Stadtlandschaft:
Das Lichter-Meer

Viel Himmel und eine symmetrische Bildaufteilung ist meistens ein Versehen – oder eine Gewohnheit. Hier allerdings ist es ein verstärkendes Element der Stadtlandschaft.

Urban Scape. Los Angeles bei Nacht. © Roman Becker

Urban Scape. Los Angeles bei Nacht. © Roman Becker

Roman Becker aus Oerlinghausen schreibt zu diesem Bild: Los Angeles bei Nacht. Ein Landschaft voller künstlicher Lichter so weit das Auge reicht.

Ein Wimmelbild aus der Klasse  „Urban Scape“: Es zählt der Gesamteindruck, aber eigentlich könnte man es auch als Gigapixel-Fotografie in sehr gross an die Wand hängen, und es gäbe viel zu entdecken.

Wir sehen: Eine Stadt aus einiger Höhe, nächtens fotografiert. Sie breitet sich in dieser Farbfotografie vor uns aus bis zum in Nebelschwaden verschwindenden Horizont, ein Lichtermeer im offensichtlichen Schachbrettmuster. manche der Lichter sind durch geringe Blende zu Sternbildern geworden, die unterschiedlichen Farbtemperaturen schaffen Abwechslung. Die in der Fläche vor uns liegende Stadt nimmt die untere Bildhälfte ein, ziemlich mittig wird das Bild vom in von unten hell erleuchtete Nebelschleier gehüllten Horizont geteilt. Der Stahlgraue Nachthimmel weist kaum eine Zeichnung aus, nur bei genauem Hinsehen sind einzelne Flugzeugspuren erkennbar.

Leider hast Du uns das Bild zwar in der vollen Auflösung von 5200 auf 3500 Pixel, aber ohne Exif-Daten hochgeladen, wir wissen deswegen nichts über die technischen Daten.

Ich wage ein paar Annahmen: Relativ hohe Empfindlichkeit (Bildrauschen oder starkes „Korn“ im Himmel erkennbar), eher geschlossene Blende (zweistellig), Normalbrennweite oder leichter Weitwinkel bei einigen Sekunden bis zu einer halben Minute Belichtungszeit.

Technisch gesehen finde ich, haut das hin; Das Bild weist ausreichend Schärfe aus, dass man es genauer erörtern und die Details ansehen will. Dass es eine relativ lange Belichtungszeit gebraucht hat, erkennt man erst, wenn man die Quer verlaufenden Strassen unter die Lupe nimmt und verwischte Rücklichter findet, die zu durchgehenden Strichen verwaschen sind; am Himmel sind ganz vereinzelt strichförmige Spuren von Flugzeugen erkennbar.

Bildschirmfoto 2017-04-26 um 19.00.05

Mir persönlich gefallen die Sternbilder der Lichter, aber ich habe etwas Schwierigkeiten mit der langen Belichtungszeit, weil sie Bereiche wie den oben gezeigten mit einer mitten in der Stadt verlaufenden Nebelbank oder einer Rauchfahne zu nicht mehr eruierbaren Schlieren verwischt: Dieser Typ Bild lädt zum Entdecken ein, und eine undurchdringbare „Wand“ von lokaler Unschärfe verwirrt mich dabei.

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Ich habe auch den Verdacht, dass die Aufnahme überlang belichtet oder zu hell wiedergegeben wird; zum einen, weil unsere vollautomatischen DSLRs nicht erkennen, wenn man eine Nachtaufnahme macht und auf die gewohnten 18 Prozent grau als Durchschnitt für das ganze Bild belichten (manuelle Eingriffe oder Dinge wie mittenbetonte Belichtungsmessung mal ausgeschlossen): Dann machen sie tendenziell die Nacht zum Tag, oder hier wahrscheinlich die dunkelste Nacht zur Dämmerung. Ich hätte vielleicht eine etwas kürzere Belichtungszeit gewählt und versucht, die jetzt sichtbare Bewegung ind er Stadt auch noch einzufrieren. Die Empfindlichkeit unserer Kameras sollte das ermöglichen, und wenn die Gesamtbelichtung eh noch etwas abgesenkt wird, würde auch das Rauschen nicht mehr so auffallen.

Ich habe es deshalb mal versucht mit einer Absenkung der Mitten und der Tiefen und einer Anwendung des Filters „Dunst entfernen“ in Lightroom, und damit ein eher „nächtliches“ Bild erzielt. Erst in dieser Fassung hat es geringe Stellen mit totalem Schwarz, und das gefällige daran ist meiner Meinung, dass sie sowohl am oberen Bildrand im Himmel als auch ganz unten in den schattigsten, am nächsten beim Standort des Fotografen liegenden Gassen befinden.

Nachtfotografie Los Angeles

Nachgedunkelt. © Roman Becker

Das entspricht der Bildgestaltung durch die Komposition, bei welcher Du Dich für eine mittige Achse quer durchs Bild entschieden hast: Das sieht man häufig in Landschaftsbildern von Anfängern, weil wir irgendwie natürlich davon ausgehen, dass der Horizont Unser Blickfeld in der Waagerechten genau teilt. Ich plädiere deshalb immer darauf, dem Anteil des Himmels ind er Komposition grosse Beachtung zu schenken und ihn zum weit gespannten Himmelszelt zu machen, das zwei Drittel des Bildes und mehr einnehmen kann, wenn es nötig ist, oder ihn fast auszublenden, wenn die Landschaft darunter dicht und nah wirken soll.

Die Teilung durch die Mitte macht sinn in Spiegelungsbildern in Seen zum Beispiel, oder in Aufnahmen des Ozeans oder der Wüste, welche die Gleichbedeutung oder den Übergang des Horizonts in den Himmel emotional transportieren sollen.

Hier finde ich die Teilung angebracht, weil sie den Effekt des Ozean-Bildes verstärkt. Will heissen, sie macht aus der Stadt zu unseren Füssen ein Meer, das bis zum Horizont nicht endet und so weit reicht wie der Himmel über uns.

Dabei zeigt sich bei genauem Hinsehen, dass das so gar nicht stimmt: In den verhüllenden Nebelschwaden nämlich erhebet sich das Gelände am Horizont in die Hügel, es sind Lichterketten erkennbar, die sich an den Erhebungen hinaufschwingen – aber ohne viel Ortskenntnis ist nicht auszumachen, in welche Richtung wir blicken. Das verstärkt den Charakter des Lichter-Ozeans.  Ein Glücksfall ist auch der Umstand, dass die wichtigste Verkehrsachse hart an, aber nicht genau durch die vertikale Mitte des Bildes läuft und noch  dazu einen leichten Knick hat: Das verleiht der ansonsten unorganisch gleichförmigen Stadt etwas authentisch-lebendiges, es macht sie glaubwürdig.

Alles in allem aber lebt diese Aufnahme von der Inszenierung der Charakterlosigkeit dieser Stadt: ohne erkennbare Wahr- oder Orientierungszeichen, ist es ein menschengemachtes Meer an Lichtern und Strukturen, das den ganzen Bildausschnitt ausfüllt – begrenzt nur vom Himmel.

Spannend genug, finde ich, um es mit einer Mehrteiligen Stitching-Aufnahme und einem Panorama-Stativkopf (Affiliate-Link) zu dem eingangs erwähnten Gigapixel-Bild mit maximaler Schärfe und Auflösung zu machen, wenn Du Ausrüstung und Zeit dazu hast.

7 Antworten
  1. dierk
    dierk says:

    Das die EXIF nicht mitgeteilt werden, ist vollkommen verständlich, sonst könnte ja jemand auf die Idee kommen, so ein Bild nach zu machen :-))

    Es geht hier bei FOKUSSIERT aber sicher nicht nur um das Künstlerische eines Fotos. Ich vermute, dass viele hier auch Hinweise wünschen, welche Technik eingesetzt wurde und wie man mit dieser Technik zu dem Bildergebnis kommt.

    Roman,
    das Titelbild auf deiner HP ist mit der Fujifilm X100S aufgenommen (da ist EXIF drin!), ebenfalls mit f/8 und 30 Sekunden aufgenommen. Die 16MP Kamera hat eine Festbrennweite von 23mm f/2 mit APS-C Sensor, entsprechend 35mm an FF. Dazu gibt es eine Telekonverter mit Faktor 1.4, womit wir bei ca. 50mm wären.

    Ob es nun die X100S war oder eine andere Kamera, ist bei dem Bild wirklich nicht so wichtig. Mich wundert aber, warum du bei einer Aufnahme mit unendlich Einstellung f/8 nimmst. Bei dem Fujinon sollte die optimale Leistung höchstens bei f/4 liegen. Dann hättest du nur noch ca. 8 Sekunden Belichtungszeit oder eine bessere ISO Einstellung (die verrätst du uns auch nicht).

    Das nachgedunkelte Bild ist mir in der unteren Bildhälfte zu kontrastreich, der Himmel gefällt mir jedoch besser abgedunkelt.

    Gigapixel-Fotografie
    Bei dem Motiv wäre sicher nur eine Panoramaaufnahme mit zwei Reihen möglich, wobei in der oberen Reihe unbedingt etwas von der Stadt sein muss. Sonst erkennt das Stitchprogramm nicht die Zusammenhänge. Der strukturlose Himmel lässt sich nicht stitchen. Also bestenfalls 2×4 Aufnahmen im Hochformat. Das würde bei 16MP und leichter Überlappung (also etwa 13MP netto pro Bild) nur ca. 100MP ergeben. Bei einem 24MP Sensor entsprechend etwas mehr. Um bei so einem Bild noch höhere Auflösungen zu erhalten, müsste man mindestens auf den größten Teil des Himmels verzichten.

    Dazu ergänzend ein Hinweis auf das GigaPan Projekt:
    http://www.gigapan.com/
    hier die größten cityscapes:
    http://www.gigapan.com/gigapans?order=by_size&categories=cityscapes&since=&query=&submit=Go

    Das Steuergerät gibt es für kleinere Kameras schon ab 340$
    http://www.omegabrandess.com/Gigapan

    Ein Bild, das ich vor langer Zeit mit der kleinen 10MP Leica D-LUX 3 gemacht habe. Es besteht aus 126 Aufnahmen (18 Spalten, 7 Reihen) und hat knapp 500Megapixel. Man kann fast endlos in das Bild hinein zoomen.
    http://www.gigapan.com/gigapans/29675
    meine anderen Bilder haben bis über 800 MP.

    VG
    dierk

    Antworten
    • dierk
      dierk says:

      eine Ergänzung zu hochauflösenden Panoramen:
      Für Landschaften ohne nahen Vordergrund ist ein Nodal korrigierter Panoramakopf nicht erforderlich. Ich habe meine vielen Panoramen in den letzten Jahren aus der Hand oder von einem normalen Stativkopf gemacht.

      eine weitere:
      der stitcher von GigaPan hat die Info über die Reihenfolge der Bilder (die wird am Steuergerät eingestellt) und kann u.U. sogar blauen Himmel oder wie hier grauen Himmel richtig stitchen.
      VG
      dierk

  2. Paula says:

    Lieber Roman,

    vielleicht wirkt der Bildvordergrund nur auf meinem Laptop Bildschirm unscharf, oder wie nennt man dies, wenn die Lichter verschwommen wirken?
    Ist das bewußt so gewählt, oder entsteht das so, bei Nachtfotografie?Da ich noch nie eine Nachtaufnahme bisher gemacht habe, kann und möchte ich das so oder so gar nicht beurteilen. :-)

    schönen Gruss Paula

    Antworten
  3. Paula says:

    Hallo Roman Decker,

    ab der Mitte des Bildes Richtung Horizont und dunklem Nachthimmel zieht es mich in den Bann.
    Der klar wirkende Nachthimmel fühlt sich beruhigend an und lädt zum Verweilen ein.
    Die Bildebene im Vordergrund wirkt auf mich persönlich sehr unscharf und somit unruhig. Gesamt gesehen ist es ein tolles Motiv und sicher ausbaufähig.
    Viel Spass beim Experimentieren!
    Paula

    Antworten
    • Roman Becker says:

      Hallo Paula, vielen Dank für das Feedback! Kurze Frage. Mit „unscharf“, meinst damit eine technische Unschärfe oder zu viele Bildelemente? Technisch gesehen ist die Schärfe nämlich bis zum Horizont (Nebel) erhalten. EXIF gebe ich ungern raus, ich mache aber ein Ausnahme :). 50mm / f8 / 30sec

    • Peter Sennhauser says:

      Roman, wie ist das zu verstehen, dass Du Exif ungern rausgibst? Um die Entstehung eines Bildes zu beurteilen, sind die Angaben seiner technischen Daten doch ziemlich unabdingbar?!

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