optisches Erlebnis. Ich frage nur, weil ich den Slogan mit den Geschichten in Fotos so oft höre und lese …

    • thomas says:

      Hi Richard

      Es gibt 2 wichtige Sachen die ich mir immer wieder versuche vor Augen zu führen, wenn ich Bilder betrachte, um sie zu vermeiden. Das Eine ist der „kategorische Imperativ“ (sollst, musst uvm.) und das Andere sind sprachliche Verbalismen moralischer Herkunft (gut, schlecht, uvm.). Dadurch bin ich einerseits in der Lage Dinge einfach mal stehen zu lassen ohne Bewertung, andererseits resultiert daraus auch keinerlei zwangsläufige Handlungsanleitung und Argumentationsrichtung.

    • Dierk Topp
      Dierk Topp says:

      Hallo Thomas,
      um eventuelle Missverständnisse zu beseitigen:
      es ist das Bild von Florian! Ich habe es lediglich besprochen.
      VG
      dierk

    • Richard says:

      Außer vielleicht Presse-Fotos sehe ich gerne Fotos ohne Titel und ohne Beschreibung. Ob das Landschaft ist, Macro oder sonst welches Stillleben lieber ohne Informationen, die sogar stören können. Das sind die „Geschichten“ um das Foto und es gibt angeblich noch die „Geschichten“ im Foto. Viele behaupten (sehr viele), dass gutes Foto eine Geschichte erzählen muss. Wie soll man das verstehen?

    • dierk
      dierk says:

      liebe Paula,
      schön, dass wenigstens du dieses Bild gesehen hast. Die Anderen interessieren sich ja offensichtlich nur für den Schnappschuss von der alten Brockenbahn.

      Mich würde schon sehr interessieren, warum hier gar nichts kommt. Ist das Bild zu einfach und/oder bietet zu wenig Ansatzpunkte für eine kritische (positive oder negative) Auseinandersetzung??
      VG
      dierk

  4. Florian Fahlenbock says:

    vorneweg möchte ich sagen, dass es keinesfalls anmaßend von dir ist als Amateur meine Bilder zu beurteilen. Ich weiß gar nicht was das ist, ein Amateur. Von einem Fotografen mit deinen Erfahrungen und deinem Portfolio kann sicherlich jeder noch was lernen!

    Zur Besprechung kann ich nur eines sagen: Danke!

    Ich überlege mir das Bild tatsächlich in groß an die Wand zu hängen. Die Umwandlung in s/w war durchaus auch eine Option für mich, jedoch liebe ich die blaue Stunde und in diesem Fall das satte Winterblau. Daher beließ ich es so wie es ist.

    Nochmals: Danke für die tolle Besprechung des Bildes!

    Antworten

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