Kontraste und Schärfentiefe:
Herausforderung im Siebentischwald

In dieser Waldfotografie kommen viele Schwierigkeiten zusammen: Sonnenflecken auf dem dunklen Waldboden, lange Belichtungszeit, erforderliche Schärfentiefe und die Bearbeitung in Schwarz-Weiss.

Canon EOS 40D, 1/10s bei Blende 3.5 mit 18 mm Brennweite und ISO 400 © Henryk Kutschke

Canon EOS 40D, 1/10s bei Blende 3.5 mit 18 mm Brennweite und ISO 400 © Henryk Kutschke

Henryk Kutschke schreibt zu diesem Bild:

dieses bild ist im august 2016 in augsburg entstanden. dieses bild besticht durch seine einzigartige anordnung der vogelhäuser und schafft eine besondere stimmung, die ich damit einfangen wollte.

Man kann dieses Bild unter zwei Aspekten sehen. Zum Einen als Dokumentation (einzigartige anordnung der vogelhäuser) und/oder als Fotografie (besondere stimmung). Wenn man davon ausgeht, dass es hier bei fokussiert.com um Fotografie geht, ist es auch nur sinnvoll, dieses Bild als solche zu betrachten und zu besprechen. Für eine Dokumentation würden die hier relevanten Aspekte keine Rolle spielen.

Durch den Beitrag von Darius Ortmann „Der Mythos vom guten Foto“ hatten wir in der letzten Zeit viele Diskussionen über „das gute Bild“ und ich möchte bei diesem Bild einige der diskutierten Überlegungen anwenden:

Die Idee
Darius: „Mich persönlich begeistert eine gute Idee wesentlich mehr als eine gute technische Umsetzung.

Henryk schreibt dazu:
dieses bild besticht durch seine einzigartige anordnung der vogelhäuser und schafft eine besondere stimmung die ich damit einfangen wollte

Die Idee ist also, zu zeigen, was Henryk dort gesehen hat und mitteilen möchte. Also insoweit eine Dokumentation, bei der dann die Kriterien für eine Fotografie weniger wichtig wären.

Die fokussiert.com-Bildkritik ist die Besprechung einer von Leserseite eingesandten Fotografie. Sie zeigt Tipps und Tricks zu Technik, Komposition und Nachbearbeitung. Sie wollen dabei sein? Reichen Sie Ihre Fotografie ein. Oder buchen Sie eine private Kritik.

Erfüllung eines Zwecks

Darius: „Auch wenn uns das meistens nicht bewusst ist, grundsätzlich gilt, dass jedes Foto einen bestimmten Zweck erfüllen soll. Erinnerung, Dokumentation, Werbung, Selbstaufwertung, Langeweile-Killer, Verdeutlichung von Informationen, und, und und…alles Motivationen, die uns auf Motiv-Jagd gehen lassen. Leider lässt nicht immer eindeutig bestimmen, ob der gewünschte Zweck erfüllt wurde.

Da hier nicht klar ist, ob es eine Dokumentation sein soll, also die Anordnung der Vogelhäuser und die besondere Stimmung zu zeigen, könnte der Zweck durchaus erreicht werden. Die „Vogelhäuser“ sehen aus wie Futterstellen.

Bildgestaltung

Darius: „Es gibt einige Regeln, die eigentlich keine Regeln sind, die versprechen, dass ein Foto bei Einhaltung besser wird. Die Bekanntesten sind wohl der goldene Schnitt, führende Linien oder die Anordnung der Bildelemente in geometrischen Formen.

Hier liegt der Baum im Vordergrund z.B. etwa im goldenen Schnitt. Die Anordnung ist aber auch die einzig Sinnvolle, wenn alle Vogelhäuser auf dem Bild zu sehen sein sollen.
Wenn es eine Dokumentation sein soll, erhebt sich die Frage, warum dies in S/W gemacht wurde.

Technische Umsetzung

Darius: „Der einfachste und naheliegendste Maßstab könnte die technische Umsetzung des Bildes sein. Da fallen einem schnell Bewertungskriterien wie Schärfe, Rauschen/Korn oder Farbtreue ein.“

„Hinzu kommt die Tatsache, dass sich die Technik ständig weiter entwickelt. Technisch gesehen dürften die Fotos, die wir vor z.B. 10 Jahren gemacht haben schlechter sein als die, die wir heute machen. Macht das die Fotos, die wir vor 10 Jahren für technisch gut befunden haben, nun plötzlich schlecht?

Hier sind die größten Probleme erkennbar.
Die verwendete Kamera Canon EOS 40D hat einen Sensor von 22,2 x 14,8 mm (etwa 10 Jahre alt), also etwas weniger als APS-C. Damit entspricht das 18mm Objektiv etwa einem 28mm auf FF. Die 1/10 Sek. ist aus der Hand bei der Brennweite kaum zu halten, ob das Objektiv stabilisiert ist, ist nicht bekannt, aber selbst dann ist die 1/10 Sek. wohl auch kaum zu halten. Selbst das vordere Vogelhaus ist nicht richtig scharf. Das könnte durch Verwackel bei der langen Verschlusszeit entstanden sein und/oder (unwahrscheinlich) durch ein weniger scharf zeichnendes Objektiv. Bliebe die Frage, ob ein Stativ verwendet wurde. In dem Fall hätte aber unbedingt stärker abgeblendet werden können und müssen, um mehr Schärfentiefe zu erhalten.

Noch einmal die Frage, warum in Schwarz-Weiss?
Die Bearbeitung erfolgte mit PaintShop Pro und wohl auch die Umsetzung in S/W. Die größten Probleme zumindest in dieser S/W Bearbeitung sind die Kontraste. Diese werden durch die verwendeten ISO 400 noch verstärkt. Die Aufnahme wurde im August um ca. 18 Uhr gemacht und die Sonne schien durch die Bäume auf den Waldboden. Diesen Kontrast hat entweder der Sensor (wahrscheinlich) nicht gepackt oder er ist in der Bearbeitung zu sehr gepuscht worden. Die Sonnenflecken sind teilweise total ausgewaschen. Das stört (mich) an diesem Bild am meisten.

Was könnte man anders machen?
Entweder die Aufnahme bei bedecktem Himmel machen oder bei diesem Licht eine Belichtungsreihe und HDR Bearbeitung, um die Kontraste in den Griff zu bekommen. Außerdem so weit abblenden, dass die hinteren Vogelhäuser schärfer erkennbar werden. Eine zusätzliche Möglichkeit für mehr Schärfentiefe wäre noch eine Reihe mit unterschiedlichen Fokus zu machen und diese dann als Fokus Stacking zu verarbeiten.

Fazit
erreicht das Bild, was Henryk darstellen wollte?
Dies kann nur jeder für sich beantworten.

14 Antworten
  1. Jens says:

    Hallo Henryk,

    da du ja im Wald stehst kannst du doch ganz einfach die Kamera kräftig an einen Stamm pressen. Damit sollten 1/10s locker zu halten sein. Es muss also nicht immer ein Stativ sein.

    Viel Spaß noch bei der Fotografie
    Jens

    Antworten
  2. fherb says:

    Das Bild war ’ne Überraschung für mich: Als früherer Ornithologe (in meiner Jugend) empfinde ich diese Futterhäuschen als extrem surreal! Ihr merkt das vielleicht nicht so intensiv, wie ich: Das Dargestellte ist so sinnlos, dass es schon wieder gut ist. :-)

    Zuerst zum Fachlichen bzgl. Bildinhalt: Hier dargestellt sind keine Nistkästen, sondern Futterhäuser. Es ist absolut sinnlos, diese auf so engem Raum anzuordnen. Eins würde völlig reichen. Es ist den Vögeln nämlich völlig egal, ob sie alle Samen an einer Stelle vorfinden oder etwas verteilt. Die wenigsten Arten fressen den Samen schon am Futterhaus. Sie holen sich ein Korn, fliegen auf einen Ast und der nächste Vogel hat freie Bahn, um sich auch etwas zu holen. Abgesehen davon, dass der Sinn der Fütterung ökologisch angreifbar ist. Wären es Nistkästen, wäre es ebenso unrealistisch, da jedes Vogelpaar (einer Art) ein bestimmtes Revier benötigt. Wobei mir so eine ähnliche Häufung an Nistkästen tatsächlich vor einer Woche bei Moritzburg (Dresden) begegnet ist und ich das witzig fand. Natürlich werden davon nur ein Teil von den Vögeln angenommen. Reviergröße ist als Futterbeschaffungsareal wichtig, wenn der Nachwuchs schreit. – So viel hier aus fachlicher Sicht zur Unterhaltung. :-)

    Doch nun zum Bild:

    Aus meiner Sicht ist die Wahl von Schwarz-Weiß (bzw. ein Farbton; s. mein Beispiel unten) sinnvoll. Damit sind Farbkontraste aus dem Bild entfernt. Es bleiben Strukturkontraste: Bäume und eben diese Futterkästen. Insofern halte ich die Wahl von S/W für absolut gelungen. Ebenso den recht starken Kontrast. Durch ihn bekommen die Kästen und die Bäume die notwendige Zeichnung. Die „Schlaglichter“ der Sone stören allerdings (kann man mit der Hand in der Nachbearbeitung vielleicht ein wenig korrigieren, solange nicht auch im Raw schon ausgefressen); HDR als Vorlage wäre günstiger – oder weniger strahlendes Wetter).

    Stativ wäre vermutlich ein Stück zu kurz bzgl. der notwendigen Perspektive. Aber förderlich: Unbedingt alle Futterhäuser und deren Bäume ganz scharf abbilden!!! Zur Not ISO (sehr) weiter hoch drehen. Blende zu (11…16). Korn (Helligkeits-Rauschen) schadet hier nicht unbedingt.

    Und ich würde das Bild etwas „flacher“ beschneiden und mit Vignette versehen. Hier dazu eine Variante, auch mit härterem Finish und getönt (Bearbeitung mit RawTherapee):

    Vogelhäuser_fh

    Antworten
    • fherb says:

      Sorry: Vignette ist hier von mir schon ein wenig zu extrem: Die Futterhäuser links und rechts werden unterdrückt. Sah bei der Bearbeitung soeben noch nicht so schlimm aus. Aber zur Demonstration der Bearbeitungsmöglichkeiten sollte es Euch vielleicht die passenden Impulse geben.

    • henryk kutschke says:

      vielen dank für dein feedback sowohl ornithologischer als auch photographischer natur!
      dabei zeigt sich sehr gut wie subjektiv sich das empfinden der menschen darstellt. für den einen ist diese inflationäre anordnung von futterhäusern völlig banal für den anderen absolut surreal und genau deshalb spannend.
      ich habe mir auf jeden fall vorgenommen das gleiche motiv nochmal unter anderen bedingungen vor die linse zu holen.

    • dierk
      dierk says:

      Hallo Frank (fherb),
      “ Zur Not ISO (sehr) weiter hoch drehen. Blende zu (11…16). Korn (Helligkeits-Rauschen) schadet hier nicht unbedingt.“
      Die EOS 40D ist ca. 10 Jahre alt und bietet nur bis zu ISO 3200 und da ist zu der Zeit das Rauschen nicht mehr hinnehmbar.

      Henryk, da bleibt also nur ein Stativ, wenn es denn so hoch reicht und besser bei bedecktem Himmel, dann jedoch mit noch weniger Licht.

      VG
      dierk

    • Lehmann says:

      Hallo fherb,

      Hat Spass gemacht, Deinen informativen Kommentar zu lesen, sowohl im „tierischen“ Sinne, wie auch im technischen!
      Paula

    • fherb says:

      :-) Die Futterkästen sehen nicht so aus, das sie sehr hoch hängen. Ohne etwas unters Stativ zu bauen: Ich würde mal ne leicht Holzlatte und Strick mitnehmen und vor Ort ein passend verlängertes Einbeinstativ daraus bauen. – Die Kamera hat auch ein festes Display, man kann’s nicht nach unten klappen, wie ich gerade bei Amazon sehe. Da ist dann wahrscheinlich nicht so viel zu sehen. Da würde ich weitwinkliger ran gehen, paar Aufnahmen machen und hinterher die Passende beschneiden. Das Motiv hat einen Vorteil: Es läuft nicht weg. Man kann sich vorbereiten und auch einen Tag mit passendem Licht abwarten. Viel Glück Henryk!

  3. Mark Piontek
    Mark Piontek says:

    Erst mal vielen Dank an Henryk Kutschke für das eingereichte Bild und an Dierk für die Kritik.

    Wie Dierk (und Stefan vemutlich auch) hätte ich ebenfalls ein Stativ in den Wald getragen. Weil es finster ist im Wald. Das wussten schon die Gebrüder Grimm ganz lange bevor die Fotografie erfunden wurde.

    Ich finde die Bildidee mit den Vogelhäusern hat schon was, allerdings wäre ich an das vorderste Vogelhaus näher herangegangen. Ein Meter näher heran ändert im Hintergrund noch kaum etwas, am ersten Futterhaus aber schon.
    Es wird dadurch klarer, dass es in erster Linie um Vogelhäuser und danach erst um Wald geht.

    Antworten
  4. dierk
    dierk says:

    @Stefan
    danke für die ergänzenden Überlegungen.

    Das geladene Bild ist hat volle Auflösung und ich möchte noch eine 1:1 Vergrößerung anfügen. Hier ist deutlich zu erkennen, wo die technischen Probleme liegen. Das Bild ist nirgends einwandfrei scharf.
    Vielleicht kann Henryk uns schreiben, ob er ein Stativ benutzt hat?

    Der Siebentischwald ist ein Stadtwald und wenn man in der Stadt wohnt, könnte man sich für ein derartiges Foto das passende Licht und Wetter aussuchen, um eine perfekte Aufnahme zu machen.

    IMG_4782_vlow_gross_crop

    Antworten
    • henryk kutschke says:

      hallo zusammen,

      vielen dank für die tolle bildkritik. das gibt mir viel mit auf den weg wie ich zukünftig meine bilder verbessern kann.

      in diesem fall war ich auf einer gassirunde mit meinem hund unterwegs. hierbei habe ich sehr oft meine kameras dabei falls mir spannende motive auffallen. aus diesem grund hatte ich kein stativ dabei. zu dieser zeit waren die lichtverhältnisse noch recht gut jedoch war dies wie ihr richtig erkannt habt eine eher finstere stelle im wald.

      für s/w habe ich mich entschieden weil ich das motiv an sich auf das wesentliche reduzieren wollte und auch die vorhandenen farbpaletten nicht ansprechend fand.

      grüße

      henryk

    • dierk
      dierk says:

      Hallo Henryk,
      danke für die weiteren Hintergrund Infos.
      Wenn du 1/10 Sek. bei der Brennweite aus der Hand hältst, kannst du dein Stativ ja einmotten :-)

      Wenn du da öfter vorbei kommst wäre natürlich ein Versuch mit Stativ und vielleicht auch stärker abgeblendet interessant. Es könnte jedoch sein, dass dann das Gewirr der Bäume und Äste zu unübersichtlich wird. Unter dem Aspekt ist die offene Blende wie hier verwendet die bessere Wahl. Wie gesagt würde ich jedoch einen bedeckten Himmel vorziehen, um die starken Kontraste zu vermeiden oder du machst es in HDR.

      VG
      dierk

    • fherb says:

      Hallo nochmal (habe oben schon was konstruktives abgeliefert) :-)

      Nimm einfach das Bild noch mal auf, wenn die Sonne stärker gedämpft ist. Verwende ein Stativ nur, wenn dadurch die Perspektive nicht leidet. Sonst einfach höheres ISO und kleinere Blende. Bei dem Motiv kommt das Rauschen nicht so schnell störend hervor. Lasse beim Fotografieren vielleicht noch etwas mehr Platz am Rand. Dann ist es bei der Entwicklung vielleicht etwas einfacher, eine passende Vignette zu legen.

      Und schicke uns, falls Du das Bild noch mal machen solltest, einen Link an diese Stelle. :-)

      Viele Grüße,
      Frank

  5. Stefan Jeschke says:

    Auch fuer mich ist die Anordnung der Futterhaeuser das (einzig) Interessante an diesem Foto. Sie erinnern mich an Lautsprecher, die etwas in die Welt ausposaunen (erinnert mich an das Depeche Mode Cover von „Music for the Masses“). Ich finde den Standpunkt gut gewaehlt, die Bildaufteilung ist ungewoehnlich (der vordere Lautsprecher schaut direkt aus dem Bild heraus), aber spannungsreich, das gefaellt mir. Die Unschaerfe im hinteren Bildbereich finde ich hier auch sehr gut, so lenkt das Unterholzwirrwarr nicht noch staerker ab, und der Raum bekommt mehr Tiefe. Ausserdem sitzt bei jedem „Lautsprecher“ in der Naehe ein Lichtpunkt, was das Auge schoen herumwandern laesst. Auch das bringt ein wenig „Ordnung“ in die Szene, besonders der Lichtpunkt rechts zwischen vorderem und ganz rechtem Futterhaus ist sehr wichtig.
    Bei den technischen Dingen bin ich ganz bei Dierk, die Lichter reissen aus dass es nur so eine Freude ist.. :-) Ich vermute die SW Umsetzung wurde deshalb gemacht, weil die Farbe hier einfach nur abgelenkt hat: das Braun/Gruen der Baumstaemme gegen das helle Gelb der Lichtpunkte -> da ist die Futterhausanordnung warscheinlich zu weit in den Hintergrund getreten. Das ist aber natuerlich nur Spekulation.
    Insgesamt glaube ich den Author zu verstehen was er gemeint hat, er hat m.E. die spannende Anordnung der Futterhaueser gut ruebergebracht, aber ein „Wow!“-Gefuehl stellt sich bei mir trotzdem nicht ein.. Ob man nun mit einem leichten Tele oder vielleicht doch mit einem Weitwinkel mehr draus machen koennte, muesste man vor Ort ausprobieren.

    Viele Gruesse,
    Stefan

    Antworten

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